Computergrafik Viren (Foto: SWR, SWR - Grafik)

Welt-Aids-Kongress Wann wird das Virus besiegt sein?

AUTOR/IN

Ralf Caspary im Gespräch mit SWR-Wissensredakteurin Ulrike Till

Rund 37 Millionen Menschen weltweit sind HIV-infiziert – und trotz aller Fortschritte stirbt jährlich mehr als eine Million Patienten an Aids, vor allem in sehr armen Ländern. In dieser Woche treffen sich nun rund 18.000 Forscher, Aktivisten und Regierungsvertreter bei der Welt-Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban – auch Promis wie Bill Gates, Prinz Harry oder Elton John haben sich angekündigt. Was gibt es Neues aus der Forschung? Wie wahrscheinlich ist es, dass Aids 2030 tatsächlich besiegt sein wird? Genau das haben sich die Vereinten Nationen ja vorgenommen – ein äußerst ehrgeiziges Ziel. Eine Einschätzung der SWR-Medizinredakteurin Ulrike Till:

Bei der Suche nach einem Heilmittel gegen Aids haben sich ja schon viele Hoffnungen zerschlagen – gibt es da endlich Fortschritte?

Ja, da sind viele Wissenschaftler im Moment so zuversichtlich wie lange nicht mehr; gerade erst haben führende Aids-Forscher in "Nature" eine globale wissenschaftliche Strategie für die Entwicklung eines Heilmittels skizziert. Mit einem schnellen Durchbruch ist trotzdem nicht zu rechnen, aber es gibt mittlerweile mehrere ganz vielversprechende Entwicklungen. Ein ganz großes Thema sind dabei Antikörper: es hat ja immer wieder Patienten gegeben, die ihre Ärzte mit einer ganz starken körpereigenen Abwehr gegen Aids verblüfft haben. Von solchen Kranken hat man im Laufe der Zeit Antikörper isoliert und gesammelt – amerikanische Forscher haben gerade Patienten in einer kleinen Pilotstudie mit so einem Super-Antikörper behandelt; immerhin bei jedem Dritten wurde das HI-Virus teils über Monate erfolgreich bekämpft. Die Hoffnung ist jetzt, dass es mit einer Kombination mehrerer Antikörper deutlich besser klappen könnte.

Welt-Aids-Tag (Foto: SWR, SWR -)
Trotz des medizinischen Fortschritts sterben weltweit immer noch rund 1 Million Menschen pro Jahr an den Folgen von Aids. SWR -

Und wie weit ist die Forschung inzwischen bei der Entwicklung eines Impfstoffs, ist da ein Durchbruch in Sicht?

Eine klassische Impfung wie gegen Masern ist nach wie vor nicht in Sicht – da hat man ja einen lebenslangen Schutz durch eine sogenannte aktive Immunisierung; das heißt man prägt durch die Impfung das Immunsystem so, dass es beim ersten Kontakt mit dem Masernvirus den Eindringling selbst bekämpft. Beim HI-Virus hat das bisher nicht oder nur sehr mangelhaft geklappt, aber eine passive Immunisierung scheint auch gegen den Aidserreger möglich. Der Unterschied liegt darin, dass der Körper das Virus nicht selbst bekämpft, den Job übernehmen – wie bei einem möglichen Heilmittel – maßgeschneiderte Antikörper. Das hat in aktuellen Versuchen mit Affen schon ganz gut geklappt; der beste Antikörper hat die Tiere ein halbes Jahr lang geschützt. Allerdings bauen sich die Antikörper mit der Zeit im Körper ab, so eine passive Immunisierung muss man alle paar Monate auffrischen. Aber als Vorsorge für Hochrisikogruppen könnte das ein gutes Konzept sein -- bei Hepatitis A hat das jahrelang gut funktioniert: als es noch keine Hepatitis-Impfung gab, konnten sich gefährdete Personen, zum Beispiel vor einer Fernreise, mit Antikörpern schützen.

