Zum Welttag des Stotterns Wenn die Sprache stolpert

"Redefluss-Störungen" - Ursachen und Therapien

In Deutschland sind rund 800.000 Menschen betroffen. Wer stottert, steht unter hohem Leistungsdruck. Was sind die Ursachen, wie kann man helfen?

„Ich benutze gerne den Ausdruck: "Redefluss-Störung". Stottern wird erst dann zu einem Problem, wenn die "Redefluss-Störung" für den Betroffenen selbst oder von der Umwelt als unangenehm empfunden wird.“ Das sagt der Logopäde Markus Junge. In seine Praxis kommen täglich Menschen mit Sprechstörungen. Kinder oder Erwachsene, die stottern, haben Mühe Wörter oder Sätze flüssig zu Ende zu sprechen, ohne dabei ins Stocken zu geraten, ohne bestimmte Silben endlos zu wiederholen. Auch so genannte Blockaden sind charakteristisch. Der Sprechende bleibt dabei am Anfang eines Wortes regelrecht "hängen". Verkrampfungen der Gesichtsmuskulatur sind dann oftmals die Folge.

Für den Psychologen Prof. Wolfgang Wendlandt wird Stottern immer ausgelöst durch Faktoren aus der Umwelt. Der strenge Blick eines Mitmenschen könne ein Auslöser sein, ebenso latente Nervosität oder die Angst, etwas nicht richtig sagen zu können. Das Stottern sei oft im Kopf der Betroffenen sehr präsent, es gehe um die Angst: Gleich tritt es wieder auf, gleich muss ich wieder stottern! Und diese Angst führe dann tatsächlich dazu, dass der Betroffene wieder stottere, was ein Teufelskreis sei.

Angst vor dem Stottern (Foto: Colourbox, Coloubox -)
Die Angst vor dem Stottern führt oft zu einem Teufelkreis Coloubox -

Viele Ursachen
Die Ursachen für die Sprechstörung sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die davon betroffen sind. Genetische oder organische Faktoren können genauso eine Rolle spielen, wie psychische, soziale oder linguistische. Männer sind häufiger davon betroffen als Frauen. Und: Stottern ist etwas sehr Individuelles. Kein Mensch stottert wie ein anderer. Lange Zeit wurde Stottern übrigens als ernsthafte Störung verkannt, sagt Wolfgang Wendlandt. Es brauche immer lange Zeit, bis die Gesellschaft ein Problem, was unangenehm sei, tabulos thematisieren könne. Und so habe sich das Stottern eigentlich als Thema ab 1970 durch die Selbsthilfebewegung im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Erst seit dieser Zeit gebe es auch eine seriöse Forschung, und die Ausbildung von Psychologen und Therapeuten habe sich modernisiert.

Stottern im Kindesalter
Ungeklärt ist bis heute, weshalb das Stottern bei vielen Betroffenen bis zur Pubertät häufig wieder verschwindet. Fakt ist: Jedes 5. Kind erlebt zumindest eine Phase der Sprech-Unflüssigkeit. Doch nur bei rund 20 Prozent bleibt ein dauerhaftes Stottern zurück. Logopäde Markus Junge und Psychologe Wolfgang Wendland raten den Eltern von betroffenen Kindern das Phänomen ernst zu nehmen, aber gelassen zu bleiben. "Wenn Eltern kommen", sagt Junge, "bitte ich wirklich sehr darum das Wort Stottern erst mal nicht zu benutzen.

Ein Vater hält seinen Sohn im Kleinkindalter an der Hand. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Redefluss-Störungen im frühen Kindesalter können verschiedene Ursachen haben Model Foto: Colourbox.de -

Denn wir müssen ja ganz deutlich sagen, wenn Störungen im Alter zwischen zwei, drei Jahren auftreten, können wir gar nicht genau sagen, ob das ein Stottern ist. Es kann ein normales entwicklungspsychologisches Phänomen sein, das in diesem Alter auftritt.“ Und Wendland fügt hinzu, Eltern sollten sich auf jeden Fall Hilfe holen, wenn sie das Gefühl hätten, dass bei ihren Kindern etwas Auffälliges in der Redeentwicklung zu beobachten sei. Wiederholungen im Redefluss seien zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr eher normal. Aber sie dauerten nicht länger als bis zum fünften Lebensjahr.

Desensibilisierung als Therapie
Während Kleinkinder weniger Probleme mit dem Stottern haben - weder mit dem eigenen, noch mit den Sprechstörungen anderer Kinder- , entwickeln viele Menschen mit zunehmendem Alter ein Schamgefühl und Ängste. Manche ziehen sich dann von der Außenwelt zurück, sie meiden jede Form der Begegnung, reduzieren die Kommunikation auf das Allernötigste. Ein wichtiger Ansatz in der Stotter-Therapie sei deshalb, wie Junge ausführt, die Desensibilisierung. Junge und sein Team gehen mit den Betroffenen auf die Straße, und die müssen dann ganz gezielt fremde Leute ansprechen, nach der Uhrzeit zu fragen, nach dem Weg zu fragen. Das Wichtigste für Junge ist bei dieser Therapie, dass der Stotterer keine Angst mehr vor dem Stottern habe. Das sei gerade wichtig für Stotterer, die man einfach nicht mehr behandeln könne. Diese Menschen müssten lernen, mit der Angst und dem Stottern zu leben.

Jugendliche bekämpfen im Sommercamp das Stottern (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Peter Steffen/dp)
Jugendliche bekämpfen im Sommercamp das Stottern picture-alliance / dpa - Foto: Peter Steffen/dp

Zweifelhafte Heilsversprechen

Manche Betroffene klammern sich in ihrer Verzweiflung an jeden Strohhalm, der ihnen eine Heilung verspricht. Es gibt eine Fülle von dubiosen Angeboten, die behaupten, das "Problem" schnellstmöglich zu beheben. Durch Hypnose, Atemtechniken, Akupunktur und vieles mehr. Private Institute werben mit Vorher- nachher- Videos und mit Aussagen wie: "Nie wieder stottern!" Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. warnt zur Vorsicht gegenüber derartigen Versprechen. Besonders vor solchen, die sehr viel Geld kosten und die versprechen, „das Problem“ schnell zu beheben. Junge macht darauf aufmerksam, dass solche unseriösen Versprechungen die Komplexität des Sprechvorgangs und seiner physiologischen und psychologischen Störungen ausblenden würden.

Psychologe Wendlandt plädiert dafür, dass die Stotter-Therapie unbedingt in die Hand von Fachleuten gehöre: Logopäden, Sprachheilpädagogen, Stimm- und Sprachheil-Lehrer, die eine lange Ausbildung haben. Eine erfolgreiche Stotter-Therapie kann mitunter Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Und: Gelegentliche Rückschläge gehören dazu. Deshalb sei auch eine qualifizierte Nachsorge -die anerkannte Therapien anbietet- so wichtig.

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