Bitte warten...
Montage: Hai, Struktur eines Blattes, Lotus

Genial und raffiniert geschützt Verpackungen in der Natur

Kokosnuss oder Eierschale, Pflanzensamen oder Haifische - Wenn es darum geht, sich zu schützen, ist die Natur sehr erfinderisch. Viele Verpackungen der Natur sind verblüffende architektonische oder physikalische Meisterwerke und dienen mitunter als Vorbilder für praktische Dinge des Alltags: so dient die Kokosnuss als Vorlage für Motorrad- und Fahrradhelme oder auch kugelsichere Westen. SWR2 Impuls sprach mit der Biologin Ruthild Kropp über das von ihr herausgegebene Buch "Genial geschützt: Raffinierte Verpackungen in der Natur".

Wie sind Sie darauf gekommen, dieses Buch über "Verpackungen in der Natur" herauszugeben?

Als ich während meines Biologiestudium im Hörsaal saß, ging es glaube ich um Zellbiologie. Da hat der Professor das Wort "Verpackung" gebraucht und das hat mich einfach so fasziniert, dass ich dachte, das ist echt spannend was da alles möglich ist mit dieser Zellwand und Zellmembran. Da kam mir wie ein Blitz in den Kopf: "Verpackungen in der Natur". Dann habe ich zu einer Freundin gesagt: "Mensch, das wäre doch mal ein tolles Thema!" und meine Freundin war auch gleich begeistert. Das Thema blieb für lange Zeit in meinem Kopf. Irgendwann habe ich dann angefangen zu sammeln und zu überlegen.

Ich habe dann Freunde und Kollegen gefragt und ein kleines Netzwerk gebildet. Wir haben dann alle eifrig geschrieben und unterschiedlichste Themen bearbeitet. Ich habe auch geschaut, dass die Leute ihr Thema oder ihre Interessen ausleben können. Da kam dann so viel zusammen, dass ich echt erstaunt war, was es denn so alles an Verpackungen in der Natur gibt.

Verpackung ist ja ein Begriff aus der Industrie und überhaupt nicht aus der Natur. Warum haben Sie diesen Begriff überhaupt verwendet?

Weil ich den Kontrast als sehr spannend empfand. Verpackung ist etwas Menschliches. Ein Kontrast zu der Natur, die verpackt. Aber die Natur denkt nicht an die industrielle Verpackung, die wir kennen. Diesen Kontrast wollte ich unbedingt aufzeigen. Das Zweite ist, dass ich über den Begriff "Verpackung" auch an Bionik gedachte habe.

Also der Zusammenschluss von Biologie und Technik?

Genau. Das ist überhaupt kein bionisches Buch, im Sinne davon, dass es nur um Bionik geht. Es wird häufig Bionik erwähnt, aber gerade die Verpackungen sind ein ganz spannendes Thema für die Industrie. Denken wir an den "Lotuseffekt", oder an die Kokosnuss.

Die Kokosnuss war Vorbild für Motorrad- oder Fahrradhelme. Etwas sehr Skurriles was ich auch in diesem Buch gelernt habe: es gibt eine Spinnenart in Südamerika, die tauchen und auf dem Wasser laufen kann, ohne dass der Körper nass wird. Und jetzt forschen die Leute danach, ob man Stoffe entwickeln kann, die nicht nass werden, nach dieser Spinnenart.

Wie taucht diese Spinne? Die hat ja total dünne Beine und keine Flossen an?

Wasserjagdspinne

Wasserjagdspinne

Ja, die Spinne hat sehr dünne Beine, damit kann sie auch über Wasser laufen aber sie schafft es auch zu tauchen. Wie sie das genau macht, weiß ich leider nicht.

Gibt es in der Natur etwas ohne Verpackung? Oder kann man sagen "alles ist irgendwie verpackt"?

Jetzt für alles zu sprechen ist schwierig, aber ich würde mit meinem Wissen sagen "Nein, es gibt nichts ohne Verpackung". Und wenn der Schutz noch so dünn ist – irgendein Schutz ist vorhanden!

