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Wissenschaftler untersuchen, warum der Mensch errötet

Warum der Mensch errötet Psychologen erforschen glühende Wangen

Manche Menschen erröten, wenn sie auch nur ein kurzer Blick trifft, andere überhaupt nicht. Was passiert eigentlich, wenn das Gesicht rot anläuft? Ein Gespräch mit Dr. Samia Härtling, Psychologin an der TU Dresden.

Wie ist das bei Ihnen Frau Härtling, zu welchem Typ gehören Sie?

Härtling: Ich gehöre zu dem Typ, der regelmäßig errötet, bei dem das aber nicht so sichtbar ist, weil ich einen etwas dunkleren Teint habe.

Glück gehabt.

So kann man das sagen.

Ich war ja in der Grundschule ein Schnell-Erröter. Ich kann mich noch daran erinnern: sobald der Lehrer mich aufrief, schoss mir das Blut in den Kopf. Kann man sagen, welche Funktion so etwas auf psychologischer Ebene hat?

Das ist sehr umstritten. Es gibt da alle Ansätze von "Es hat überhaupt keine Funktion, sondern ist eine physiologische Begleiterscheinung von Sich-Schämen, von Peinlichkeit" bis hin zu Ansätzen, die sagen: "Es hat so etwas wie eine rehabilitierende oder entschuldigende Funktion". Dafür spricht einiges in dem Sinne, dass das Erröten ja nicht willentlich oder willkürlich beeinflusst werden kann.

Die Scham erfüllt auch wichtige soziale Funktionen

Die Scham erfüllt auch wichtige soziale Funktionen

Und aus Studien wissen wir, dass wenn jemandem ein Missgeschick passiert, z.B. einen Dosenstapel im Supermarkt umwirft, und die Person errötet danach, dass diese Person von den Mitmenschen sympathischer eingeschätzt wird. Ihr wird weniger Verantwortung oder Absichtlichkeit für dieses Missgeschick zugeschrieben. Von daher scheint an dieser Idee der rehabilitierenden Funktion durchaus etwas dran zu sein. Was wiederum ein Stück weit dagegen spricht, ist ja, dass alle Menschen erröten können und es bei dunkelhäutigen Menschen sehr schwer beobachtbar ist.

Hat man zur Zeit des guten alten Sigmund Freud etwas zum Erröten gesagt?

Ja, aus der Historie wissen wir, dass so um das 19. Jahrhundert herum das Erröten unter Psychoanalytikern sehr intensiv erforscht wurde. Es gab da auch mehrere prominente Fälle, die beschrieben sind. Unter anderem der Fall von einem jungen Mann, der sich so obsessiv mit dem Erröten, mit seiner Angst davor beschäftigt hat, dass er sich letztlich suizidierte deswegen. Diese Fälle sind gut beschrieben. Und es gab auch Theorien, was das Erröten verursachen könnte. In den Jahrzehnten danach ist das Erröten als Symptom eher in Vergessenheit geraten und wird heute eher als ein mögliches Symptom der sozialen Angststörung gewertet.

Kommt Erröten nur beim Menschen vor?

Ja.

Komisch, oder?

Naja. Die spannende Frage ist ja tatsächlich, wie viele Primaten hat man schon untersucht. Und ehrlich gesagt, müsst man das eine Anthropologin oder einen Anthropologen fragen, ob es dazu überhaupt sinnvolle Studien gibt, die Erröten bei Primaten untersuchen.

Schämen - ein genuin menschliches Phänomen?

Schämen - ein genuin menschliches Phänomen?

Darwin hat ja schon festgestellt, dass Erröten die menschlichste Ausdrucksform ist, weil es eben bei Menschen beobachtbar und messbar ist. Und die Idee ist schon, dass es ein Körpersignal ist, was ausschließlich in sozialen Kontakten, in sozialen Situationen auftritt. Und dass das etwas ist, was möglicherweise für uns Menschen besonders kennzeichnend ist.

Was sagt der evolutionsbiologische Ansatz dazu?

Es ist eben sehr umstritten, ob es diese Funktion überhaupt hat. Wenn wir evolutionsbiologisch die Geschichte der Menschheit betrachten, waren ja die Urmenschen alle dunkelhäutig. Und wenn es wirklich eine überlebenssichernde zentrale Funktion gehabt hätte, wäre es nicht sinnvoll gewesen, weil man es bei dunkelhäutigen Menschen einfach sehr schlecht sieht.

Das Erröten ist schon ein interessantes Phänomen: Rätsel über Rätsel.

Sozusagen. Und wir stehen mit unserer Forschung tatsächlich erst ganz am Anfang.

Was machen Sie z.B. im Bereich der Forschung?

Ich selber habe versucht, eine Therapiemöglichkeit für Betroffene zu entwickeln und auch zu untersuchen, die unter Errötungsangst leiden. Die also erröten, und das nicht nur als unangenehm empfinden, so wie das fast alle Menschen erleben, sondern die das als sehr schlimm bewerten und darunter extrem stark leiden, so sehr, dass sie Hilfe suchen, weil sie merken: ihr Alltag ist eingeschränkt.

Manche Menschen haben eine förmliche Angst vor dem Erröten

Manche Menschen haben eine förmliche Angst vor dem Erröten

Ich habe mir sofort überlegt: kann man denn da was machen? Und ich habe jetzt zwei Formen von Psychotherapie, die für die Behandlung sozialer Ängste schon etabliert waren, etwas modifiziert und habe sie für das Erröten noch einmal erweitert und angepasst. Und ich konnte damit sehr gute Therapie-Ergebnisse zeigen.

Können Sie schildern, wie das läuft? Was das für ein Ansatz ist?

Das ist Verhaltenstherapie; wir erarbeiten ein Störungsmodell mit unseren Patienten, fragen, wo kommt die Angst her, das Erröten, dann gibt es ein Aufmerksamkeitstraining. Wir wissen von unseren Patienten, dass sie sich ausschließlich aufs Erröten konzentrieren, sie haben deshalb keinen Blick für das eigentlich Wichtige, etwa beim sozialen Interagieren, wir versuchen den Patienten dabei zu helfen, sich wieder auf Gesprächspartner, auf Kommunikation zu konzentrieren.

Das Gefühl von Scham gibt es nicht von Geburt an

Das Gefühl von Scham gibt es nicht von Geburt an

Zweitens: Menschen mit Angst vor dem Erröten haben sich Verhaltensweisen angeeignet, die Sicherheit gewährleisten, sie tragen etwa immer einen Schal, um rote Stellen zu verbergen, sie gehen etwa mit Schal ins Gespräch mit dem Chef, fühlen sich dann gut. Wir helfen den Patienten dabei, nach und nach auf den Schal zu verzichten, das erobert ihnen Freiträume zurück.

Bei mir hat sich im Laufe der Zeit die Angst vor dem Erröten aus der Psyche herausgeschlichen. Ist das normal?

Das ist ganz normal. Wir wissen, dass Babys gar nicht erröten, das beginnt dann erst im Alter ab 3 Jahren, der Höhepunkt der Errötungshäufigkeit liegt in der Pubertät, weil das ja eine Phase ist mit vielen Unsicherheiten, mit Umbrüchen, da ist man sensibel für die Blicke der anderen, dann flaut es langsam ab.

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