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Wenn Gletscher schmelzen Faszinierende Wildnis im Hochgebirge

Klimaforscher schlagen Alarm: Steigende Temperaturen lassen die Gletscher schmelzen. Allein in den Alpen könnte sich ihre Zahl nach Schätzungen von Experten in den nächsten 20 Jahren halbieren. Doch das Ökosystem des Hochgebirges reagiert flexibel auf den Klimawandel. Seine Lebensräume bieten ein einzigartiges Refugium für Pflanzen und Kleinstlebewesen. Forscher entdecken eine neue Wildnis - und zwei Millionen Jahre Erdgeschichte.

Pasterze-Gletscher in den Hohen Tauern in Österreich

Pasterze-Gletscher am Großglockner in Österreich

Am Pasterze-Gletscher des Großglockner lässt sich das Schicksal der meisten Gletscher dieser Welt betrachten: Sie ziehen sich zurück und lassen eine neue Wildnis entstehen. Auf das wenige Grün inmitten der Welt aus Stein, Sand und Lehm hat Katharina Aichborn ein besonderes Auge geworfen: "Das sind insbesondere die sogenannten Steinbrecharten. Der Name ist sehr bezeichnend, denn sie brechen die Steine: Sie wachsen mitten im Geröll."

Fetthennen-Steinbrech (Saxifraga aizoides)

Fetthennen-Steinbrech

Die Botanikerin und Mitarbeiterin des Nationalparks Hohe Tauern zählt die Pionierpflanzen auf, darunter der Fetthennen-Steinbrech mit seinen auffälligen, gelben Blüten, oder der Zweiblütige Steinbrech. Einmal festgesetzt, wachsen sie allmählich zu Nährstoff spendenden Polstern heran, woraufhin sich andere Pflanzen ansiedeln können. In 50, 60 Jahren, schätzt Aichborn, werde das gesamte Gletschervorfeld, das erst seit 2010 frei ist, grün sein. Noch 100 Jahre und die ersten Lärchen könnten wachsen.

Klimawandel – Verwandlung in den Höchstlagen

Christian Körner ist Professor für Pflanzenökologie an der Universität Basel und Spezialist für Hochgebirgsökologie. Während viele Forscher studieren, wie und in welchem Umfang Gletscher durch den Klimawandel schmelzen, interessiert Christian Körner, wie sich Ökosysteme verändern. In der Pasterze lassen sich wie im Modell die vergangenen zwei Millionen Jahre Erdgeschichte beobachten; wie die Alpen, die Tiere und Pflanzen auf die Bewegungen der Gletscher und die veränderten Temperaturen reagiert haben. Den Klimawandel sieht Christian Körner auch als Chance: "Der Rückgang der Gletscher ist für manche bedauerlich. Für die Organismen jedoch öffnet sich ein neuer Lebensraum."

Natürliche Schmerzgrenze der Bäume bei 6,5 Grad

Im Gegenlicht der Nachmittagssonne leuchten die gelben Nadeln der Lärchen in den Alpen nahe dem Matterhorn, unweit von Zermatt, Schweiz.

Lärchen in den Alpen

Die Lärche ist unter den Baumarten die Pionierin auf den noch rohen Böden. Gefolgt von Zirbe und Fichte, die schon etwas mehr Bodenqualität und Nährstoffe benötigen, erklärt Christian Körner. Nach dem Ende der jüngsten Eiszeit hatten sich die Bäume in den Alpen schnell bis auf jene Höhenstufen verbreitet, in denen sie auch heute wachsen. Warum gibt es eine Baumgrenze, wollte Körner wissen und hat dazu Temperatur-Messgeräte unter anderem in Patagonien, den Rocky Mountains und in den Alpen aufgestellt.

Seine Untersuchung ergab, dass Bäume dort gedeihen, wo während der Wachstumsperiode die Durchschnittstemperatur höher als 6,5 Grad liegt: "Bäume sind durch ihren aufrechten Wuchs sehr eng an die Atmosphäre gekoppelt. Der Wind streicht durch die Äste, eine Baumkrone kann sich in ihrer Temperatur kaum entfernen von der Lufttemperatur." Und die Lufttemperatur folge einem physikalischen Gesetz: Je 100 Meter Höhe sinke sie um 0,5 bis 0,6 Grad.

