Bitte warten...
Das Katharinenkloster

Verborgene Handschriften im Katharinenkloster Altes Pergament durchleuchtet

Recycling gab es schon im Mittelalter: Man schrieb auf Pergament. Aber das war rar und teuer. Deshalb wurde Altes weggeschabt und neu darüber geschrieben. Wissenschaftler wollen die Schriften unter der Oberfläche sichtbar machen.

Das griechisch-orthodoxe Katharinenkloster liegt wie eine Festung in den schroffen Bergen der Sinai-Halbinsel. Hier mitten in der Wüste gibt es noch Schätze zu heben, sagt Father Justin. Der gebürtige Amerikaner ist ein sehr großer, hagerer Mann in schwarzer Mönchskutte, mit Brille und einem Bart, der bis zum Bauch reicht. Er hütet eine der ältesten Bibliotheken der Welt. In der frisch renovierten Bibliothek befinden sich 3300 Manuskripte in elf verschiedenen Sprachen.


Video: Modernes Verfahren macht verborgene Texte sichtbar


(Quelle: EMEL)


Pergamente wurden überschrieben

Es ist ein moderner Saal mit einer rundum laufenden Galerie. Hier werden einzigartige Handschriften aufbewahrt. Sie reichen bis ins 4. /5. Jh. zurück. Auf der oberen Ebene befinden sich Bücher in Glasvitrinen, unten uralte Pergament-Handschriften hinter Holz und Glas in separaten Boxen. Diese Pergamente haben in der jüngeren Vergangenheit Wissenschaftler aus aller Welt angelockt. Denn unter ihrer Oberfläche verbergen sich oft unsichtbare Schätze. Handschriften, teils in unbekannter Sprache, die vor langer Zeit schon getilgt und überschrieben wurden.

Das Katharinenkloster war immer schon ein Zentrum, in dem viele neue Schriften verfasst wurden. Aber es war auch weit weg von allem und nur schwer erreichbar. Pergament war eine Mangelware. Aus diesem Grund wurden Texte älterer Handschriften abgeschabt und das Pergament ein zweites Mal verwendet.

Father Justin im Lesesaal des Katharinenklosters

Father Justin im Lesesaal des Katharinenklosters. Der gebürtige Amerikaner hütet eine der ältesten Bibliotheken der Welt.

Pergament-Receycling im Mittelalter

Recycling ist also keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Da Pergament im Mittelalter überall teuer und rar war, gab es ganze Werkstätten, die sich auf das Wiederverwerten veralteter Manuskripte spezialisiert hatten. Man weiß das z.B. aus Norditalien, wo es dann auch Zeichnungen gibt, die das darstellen. Mit Schabmessern, Bimssteinen oder ätzenden Flüssigkeiten wurde die alte Tinte runtergekratzt oder abgeschrubbt. Es entstanden so genannte Palimpseste.

Palimpsest bedeutet wörtlich übersetzt: "Wieder abgeschabt" – sagt Jost Gippert, ein alter Bekannter von Father Justin. Der vergleichende Sprachwissenschaftler von der Universität Frankfurt hat sich u.a. auf das Aufspüren und Entschlüsseln von Palimpsesten spezialisiert. Die Bibliothek auf dem Sinai ist für ihn eine wahre Fundgrube.

Professor Jost Gippert digitalisiert in der Frankfurter Universität Schriftzeichen

Die ältesten Bibelblätter der Welt wurden hier digitalisiert


Brand im Katharinenkloster fördert unbekannte Schriften zu Tage

1975 gab es einen Brand im Katharinenkloster, bei dem ein Kellergewölbe eingestürzt ist. Unter den Trümmern des Kellergewölbes fand man dann eine große Menge von unbekannten Handschriften. Diese mussten erst einmal mühsam aus dem Schutt und der Asche wieder hervorgeholt und gereinigt werden. Das hat 20 Jahre gedauert. So konnte man erst Mitte der 90er Jahre daran gehen, zu erschließen, was das alles ist.

14:44 min | So, 5.11.2017 | 6:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mehr Info

Das Katharinenkloster im Sinai, Ägypten, Folge 307

SWR

Die Begebenheit, die im Alten Testament erzählt wird, gehört zu den Grundlagen des christlichen Glaubens und Welt-Philosophie. Moses erhielt, so die Legende, die zehn Gebote. Seitdem gehört der Berg Sinai, der Berg Moses, Djebel Mosa, zu den heiligsten Stätten der christlichen Glaubenswelt. An seinem Fuß liegt das Kloster St Katherina, ein griechisch-orthodoxes Zentrum, das seit dem 6. Jahrhundert besteht. Mohammed, arabische Kalifen, türkische Sultane und Napoleon, die ägyptischen Könige und die heutigen Staatspräsidenten, alle stellen das Kloster unter ihren Schutz und bewahren es so vor Plünderung und Zerstörung.

