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Der Volksstamm der Makassar auf der indonesischen Insel Sulawesi verfügt über 60 verschiedene Wörter, um damit in der Alltagssprache „Wut“ ausdrücken. Wir kennen lediglich Ärger, Raserei, Fanatismus oder Zorn.

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Es ist zum Haare raufen! Da gibt es ja im Alltag nun wirklich viele Dinge, die einen so richtig auf die Palme bringen könnten – sofern man über ein entsprechendes Gemüt verfügt. Dennoch können wir unsere Wut nicht annähernd so situationstreffend formulieren wie der Stamm der Makassar auf der indonesischen Insel Sulawesi. Mit 60 verschiedenen Wörtern können diese offenbar ziemlich feinsinnigen Menschen „Wut“ ausdrücken – und das in der Alltagssprache. Wir kennen lediglich Ärger, Raserei, Fanatismus oder Zorn. Was für grobe Klötze wir doch sind. Na gut, das französische "Rage" kann man vielleicht noch gelten lassen.

Eigenes Wort für Ärger eines Älteren nach Beleidigung durch einen Jüngeren

Vielleicht nehmen wir unsere Wut einfach nur nicht ernst genug. Bei den Makassar ist sie zweifelsohne eine wichtige Sache, und zwar jede Art von Wut. Ein Wort bezeichnet zum Beispiel die Gefühle, die jemand nach einer Beleidigung durch einen Jüngeren empfindet. Dieses eine – nicht auszusprechende Wort – aber ist nicht einfach nur ein Wort. Wöllten wir es übersetzt verwenden wollen, müssten wir sagen: „die gerechtfertigte Wut eines hoch verehrten alten Mannes im Zustand einer Beleidigung durch einen Jüngeren“. Hat man das endlich zu Ende ausgesprochen, dürfte die Wut schon wieder verflogen sein.

Überhaupt scheinen die älteren Herren unter den Makassar öfter wütend zu sein als andere. Es gibt nämlich ein Wut-Wort, das allein ihrer Wut vorenthalten ist: „Amundjumundju“. Es bedeutet: das zornige Vorschieben der Unterlippe – allerdings nicht zu verwechseln mit dem trotzigen Schmollmund. Bei den Makassar warnt diese Unterlippe vor der nächsten Eskalationsstufe, für die es sicher auch wieder einen präzisen Ausdruck gibt.

Auch Wut-Gesichtsausdrücke werden als emotionale Reaktionen erlernt

All diese Wut-Ausdrücke hat die Göttinger Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler bei den Makassar in Indonesien untersucht – natürlich nicht nur bei den älteren Herren. Das ganze Volk orientiere sich an den Interessen der Gemeinschaft. Das heißt, das Individuum ist zweitrangig und richtet sich nach allgemein anerkannten kulturellen Verhaltensmustern. Daraus ergeben sich auch erlernte emotionale Reaktionen, wie eben zum Beispiel die Wut-Gesichtsausdrücke. Und für jede dieser sichtbaren Gesten und Mimen gibt es eben auch einen eigenen Begriff. Die Makassar bringen es tatsächlich auf 60 verschiedene – alle von klein auf angelernt.

Bei uns ist der Einzelne freier, auch wenn wir nicht so viele Wörter für Wut kennen. Wir können mit unseren angeborenen oder sozialisierten Gefühlsausdrücken flexibler umgehen. Na ja, fast: Der Schmollmund ist tatsächlich ein Reflex. Verflixt nochmal!

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