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Vergiftet im Mutterleib Wie Suchtstoffe das ungeborene Kind schädigen

Mal zwischendurch ein Gläschen Sekt in der Schwangerschaft? Auch das kann schon zu viel sein: Missbildungen, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen des Kindes können die Folge sein. Aber auch Nikotin oder Medikamente gelangen über die Plazenta in den Blutkreislauf des Ungeborenen und können Auswirkungen auf seine Entwicklung haben oder gar eine Fehlgeburt auslösen.

In einer Studie gaben 58 Prozent der werdenden Mütter an, während der Schwangerschaft Alkohol zu trinken. Jedes Jahr kommen so in Deutschland 10.000 Kinder auf die Welt, die in ihrer Entwicklung geschädigt sind. Den meisten Säuglingen sieht man ihre Einschränkungen nicht an, etwa 4.000 haben aber das so genannte Vollbild der Störung mit geistigen und körperlichen Schäden - das "fetale Alkoholsyndrom" zählt zu den häufigsten angeborenen Behinderungen in Deutschland.

Offizielle Kriterien, medizinische Leitlinien, nach denen Ärzte eine Alkoholstörung diagnostizieren können, gibt es erst seit einem Jahr, seit Januar 2013. Durch diese Leitlinien sollten Kinderärzte das Krankheitsbild verstärkt im Blick haben.

Ein Glas reicht aus

Vergiftet im Mutterleib

Potentiell toxisch winkende Stoffe gefährden die Entwicklung

Dr. Reinhold Feldmann gehört zu wenigen Wissenschaftlern in Deutschland, die seit Jahrzehnten über Alkoholkonsum in der Schwangerschaft forschen. In der Nähe von Münster leitet der Psychologe eine Ambulanz für Kinder, die bereits im Mutterleib durch Drogen oder Alkohol geschädigt wurden. Feldmann sagt, es gibt für Alkohol in der Schwangerschaft keine Schwellendosis. Man weiß aus großen Studien, dass bereits geringe Mengen Alkohols in der Schwangerschaft Schäden anrichten können.

Jeder Schluck geht über die Nabelschnur Eins zu Eins in den Blutkreislauf des Fetus über. Dort bleibt er auch noch zehnmal länger als im Blut der Mutter, weil die Leber des Kindes noch nicht vollständig entwickelt ist. Was beim ungeborenen Kind geschädigt wird, hängt vom Zeitraum der Schwangerschaft ab, in den ersten Monaten behindern die Suchtstoffe die Entwicklung der Organe, im weiteren Verlauf ist vor allem das Gehirn betroffen. Wie stark die Schäden durch Alkohol oder andere Substanzen ausfallen, kann niemand vorhersehen, weil auch individuelle Stoffwechselreaktionen eine Rolle spielen.

58 Prozent der werdenden Mütter

Vergiftet im Mutterleib

Rauchen beeinträchtigt nicht nur den Stoffwechsel

In einer Befragung in Berlin gaben 58 Prozent der werdenden Mütter an, während der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben. Und 40 Prozent gefährden ihr Kind, weil sie während der Schwangerschaft Zigaretten rauchen, sagt Dr. Regina Rasenack, Gynäkologin an der Universitäts-Frauenklinik in Freiburg. Obwohl auf Zigarettenschachteln steht, "Rauchen in der Schwangerschaft schadet Ihrem Kind".

Im Tabakrauch sind außer Nikotin eine ganz Reihe anderer Substanzen enthalten, die zum Teil krebserregend sind, zum Teil stoffwechselbeeinträchtigend sind, sei es dass da Blei drin ist, sei es dass da verschiedenste Sachen drin sind, die sich eben ungünstig auswirken. Man spricht von 4.000 verschiedenen Substanzen, die die Frau mit dem Tabakrauch aufnimmt und die natürlich so wie sie im Mutterblut vorhanden sind, dann auch auf das Kind übergehen.

Rauchen in der Schwangerschaft schadet tatsächlich Ihrem Kind

Zigarettenkonsum ist das Hauptrisiko für einen vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch, denn die Substanzen schränken die Durchblutung der Plazenta und dadurch die Sauerstoffversorgung des Fetus ein. Zehn Zigaretten am Tag erhöhen das Risiko einer Fehlgeburt oder eines Kindstods kurz nach der Geburt um das Fünffache. Durch vorzeitige Wehen oder einen Blasensprung kommen Kinder von Raucherinnen außerdem oft vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt und sind dann zu klein und zu leicht.