Krautpflanzen als natürliche Wärmespeicher

 Elektronenmikrospische Aufnahme eines Springschwanzes

Elektronenmikrospische Aufnahme eines Springschwanzes

Für die kleinen Pflanzen der Alpenmatten, Edelweiß, Enzian und Alpenrose, gelte das nicht. Als besonders resistent auch in Höhenlagen erweist sich der Gegenblättrige Steinbrech, der gerade im Vorfeld des Pasterze-Gletschers Wurzeln schlägt. Selbst auf 4500 Metern, am Dom in der Mischabel-Gruppe in der Schweiz, finden sich mehrere Steinbrechkissen. Die kleinwüchsige Gebirgspflanze wächst so niedrig über dem Gestein, dass sie die Sonnenenergie optimal einfängt und speichert – inmitten einer Welt voller Eis und Kälte. Wenn die Sonne auf dem Dom scheint, heizen sich die Steinbrechkissen auf 15 bis 18 Grad auf – ein Paradies für Kleinstlebewesen, wie Körner herausfand: "Wir haben sogar Tiere da drin gefunden, zum Beispiel Springschwänze, zwei Millimeter große Urinsekten, daneben Pilze und Bakterien."

9.000 Jahre alte Lärche zeigt Klimawandel

Nationalpark Hohe Tauern

Alpengletscher auf dem Rückzug

Wenn Gletscherzungen sich zurückziehen, geben sie Urlandschaften frei, die häufig Aufschluss über die Vergangenheit geben. So legten Forscher am Salzbodensee den Stamm einer 9.000 Jahre alten Lärche frei. Funde wie dieser helfen ihnen, das Klima über Jahrtausende hinweg zu rekonstruieren. Laut Glaziologin Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung an der der Österreichischen Akademie der Wissenschaften waren zwei Drittel der letzten 10.000 Jahre wärmer als heute.

Während der Eiszeiten war das Klima jedoch nicht nur kalt, sondern auch ausgesprochen trocken. Die Frage ist, wie sich der Faktor Niederschlag künftig durch den menschengemachten Klimawandel verändern wird. Denn auch der spielt bei den Folgen für die Ökosysteme eine zentrale Rolle, nicht nur die Durchschnittstemperaturen. Trotz steigender Temperaturen könnten Pflanzen im Hochgebirge künftig weniger Zeit zum Wachsen haben. Der Grund: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit halten als kalte. Und wenn diese feuchteren Luftmassen im Hochgebirge aufsteigen, fällt mehr Regen oder Schnee. Für die Hochgebirgsflora sagt Christian Körner daher kürzere Bergsommer vorher.

Wo einst karge Gletscherwelt, entsteht neue Wildnis

Die Kürsinger Hütte liegt im Nationalpark Hohe Tauern auf 2.558 Metern Höhe. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts brachen Bergsteiger von hier aus bequem zu ihren Eistouren auf die Gipfel der Venedigergruppe auf. Vom Gletscher vor der Hüttentür ist hier nichts mehr zu sehen. Für Wolfgang Urban, Leiter der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern in Mittersill, verwandelt sich die einst karge Eislandschaft in eine natürliche "primäre" Wildnis. Und diese bietet die seltene Gelegenheit, Wandlungsprozesse weitestgehend unabhängig von menschlichen Einflüssen zu beobachten.

Die Rückzugsgebiete des Gletschers erfordern als Relikte einer Urlandschaft besonderen Schutz. Diesen hat sich die Stiftung PAN Parks zur Aufgabe gemacht. Sie will mehrere europäische Wildnisgebiete in Höhenlagen in einem Schutzgebiet vereinen. Im kommenden Jahr soll entschieden werden, ob das Herz des Nationalparks Hohe Tauern künftig dazu gehören und stärker als bisher vor menschlichen Eingriffen geschützt wird.


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