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Die Hand einer jungen Frau hält die Hand einer älteren Dame.

Wer soll uns pflegen? Strategien gegen den drohenden Personalmangel

Experten rechnen bis 2040 mit vier Millionen pflegebedürftigen Menschen. Wer soll sich in Zukunft um sie kümmern? Aktuelle Studien gehen außerdem davon aus, dass wir 2030 bis zu 500.000 Menschen insgesamt für die Versorgung in Deutschland mehr brauchen.

Schon seit Jahren suchen Altenheime und mobile Pflegedienste händeringend nach Fachkräften, um die fünfzig Prozentquote zwischen Pflegehilfskräften und ausgebildeten Altenpflegerinnen und Altenpflegern zu halten. Gut Ausgebildete können sich in manchen Regionen Deutschlands darum ihre Stelle aus vielen Angeboten aussuchen.

Schulgeld muss gezahlt werden

Der akute Fachkräftemangel in der Pflege in Deutschland ist auch darauf zurück zu führen, dass die Ausbildung in manchen Bundesländern bezahlt werden muss. 50 bis 300 Euro monatlich müssen Auszubildende bezahlen, um Altenpfleger oder Altenpflegerin zu werden. Seit zumindest manche Bundesländer das Schulgeld abgeschafft haben, steigt das Interesse an diesem Beruf wieder.

Pflegekräfte machen auf Missstand aufmerksam

Pflegekräfte machen auf Missstand aufmerksam

Immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner von Altenheimen sind sehr krank und brauchen neben der Pflege auch gute medizinische Betreuung. Andererseits sind immer mehr Patienten und Patientinnen auf internistischen oder onkologischen Stationen der Krankenhäuser sehr alt. Welche Berufsgruppe wen pflegen soll, ist also schwer zu entscheiden. Eine gemeinsame Ausbildung könnte den Beruf daher aufwerten. Einen Beruf, der in der Gesellschaft eigentlich gut angesehen ist.

Zum positiven Image des Berufs passen die Rahmenbedingungen, unter denen die Beschäftigten arbeiten müssen, jedoch gar nicht. Eine Pflegefachkraft verdient im Monat ca. 2200 Euro brutto. Davon müssen noch Steuern und Sozialabgaben bezahlt werden. Lokführer und Lokführerinnen rechtfertigen ihre Lohnforderungen immer damit, sie hätten Verantwortung für das Leben anderer Menschen. Die haben Altenpfleger und Altenpflegerinnen aber auch. Immerhin muss ab 2015 ein Mindestlohn von 9 Euro 40 gezahlt werden, ab 2017 soll er auf 10 Euro 20 pro Stunde steigen.

Ein Rollstuhl steht einsam in einem Flur.

Piloten und Lokführer rechtfertigen ihre Lohnforderungen immer damit, sie hätten Verantwortung für das Leben anderer Menschen, die haben Altenpfleger aber auch

Pfleger und Pflegerinnen arbeiten nicht gerne in Deutschland

Miese Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung halten auch ausländische Altenpfleger und Altenpflegerinnen davon ab, nach Deutschland zu kommen. Zwar wird immer wieder davon gesprochen, man müsse Pflegerinnen und Pfleger in Polen, Rumänien oder Asien anwerben, doch die gehen lieber in andere Länder, beispielsweise nach Skandinavien, Großbritannien oder in die USA.

Außerdem verbraucht die schriftliche Dokumentation der Arbeit oft mehr Zeit als die eigentliche Pflege, denn heute muss alles niedergeschrieben werden: die Pflegeplanung, Berichte, Vitalzeichen, Ernährungspläne, Einfuhrpläne. Das ist auch der Politik bekannt. Daher setzt sich Staatssekretär Karl-Josef Laumann dafür ein, dass die Dokumentation wieder vereinfacht wird. Er schlägt ein Modell vor, bei dem nicht mehr aufgeschrieben wird, was normal ist, sondern nur besondere Vorkommnisse. Es gibt Pflegewissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die sagen, dass man mit dieser Dokumentation 30-40 % der Zeit einsparen kann.

Kein Schulgeld, gemeinsame Ausbildung mit Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern, weniger Aufwand für die Dokumentation, was könnte noch getan werden, um die Altenpflege attraktiver zu machen? Auch Pflegefachkräfte sollen sich selbst verwalten, ihre Interessen vertreten und die Qualität der Arbeit selbst definieren und überwachen. Deshalb will Rheinland-Pfalz eine Pflegekammer gründen.

Eine Frau pflegt eine Angehörige

Pflegende Angehörige können Urlaub von der Pflege nehmen und ein Profi kümmert sich in dieser Zeit um den Angehörigen

Einstufung und Koordination der Pflege

Auch das wiederum hebt das Image des Berufs und macht ihn attraktiver. Andere Ideen setzen bei den Seniorinnen und Senioren an und stärken zum Beispiel deren Fitness. Pflegebedürftigkeit kündigt sich außerdem oft an. Man kann ihr vorbeugen oder die Menschen sehr früh so einbinden, dass sie möglichst lange zu Hause bleiben können. Manchmal lohnt auch ein Blick in ferne Länder, sagt Michael Isfort.

Denn in Japan gibt es eine ähnliche Problematik, dort ist man in der Altersdemographie etwa 5-10 Jahre noch vor Deutschland. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass es dort sogenannte Fallmanagerinnen und Fallmanager gibt, das heißt, es koordiniert jemand, der oder die die fachliche Ausweisung hat, auch die Anzahl der Hilfen und kann somit für das entsprechende Hilfesystem sorgen. In Deutschland ist es der medizinische Dienst, der eine Pflegestufe feststellt, aber dann nicht weiter die Versorgung steuert.

In Deutschland gibt es kein Fallmanagement, daher empfiehlt der Pflegewissenschaftler Isfort jedem, sich über Leistungen zu informieren, die ihm und ihr zustehen. So können pflegende Angehörige beispielsweise Urlaub von der Pflege nehmen und ein Profi kümmert sich in dieser Zeit um den Angehörigen. Urlaub von der Pflege ist wichtig, damit Pflegerinnen und Pfleger sich erholen können. Das gilt besonders für die Profis. Denn Pflege ist ein Knochenjob und er ist oft weiblich. Und nur jede zweite Pflegekraft kann sich vorstellen, bis zur Rente in diesem Beruf zu arbeiten.

Seniorin hält ihren Gehstock

Noch gibt es keine Lösung, wie ältere Pflegende im Beruf gehalten werden können

Generationenvertrag längst verinnerlicht

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ließ dazu genaue Zahlen in 730 Einrichtungen ermitteln. Ergebnis: 30 Prozent der Altenpfleger und Altenpflegerinnen sind zwischen 41 und 50 Jahre alt. Aber nur noch fünf Prozent über 60. Viele hören mit Ende 50 auf, müssen dann aber finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Noch gibt es keine Lösung, wie ältere Pflegende im Beruf gehalten werden können. Denn wenn Ältere entlastet werden, müssen Jüngere mehr arbeiten. Doch diesen Generationenvertrag praktizieren einige Teams an Pflegern und Pflegerinnen schon längst von allein.