Hummeln haben es in Städten oft besser als auf dem Land (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)

Verstummtes Summen Warum die Insekten sterben

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SWR2 Wissen. Von Susanne Harmsen

In den letzten 25 Jahren haben Insekten in Deutschlands um bis zu 80 Prozent abgenommen – und mit ihnen die Vögel. Naturschützer schlagen Alarm.

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Insekten gibt es seit fast einer halben Milliarde Jahren auf der Erde. Sie sind die vielfältigste Tierklasse überhaupt, mit knapp einer Million Arten – und dennoch die wohl am wenigsten beachtete. Auch deshalb fiel es zunächst kaum auf, dass Käfer, Fliegen, Bienen oder Schmetterlinge verschwanden.

Keine Biene, kein Volk

Wie Pestizide genau auf Insekten wirken, ist am besten an der Honigbiene erforscht. Wenn Bienenvölker kränkeln oder sterben, verweisen viele auf möglichen Befall mit Varroa-Milben. Dieser kaum 2 Millimeter große Parasit wurde vom Menschen aus Südostasien eingeschleppt, befällt die Brut der Bienen und trägt zusätzlich Krankheitskeime in die Bienenstöcke. Doch das sei ein geringes Problem im Vergleich zur Vergiftung durch Pestizide, sagen Fachleute.

Eine Biene sammelt Pollen und Nektar an einer Blüte (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Alessandro Della Bella)
Eine Biene sammelt Pollen und Nektar an einer Blüte picture-alliance / dpa - Alessandro Della Bella

Pestizide schädlich für Bienen

Besonders die Neonikotinoide machen den Forschern Sorgen. Die synthetisch hergestellten Wirkstoffe binden sich an die Rezeptoren der Nervenzellen und stören die Weiterleitung von Reizen.

Neonikotinoide wirken auf Insekten weit stärker als auf Wirbeltiere. Sie werden seit etwa 20 Jahren auf Pflanzen gesprüht, als Beizmittel für Saatgut verwendet und zur Bodenbehandlung eingesetzt. Manchmal können Neonikotinoide langfristig sogar zerstörerischer wirken, wenn die Bienen scheinbar wenig Schaden nehmen. Denn dann kehren sie auf ihrer Nahrungssuche immer wieder zum vergifteten Rapsfeld oder Obstbaum zurück.

Auf sie wirken Neonikotinoide noch fataler. Denn wenn eine Biene stirbt, bevor sie Eier legen und die Larven für den Winter mit Nahrung versorgen kann, gibt es im Frühjahr kein neues Volk.

Stummer Frühling - Vogelsterben durch weniger Insekten

Das aktuelle Insektensterben ist nicht nur durch die verstörend sauberen Windschutzscheiben bei sommerlichen Autofahrten aufgefallen, sondern auch durch das Verschwinden der Feldvögel. In nur 30 Jahren verlor Deutschland 57 Prozent aller Feldvögel, bei einzelnen Arten sogar 80 bis 90 Prozent.

Umweltschützer sehen für das aktuelle Vogelsterben eine einfache Ursache. Nicht nur die Insektenfresser unter den Vögeln finden zu wenig Nahrung, auch die Pflanzenfresser, die zum Beispiel von den Samen von Wildpflanzen leben, gehen ohne blühende Wiesenraine zunehmend leer aus.

Lerche und eine Biene auf einer Blüte (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Feldlerchen und Bienen gibt es immer weniger (Archiv) Foto: Colourbox.de -

Schon vor Jahrzehnten hatte ein epochemachendes Buch der amerikanischen Biologin Rachel Carson vor einem stummen Frühling ohne Vogelgesang gewarnt. Damals kam die Bedrohung vor allem vom Insektizid DDT. Es verteilte sich in der Nahrungskette und führte dazu, dass Vogeleier brüchig wurden und keine Jungvögel mehr großgezogen werden konnten. Die heutigen Neonikotinoide wirken auf Bienen bis zu 7300 Mal giftiger als DDT.

Doch es geht auch anders. Ökologische Landwirte bieten Vögeln und Insekten einen reich gedeckten Tisch. Das gelingt durch abwechslungsreiche Fruchtfolgen, Hecken und blühende Weidewiesen sowie den Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel.

Verbote und Abgaben

Mensch und Tier zu ernähren und trotzdem Platz und Nahrung für wilde Lebewesen zu lassen, das ist ein Anspruch der Biobauern. Doch nur etwa vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Sachsen werden ökologisch bewirtschaftet. In Baden-Württemberg sind es über neun Prozent der Flächen, in Rheinland-Pfalz 8,5 Prozent.

Ein Schmetterling auf einer Butterblume (Foto: SWR, SWR - Jürgen Härpfer)
Der Schmetterling freut sich über das tolle Sommerwetter. SWR - Jürgen Härpfer

Das ist deutlich besser als der bundesweite Durchschnitt von nur sechs Prozent. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die ökologisch bewirtschafteten Flächen auf 20 Prozent auszudehnen. Kritiker befürchten allerdings, dass die Produktivität dann nicht mehr reicht, um zum Beispiel den hohen Fleischkonsum der Deutschen abzusichern.

Die Grünen im Bundestag wollen deshalb bienengiftige Insektizide in Deutschland komplett verbieten lassen. Frankreich plant den Ausstieg bis 2020. Selbst die Europäische Union hat vorgeschlagen, drei der giftigsten Neonikotinoide unbefristet zu verbieten.

Andere Pestizide wollen die Grünen mit Abgaben belasten, die die Hersteller je nach Giftigkeit ihrer Mittel bezahlen müssen. Je teurer die Mittel, desto sparsamer werden sie versprüht, so das Kalkül. Ökologische Agrarforschung soll den Bauern zudem neue Methoden an die Hand geben, um mit weniger Agrarchemie zu produzieren.

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