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Krank ohne Grund? Wenn der Arzt nichts findet

Viele kennen das: Man geht zum Arzt, weil man Schmerzen hat, sich unwohl fühlt, Schwindelattacken oder gar Schmerzen im Brustkorb hat. Es wird geröntgt, Blut abgezapft, getastet, abgehorcht - alles, was die moderne Medizin hergibt, wird gemacht. Doch häufig können Ärzte keine körperlichen Ursachen für die Beschwerden finden. Fachleute sprechen dann von somatoformen Störungen. Was steckt dahinter?

Eine Prüfung steht an und dann das: Das Herz rast, ein Kloß sitzt im Hals, man zittert, schwitzt und alles tut weh.
Brücher: Das sind alles formal beschrieben somatoforme Phänomene. Es ist keine Krankheit, weil es nach der Situation weg ist. Menschen mit einer somatoformen Störung erleben eben alle diese und gegebenenfalls noch viele andere Symptome, aber eben so, dass sie nicht bezogen sind auf bestimmte Anlasssituationen.

Symptome ohne körperliche Ursache

Schmerzen

Schmerzen gibt es auch ohne körperliche Ursache

Menschen mit somatoformen Störungen erleben Schwindel, Tinnitus, Erschöpfung und Schmerzen, die sie in ihrem Alltag mehr oder weniger immer begleiten, viel intensiver und langanhaltender, erklärt Psychiater Klaus Brücher: Es ist eine Störung, die somatisch, also körperlich aussieht, aber eigentlich keine körperlich begründbare Ursache oder wenigstens hinreichend körperlich begründbare Ursache hat.

Weit verbreitetes Phänomen

Somatoforme Störungen treten bei beiden Geschlechtern, in allen Altersgruppen, Schichten und Kulturen auf und es trifft sehr viele Menschen, sagt der Psychosomatiker Peter Bagus:

Kassenpatienten warten

Von Arzt zu Arzt

Man kann schon davon ausgehen, dass in der Allgemeinarztpraxis etwa 20 Prozent der Patienten unter so genannten somatoformen Beschwerden leiden. Man spricht erst wirklich von somatoformen Beschwerden, wenn diese mindestens ein halbes Jahr andauern und immer wieder neue organmedizinische Abklärungen gemacht wurden sind bzw. vom Patienten auch eingefordert werden.

Ganz wichtig ist, die Beschwerden ernst zu nehmen, denn die Betroffenen bilden sich die Schmerzen nicht ein, sagen die Experten. Peter Bagus:

Es sind Menschen, die tatsächlich unter ganz ausgeprägten Beschwerden leiden und diese Beschwerden auch nicht nur mal eben fehldeuten bzw. auch nicht wie es der Hypochonder vielleicht machen würde in besonderer Weise betonen.

Schmerzzentrum aktiviert

Mit modernen bildgebenden Verfahren kann gezeigt werden, dass offenbar bei den somatoformen Schmerzstörungen die gleichen Zentren im Gehirn aktiviert werden, wie bei einer "echten Schmerzstörung".

Ärztin hört Patienten ab

Körperliche Ursachen ausschließen

Bevor die Diagnose "somatoforme Störung" gestellt wird, muss unbedingt abgeklärt werden, dass keine körperliche Ursache vorliegt, die die Symptome erklären lässt. Das hat absolute Priorität. Findet man dort auch nach mehrfachen Wiederholungen nichts, muss in eine andere Richtung gedacht werden. Peter Bagus:

Es ist für den Hausarzt nicht immer einfach. Es handelt sich in der Regel um Patienten, die 100prozentig davon überzeugt sind, krank zu sein und wenn der Arzt dann in Richtung Psyche weißt, kann es schnell passieren, dass die Patienten sich einfach nicht ernst genommen fühlen, gleichzeitig den Arzt ehr unter Druck setzen und dann es manchmal so sein kann, dass der Arzt denkt, haben wir denn nun auch wirklich alles untersucht? Dadurch kommt es dann häufig zu Doppeluntersuchungen.

Odyssee von Arzt zu Arzt

Diese Patienten haben, so der Psychiater Klaus Brücher, meist eine lange Odyssee im Rahmen des medizinischen Versorgungssystems hinter sich. Sie gehen nämlich zu dem einen Spezialisten, wenn dort nichts gefunden wird, zum nächsten Spezialisten, immer in der Hoffnung, dass die neue Disziplin diese Beschwerden jetzt endgültig klären könnte.

Betroffene sind in der Regel froh, wenn eine körperliche Ursache gefunden wird. Wenn Schmerzen im Brustbereich auf einen Herzinfarkt hindeuten, ist das sozial angesehener und ist oft einfacher, als sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Doch darum kommt man nicht umhin, erklärt Psychotherapeut Peter Bagus: Dann ist es noch wichtig weiter zurück zu fragen, auch biografische Parameter zu erheben, weil es doch auch gar nicht so selten weit zurückliegende Stressparameter sind, die plötzlich zusammen mit aktuellen Lebensstressoren oder auch körperlichen Belastungen kommen und dann den Boden für eine solche somatoforme Störungsentwicklung bereiten.

Mögliche Ursachen in der Kindheit

Junge versteckt sich hinter Teddy

Ursachen in der Kindheit?

Solche Menschen waren, so der Psychiater Klaus Brücher, in ihrer Kindheit, in ihrer frühen Jugend entweder Traumatisierungen ausgesetzt und/ oder haben nie recht gelernt, aufgrund von mangelnder Interaktion mit ihren Bezugspersonen, ihre eigenen körperlichen Zustände angemessen wahrzunehmen, angemessen zu differenzieren, auch angemessen zu benennen und diese Beschwerden wieder einzufangen und einzugrenzen.

Zugang zu den Gefühlen wiederfinden

Mit Psychotherapie, körperlicher Aktivität, künstlerischem Gestalten und Musiktherapie versuchen die Therapeuten, den Weg zu den Emotionen der Betroffenen zu finden. Sie sollen Verständnis dafür entwickeln, dass es eine Wechselwirkung von Körper und Seele gibt. Peter Bagus:

Das Ziel kann bei einzelnen Patienten tatsächlich auch eine völlige Genesung sein. Bei anderen kann es sein, mit bestimmten körperlichen Befindlichkeitsstörungen zurechtkommen zu müssen. Bei Menschen, die jetzt lange chronifizierte Schmerzsyndrome haben, da geht es dann oft darum, ein Maß zu erreichen, wo Schmerzen aushaltbar sind und wo eine gewisse, ganz akzeptable Lebensqualität entsteht.

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