Kann man sagen, alles ist geschützt, weil jeder Organismus sich abgrenzen muss?

Ja, ich denke, jeder Organismus muss sich auf eine Art vor Umwelteinflüssen, Stößen etc. schützen. Eine Verpackung schützt das ganze Individuum, aber auch das Wichtigste, mit dem das Individuum sich fortpflanzt. Zum Beispiel das Pollenkorn oder den Samen.

Meines Wissens nach gibt es nichts ohne einen sehr dünnen Schutz oder eine Schutzwand, welche zu anderen Individuen abgrenzt. Es muss nicht immer der dicke Schutz sein. Es kann auch etwas schmales sein, was einfach abgrenzt, wie die Zellen die untereinander verbunden und abgegrenzt durch Zellwand oder Zellmembran sind.

Was ist für Sie die raffinierteste Verpackung in der Natur?

Bei fast jedem Artikel des Buches dachte ich "Wow!", aber eine sehr raffinierte Verpackung ist einfach das Ei. Wenn man das vor sich liegen hat, denkt man da ist außen rum die Hülle und innen ist das Eidotter und Eiweiß. Aber das Küken ist zum Beispiel durch eine Art "Sicherheitsgurt" in dem Ei vor Stößen geschützt. Es wird Schicht um Schicht aufgebaut und gewährleistet den Gasaustausch und das gleichzeitige Nicht-austrocknen.

Ei - geniale Verpackung der Natur

Ei - geniale Verpackung der Natur

Das Ei muss außerdem noch stabil sein, denn schließlich sitzen die Eltern darauf. Aber auch nicht zu stabil, denn das Küken muss auch wieder aus dem Ei schlüpfen. Auch die Form ist ideal. Stellen Sie sich vor Sie haben einen Vogel, der auf der Erde brühtet, die nicht immer eben ist. Oder noch extremer – in den Klippen. Durch die Kegelform dreht es sich dann einmal um sich selber und bleibt liegen.

Was ist denn für Sie die schönste Verpackung in der Natur?

Da fallen mir ganz spontan zwei ein. Einmal die Kieselalgen und die Köcherfliegenlarven. Die Kieselalgen sind kleine Einzeller, die leben meistens im Wasser und betreiben Fotosynthese und besitzen eine Wand aus glasartigem Likat. Sie sind aufgebaut wie eine Camembert Schachtel. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Formen. Aber diese Hüllen der Kieselalgen sind hauchzart und verziert mit kleinen Poren und Mustern. Im Inneren befinden sich Chloroplasten. Das sieht einfach wunderschön aus. Wenn man da Rasterelektronenmikroskop Aufnahmen sieht, diese Bilder könnte man ins Museum hängen.

Köcherfliegenlarve

Köcherfliegenlarve

Die Köcherfliegenlarven sind nicht so schön wie die Kieselalgen, aber die Köcherfliegen legen ihre Eier ins Wasser und daraus schlüpfen Larven. Diese Larven werden sehr schnell gefressen, deswegen bauen die Fliegen sich einen Köcher. Dieser sieht aus wie eine Wohnröhre, in der die Larven aufwachsen. Diese Wohnröhre wird aus Material gebaut, welches die Tiere umgibt. Kleine Steine, Wasserpflanzen usw. und verbinden das durch eine Art Spinnseide. Dadurch wird das ganze fest aber auch elastisch. Es ist natürlich eine Tarnung, denn so werden die Larven nicht gesehen.

Die Begeisterung für Verpackungen kommt rüber. Sind Sie denn auch für den Verpackungskünstler Christo begeistert? Der verpackt ja sozusagen das Verpackte nochmals.

Ja, es gibt zum Teil wunderschöne Sachen die er gemacht hat. Lustig, dass Sie fragen, ich habe mir eine Sache von ihm gekauft, vor etlichen Jahren. Er hatte im Central Park viele Tücher aufgespannt und davon hängt etwas bei mir im Arbeitszimmer.

Weitere Themen in SWR2