Was ist denn mit einer Gentherapie gegen Aids – ist das immer noch reine Utopie oder inzwischen doch realistisch?

Das rückt jetzt tatsächlich in den Bereich des Möglichen: erst im Februar haben Forscher aus Hamburg und Dresden weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Sie haben mit einer Art molekularer Schere den Bauplan des Aidserregers aus infizierten Zellen einfach herausgeschnitten. Bei genetisch veränderten Mäusen hat das bestens funktioniert; nach zwei Wochen waren fast alle HI-Viren beseitigt. Und zwar nicht mit der derzeit heißt diskutierten Crispr Cas Technik, sondern auf die altmodische Art, über die jahrelange Entwicklung eines bestimmten Enzyms. Das schneidet nach Auskunft der Forscher noch exakter als Crispr es in dem Fall könnte, und greift bei mehr als 90 Prozent der bekannten HI-Erreger.

Könnte das denn jetzt tatsächlich der Durchbruch in der Aidstherapie werden?

Das klingt natürlich spektakulär, aber ob das Verfahren auch beim Menschen so reibungslos funktioniert, kann im Moment niemand sagen. Im Tierversuch gab es keine Komplikationen – dennoch sind die ersten Tests bei Menschen riskant. Es ist möglich, dass die Genschere doch nicht so zielgerichtet arbeitet wie erwartet, dann sind gravierende Nebenwirkungen möglich; auch das Tumorrisiko könnte steigen. Außerdem ist die Methode schon rein technisch extrem aufwendig und damit auch sehr teuer: Ärzte müssten den Patienten blutbildende Stammzellen, zum Beispiel aus dem Oberschenkelknochen entnehmen, und die Genschere einsetzen. Dann sollen die veränderten Stammzellen übers Blut wieder zurück in den Körper gegeben werden und dort das HI-Virus bekämpfen. Die Wissenschaftler haben einen Versuchsplan für zehn Patienten in der Schublade – die Studie kostet aber 15 Millionen Euro, bisher hat sich noch keiner gefunden, der das finanziert.

Gibt es denn auch greifbare Fortschritte, von denen Patienten jetzt schon profitieren?

Die wichtigste Veränderung hat im Lauf des letzten Jahres stattgefunden: 2015 hat eine große Studie ganz klar gezeigt, dass eine frühe Therapie Aidspatienten am besten vor Komplikationen schützt. Das heißt, jetzt warten Ärzte nicht mehr ab, bis eine bestimmte Virusmenge im Blut erreicht ist, sondern verordnen gleich Medikamente. Im Moment sind das noch mehrere Tabletten täglich – aber auch das könnte sich bald ändern: derzeit laufen Versuche mit lang wirksamen Spritzen; dann müssten Infizierte nur noch alle zwei oder drei Monate für eine Injektion zum Arzt. Das Konzept hat allerdings auch eine Kehrseite: wer dann die Spritze verpasst, hat im Nu wieder sehr viele Viren im Blut – die können leicht Resistenzen entwickeln – und auch das Risiko, den Partner anzustecken, steigt sprunghaft an.

Aids in Afrika (Foto: DPA -)
Jeder siebte HIV-positive Mensch lebt in Afrika. DPA -

Kann man im Lichte des medizinischen Fortschritts heute mit Aids alt werden?

Wenn die Therapie sehr früh beginnt, haben Aids-Patienten eine nahezu gleiche Lebenserwartung Menschen ohne HIV. Das ist ein enormer Fortschritt gegenüber den letzten vier Jahrzehnten. Leider werden mehr als die Hälfte der HIV-Positiven nicht behandelt, besonders schlimm ist die Situation in Gebieten in Afrika und Osteuropa. Außerdem stagniert die Zahl der Neuinfektionen. Besiegt ist Aids also noch lange nicht.

AUTOR/IN
STAND