Moderne Technik macht Untertext sichtbar

Unter diesen Handschriften fanden sich viele Palimpseste. Aber woran erkennen Forscher das eigentlich? Gippert grinst. Wenn man Glück habe, sei das Pergament so schlecht recycelt worden, dass man sogar mit dem bloßen Auge lesen kann, was unten drunter stand. Haben die Mönche ordentlich gearbeitet, ist der verborgene Untertext nicht mehr zu erkennen. Ein steifes Pergament mit rauer Oberfläche kann aber ein Indiz dafür sein, dass hier etwas abgeschabt wurde. Letzte Klarheit bringen heute Spezialtechniken. Normalerweise verwendet man dafür ultraviolettes Licht. Father Justin: Denn im ultravioletten Licht wird der Kontrast zwischen dem weißen Pergament und den Schriften, die drauf sind, verstärkt und dann sieht man auch: „Aha, hier steckt was drunter.

Multispektralverfahren macht verborgene Texte sichtbar

Gippert machte seine erste Expedition auf den Sinai 2004, zusammen mit einem Kollegen aus Georgien. Der hatten in den „neuen“ Funden etwas Aufregendes entdeckt - Handschriften, die eine bisher unbekannte Schrift und Sprache enthielten, in ihrem unteren Text als Palimpsest. Gippert war elektrisiert. Denn der Kollege vermutete, dass es sich um Kaukasisch-Albanisch handelte, eine verschollene Sprache, der der Frankfurter Wissenschaftler schon lange auf der Spur war.
Die Wissenschaftler haben auch dort zunächst mal ultraviolette Aufnahmen gemacht. Sie mussten aber dann feststellen, das das nicht ausreicht, um alles zu entziffern.

Mit modernen digitalen Techniken lassen sich allerdings, so Father Justin, die Seiten mit Licht unterschiedlicher Wellenlänge fotografieren. Forscher können diese Aufnahmen dann vergleichen und so letztlich die obere von der unteren Tintenschrift trennen.

Neue Erkenntnisse aus der Dunkelkammer

Heute besitzt das Kloster seine eigene Multispektralkamera. In einem Raum, der an eine Dunkelkammer erinnert, sitzt sie auf einer Art Selfie-Stick direkt gegenüber dem Manuskripthalter. Dann braucht man nur noch einen Knopf zu drücken und die Aufnahmen geschehen automatisch. 2004 hat Gippert die Seiten noch einzeln auf einem wackeligen Klapptisch abfotografiert - um sie dann mehrere Jahre zu bearbeiten. Diese Arbeit ist 2008 abgeschlossen: Mit drei großen Folianten, in denen der gesamte Inhalt des Fragments - soweit er erschließbar war – auch abgebildet ist.

Eines der Pergamente aus dem Sinai-Palimpsest, ein Textstück aus dem Johannes-Evangelium, enthält Untertexte aus dem Kaukasisch-Albanischen, die mittels einer Multispektralaufnahme sichtbar wird, wenn man versucht, die obere Schrift wegzurechnen.

Aus den einzelnen Buchstaben, die dann zum Vorschein kamen, haben Gippert und sein Kollege das Fragment Stück für Stück rekonstruiert. Das war besonders schwierig, weil das Kaukasisch-Albanische selbst ja auch noch entschlüsselt werden musste. Father Justin:

Es ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst, den Untertext wieder lesbar zu machen. Und nicht jede Technik funktioniert bei jedem Manuskript gleich gut. Es ist viel Experiment mit im Spiel.

Mit einem Multisprektrometer wird die Schrift hinter der Schrift erkennbar

Mit einem Multisprektrometer wird die Schrift hinter der Schrift erkennbar

Alte Schriften für die digitale Welt

Nur gut, dass die Technik sich rasch weiter entwickelt. So haben Forscher und Techniker von 2011 – 17 gemeinsam in der Bibliothek des Katharinenklosters Detektiv gespielt. 6800 Seiten aus insgesamt 74 Manuskripten wurden durchleuchtet, u.a. mit der neu entwickelten Transmissive Light Methode. Die Tinten haben sich manchmal auch in das Pergament hineingefressen. Dann ist das Pergament an dieser Stelle etwas dünner und man kann dann mit durchscheinendem Licht diese Stellen sichtbar machen.

Rund 300 neue Texte in zehn verschiedenen Sprachen kamen so wieder zum Vorschein. Bei den überschriebenen Schriften handelte es sich oft um Gebrauchsliteratur oder um Texte in Sprachen, die nicht mehr geläufig waren. In den kommenden Jahren will Father Justin alle Handschriften der Bibliothek, inklusive der jüngsten Palimpsestfunde, digitalisieren und online stellen.

Weitere Themen in SWR2