Vergiftet im Mutterleib

Irreparable Schäden

Und im Gegensatz zu anderen Substanzen, wie Alkohol oder Opiaten, die das Kind nur über den Blutkreislauf der Frau schädigen, können beim Rauchen auch Männer zu einer Schädigung beitragen. Das so genannte Passivrauchen kann den Fetus ebenfalls gefährden. Beim Rauchen spielt aber auch das Verhalten des familiären Umfelds eine Rolle. 30 Prozent der mangelentwickelten Kinder sind es, weil ihre Mütter geraucht haben oder in einer entsprechenden Umgebung leben. Und die Schäden, die durch Zigarettenrauch oder Alkohol beim Kind entstehen, sind nicht heilbar. Die Kinder leiden ihr Leben lang darunter.

Je wohlhabender, umso mehr Alkohol

Alkoholgeschädigte Kinder sind kein Phänomen der sozial Schwachen. Es trifft längst nicht nur die Kinder von Drogenabhängigen, die zusätzlich auch Alkohol trinken, betont Reinhold Feldmann. Es ist so, dass Alkohol in allen Schichten getrunken wird und je wohlhabender die Schicht ist, desto mehr. Das heißt wohlhabende schwangere Frauen trinken viel mehr Alkohol als Frauen aus der Unterschicht. Und gerade bei den legalen Suchstoffen Alkohol und Tabak muss eine Schwangere nicht schwer suchtkrank sein, um das ungeborene Kind zu gefährden. Suchtmediziner sprechen dann von einem schädlichen Gebrauch, denn auch Genusstrinken oder Genussrauchen können das Kind schädigen.

Die Fuesse von Drillingen schauen in Neu-Anspach im Hessenpark aus einem Kinderwagen hervor (Foto vom 18.08.12).

Es trifft eben nicht bevorzugt Drogenabhängige

Wissen schwangere Frauen darüber Bescheid? Werden sie bei den Frauenärzten genügend aufgeklärt? Die Stuttgarter Gynäkologin Dr. Verena Wollmann-Wohlleben ist dafür seit Jahren sensibilisiert, sie weiß aber auch, wie schwierig das Thema für ihre Kollegen ist. Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft würden längst nicht alle ansprechen, sagt sie.

Scham und fehlende Information

Gerade Frauen schämen sich, ihren Alkohol- oder Zigarettenkonsum zuzugeben. Für Frauenärztinnen und -ärzte ist es dann schwer festzustellen, ob eine Schwangere Suchtstoffe konsumiert oder nicht. Im Blut nachweisen lässt sich zum Beispiel nur schwerer Alkoholkonsum, der mit einer Suchterkrankung verbunden ist. Gelegentliches Trinken, das dem Kind auch schon schaden kann, bleibt oft unbemerkt.

Vergiftet im Mutterleib

Durch Blutdiagnose lässt sich im Normalfall wenig bis nichts nachweisen

Nach der "Mutterschafts-Richtlinie", verabschiedet vom Bundesausschuss der Ärzte und den Krankenkassen, sollen Schwangere zum Konsum von Suchtmitteln befragt und beraten und dadurch gesundheitliche Gefahren für das Kind abgewendet werden. Konkrete Empfehlungen oder gar standardisierte Fragen gibt es in der Richtlinie nicht. Um das Thema zu enttabuisieren, rät Verena Wollmann-Wohlleben es als festes Element bei jedem Erstkontakt mit einer Schwangeren zu verankern. Ärzte dürften sich nicht scheuen, eine Frau mit der Frage zu brüskieren.

Medikamente und Erfahrungswerte

Neben Alkohol und Zigaretten sind aber auch Medikamente ein schwieriges Thema in der Betreuung und Behandlung von Schwangeren. Etwa vier bis fünf Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente können bei längerfristiger Einnahme abhängig machen, vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel. Das bekannteste Beispiel einer Schädigung des Kindes durch Medikamente ist Contergan.

Eine handvoll Tabletten

Medikamente in der Schwangerschaft sind Risikofaktoren

Bei Medikamenten bleibt immer ein Restrisiko. Arzneimittel dürfen an schwangeren Frauen nicht getestet werden. Deshalb gibt es keine Erfahrungswerte, wenn ein Mittel neu auf den Markt kommt. Aber auch Schwangere müssen im Ernstfall mit Arzneimitteln versorgt werden, denn unbehandelte Erkrankungen können Mutter und Kind ebenso gefährden. Und es gibt Frauen, die auf Medikamente angewiesen sind. Im Internet gibt es zudem öffentliche Datenbanken, wie embryotox.de. Dort kann jeder Medikamentenwirkstoffe eingeben und bekommt eine Empfehlung, wie in der Schwangerschaft damit umzugehen ist.

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