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Mehr als heiße Luft? Der Weltklimareport 2013

Vier Tage lang diskutierten politische Delegierte der Staatengemeinschaften und Wissenschaftler in der schwedischen Hauptstadt Stockholm über den Welt-Klimareport. Die sogenannte "Zusammenfassung für Politiker" bildet die Basis der globalen Umwelt- und Energiepolitik - entsprechend umstritten sind die Daten. Welchen Sinn machen solche Welt-Klimaberichte überhaupt?

Eisbären auf Futtersuche

Symbol für den Klimawandel: Eisbären auf Futtersuche

Bis spät in die Nacht haben sie um Formulierungen gerungen, die Klimaforscher und die Regierungsvertreter. Soll da jetzt stehen, dass sich der Golfstrom wahrscheinlich abschwächt oder sehr wahrscheinlich? Vor allem aber: Soll da drin stehen, dass die Durchschnittstemperaturen seit 15 Jahren stagnieren und soll der Bericht dafür eine mögliche Erklärung anbieten? Die Delegierten haben sich dagegen entschieden. Stattdessen steht da jetzt: Jedes der letzten drei Jahrzehnte war wärmer als das jeweils vorangegangene.

Nicht wirklich Neues

Weltklimagipfel in Stockholm 2012

Weltklimagipfel in Stockholm 2012

Im Großen und Ganzen bietet der Bericht nichts wirklich Neues, der Anstieg des Meeresspiegels fällt etwas höher aus als beim letzten Mal, aber mehr als ein medialer Weckruf ist es eigentlich nicht. Und da gibt es ein Problem: Nachdem wir sechs Jahre auf diesen neuen Bericht gewartet haben, wird über den heutigen Auftakt der Veröffentlichung am meisten berichtet. Dabei ist dieser am uninteressantesten: Denn der eigentliche Bericht wurde heute gar nicht veröffentlicht, sondern nur die politisch-diplomatisch ausgehandelte Zusammenfassung.


Das, was die Wissenschaftler zusammen getragen, bevor die Politik dazu kam, werden wir erst am Montag erfahren – aber dafür werden sich die Medien kaum noch interessieren. Darüber hinaus hat der Klimabericht ja drei Teile. Und jetzt ist nur Teil 1 erschienen. Darin geht es um die rein klima-naturwissenschaftliche Erkenntnis: Wie stark war die Erwärmung bisher, wie warm kann es noch werden, und wie hoch ist der Anteil des Menschen daran? Aber genau da gibt es nun wirklich kaum etwas Neues, das ist hinlänglich bekannt.

Wesentliche Infos im nächsten Jahr

Viel interessanter wird sein, wie Wissenschaftler heute die konkreten Folgen in den nächsten Jahrzehnten einschätzen: Was bedeutet Klimawandel konkret für die Wasserversorgung in trockenen Regionen, für die Landwirtschaft in Mitteleuropa, für den Küstenschutz, wie schnell muss die Politik handeln, auch um sich an den Klimawandel anzupassen? Und: Wie lässt sich der Klimawandel möglichst effizient eindämmen, welche Maßnahmen sollten dabei welche Priorität genießen? Diese weiterführenden Informationen werden aber in Teil 2 und Teil 3 stehen, die erst im nächsten Jahr erscheinen.


Ein überholtes Ritual?

Kein Zweifel, die Berichte des Weltklimarats waren in der Vergangenheit wichtig. In keiner anderen Wissenschaft wird regelmäßig so systematisch das gesamte Wissen sortiert und zusammen gefasst - schade eigentlich für die anderen Wissenschaften und die anderen Umweltprobleme. Denn es ist diesen Berichten zu verdanken, dass das Thema Klima immer noch höhere Aufmerksamkeit genießt als etwa die Ausbreitung der Wüsten, der Plastikmüll in den Meeren, die Überfischung der Meere oder auch die Verknappung von Phosphor. Doch angesichts der zurückliegenden Jahre stellt sich die Frage, ob mehr Aufmerksamkeit zwangsläufig eine größere Wirkung mit sich bringt. Und ob sich das Ritual der Weltklimaberichte nicht langsam überholt hat.


Wissen ist nicht gleich handeln

Begrenzung der Erderwärmung noch möglich?

Begrenzung der Erderwärmung noch möglich?

Auch in der Wissenschaft fragen sich manche Experten zu Recht, ob sich der Riesenaufwand - 600 Autoren aus 32 Länder, die über mehrere Jahre wissenschaftliche Studien sichten, bewerten auswählen und zusammenfassen und viel Zeit in diese Berichte investieren – ob sich dieser Aufwand lohnt. Denn alles, was die Welt im Klimaschutz beschließt, hinkt weit dem hinterher, was angesichts des Sachstands notwendig ist – das wissen alle, weiß Merkel, weiß Obama, weiß der chinesische Ministerpräsident Li Kequiang. Dass sich Politiker mit ihren Bürgern nicht zu wirksameren Maßnahmen durchringen können oder wollen, liegt nicht daran, dass sie zu wenig über den Klimawandel wüssten.


Mehr als nur hitzige Debatten?

Weltklimareport - Verschnaufspause in der Erderwärmung

Weltklimareport - Verschnaufspause in der Erderwärmung

Natürlich hat gerade Obama erheblichen Widerstand von der Klimaskeptiker-Lobby im eigenen Land, aber die werden sich auch vom 75. Weltklimabericht nicht eines Besseren belehren lassen, sondern lieber weiter ihren Verschwörungstheorien anhängen. Umgekehrt, auch das, was immerhin geschieht: die Energiewende bei uns, der Ausbau von Wind und Solarstrom in China – geht zwar noch viel zu langsam – bedarf aber vermutlich auch keiner weiteren Alarmglocken vom Weltklimarat mehr. Ein Kollege sagte es neulich ganz richtig: Ob das geplante neue Klimaabkommen 2015 in Paris zustande kommt, hängt nicht davon ab, was im Weltklimabericht steht – sondern davon, ob es nächstes Jahr oder im Jahr drauf mal wieder so richtig heiß wird, mit ein paar kräftigen Hurrikans, Hochwassern und Dürren.

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