Bitte warten...

Urban Farming Fisch- und Gemüsezucht in der Stadt

In Städten wie Berlin, Freiburg oder Stuttgart haben sich mittlerweile zahlreiche alternative Schrebergärten organisiert, hipp ausgedrückt ist das "Urban Gardening", also Städter, die mitten in der Stadt Gemüse züchten. Meistens sind das gemeinnützige Projekte, die auf die Mithilfe der Bürger setzen. Die urbanen Gärtner bekommen jetzt aber Konkurrenz. In Basel versuchen zwei Schweizer eine kommerzielle Stadt-Farm für Fische und Gemüse aufzuziehen. Die Urban Farmers.

stockwerke

Gemüsezucht auf dem Fabrikdach

Ist das die Nahrungsmittelproduktion der Zukunft? Urban Farmers – eine Farm für Fische und Gemüse mitten in der Stadt. Industriegebiet Dreispitz im Süden von Basel. Lastwagen donnern über die schmalen Straßen, sie fahren die Lagerhäuser an, Lieferverkehr, es stinkt nach Abgasen und Dieselruß.

Gärtnern im Industriegebiet

Gärtnern im Industriegebiet

Mittendrin ein schmuckloses Industriegebäude. Oben drauf zwei Orange lackierte Container, dahinter ein Gewächshaus. Die Urban Farm 001, wie die Begründer sie genannt haben, ist eine Pilotanlage, die aus einem Forschungsprojekt entstanden ist.

Stadtwirt statt Landwirt

Andreas Graber züchtet Fische und Gemüse – mitten auf einem Industriedach in Basel.

Wir sind keine Landwirtschaft, sondern wir sind Stadtwirte, Stadtbauer – "Urban Farmer" auf Deutsch übersetzt. Das heißt, es geht darum, wie bewirtschaften wir brachliegende städtische oder andere industrielle Flächen, die schon versiegelt sind?

Der Umweltwissenschaftler ist einer der Mitbegründer der "Urban Famers AG". Die Firma produziert Lebensmittel auf Dächern in der Stadt zum direkten Verkauf im Supermarkt.

Gärtnern in Mondlandschaften

Das ist eine Art der Produktion, die wir im Prinzip auch auf dem Mond aufstellen könnten. Ich brauche keine Wiese, ich kann eben auch in eine Dachbrache oder in eine andere Industriebrache gehen und damit Fläche nutzen, bei der man bisher gar nicht daran gedacht hat, dass man da auch Lebensmittel produzieren könnte.


Grüne Oase in der Stadt

Grüne Oase in der Stadt

Eine improvisierte Metalltreppe aus Gerüstteilen führt hoch aufs Dach. Oben steht das Gewächshaus in der prallen Sonne, darin wachsen Tomatenstauden in Reih und Glied, grüne und braune Blattsalate stehen stramm auf gluggernden Plastikrinnen, daneben Kräuter mit kräftig grünen Blättern. Pumpen blubbern vor sich hin. Die Anlage ist ein Kreislauf-System.


Fischgülle als Planzenfutter

Es ist eine Hydrokultur, die Pflanzen stehen im Wasser. Statt künstlichem Dünger, habe ich meine Fischzucht als Düngerstation auf dem Dach. Das heißt, der Großteil der Nährstoffe stammt aus dem Fischfutter. Ich füttere die Fische, die Fische wachsen und scheiden natürlich auch Abführstoffe aus. Die Feststoffe trennen wir weg; die Fischgülle kommt aus dem System raus und wird dann später auf dem Dach zu einem Wurmhumus kompostiert. Und der flüssige Anteil aus dem Fischdünger wird über die Pflanzen gereinigt, dient den Pflanzen als Dünger und kommt als gereinigtes Wasser zurück in den Fischkreislauf.

Fischzucht

Fischzucht

Aquaponics heißt die Technik. Sie kombiniert Fischzucht in Aquakultur mit Pflanzenzucht in Hydrokultur. Im hinteren Teil stehen vier Bottiche, viel passiert nicht, die Fische schwimmen im klaren Wasser ziemlich ruhig vor sich hin. Nur beim Füttern plantschen die Zuchtbarsche ein wenig mit dem Wasser. Die ganze Anlage wirkt eher steril, wie ein Labor. Während sich Andreas Graber um die Technik und um die Fische kümmert, ist Roman Gaus fürs Geschäft zuständig:

Urban Farming - das neue "Bio"?

Das Konzept ist Nähe und Frische gekoppelt mit sehr starker Transparenz. Wenn wir ein Produkt auf den Markt stellen, dann können wir punktgenau sagen, wie viele Nährstoffe, wie viel Energie, wie viel Wasser in diesen Fisch, in diese Tomate, in diesen Salatkopf geflossen ist. Das ist schon revolutionär.

Roman Gaus hat eine klare Zielgruppe. Die Käufer wollen Qualität, aber auch was ausgefallenes, Urban Farming ist für ihn das neue Bio.

Für den Supermarkt um die Ecke

Wo kommen denn all die Bio-Lebensmittel her? Macht es denn Sinn, die Bio-Frühkartoffeln aus Ägypten einzufliegen? Wir sagen, nein. Es gibt durchaus eine Berechtigung, sehr lokale Produkte zu erzeugen, die biologisch oder organisch produziert werden – aber auch mit Augenmerk adrauf, wie viel CO2 in diesem Produkt steckt. Und - insbesondere bei uns in der Aquakultur - auch, wie viel Wasser.

Markt wird mit Urban Farmers Artikeln beliefert

Markt wird mit Urban Farmers Artikeln beliefert

Die Testfarm beliefert den Supermarkt um die Ecke, gerade mal 5 Minuten entfernt, zweimal die Woche wird um fünf Uhr in der Früh geerntet, um 8 stehen Kräuter, Salat und Tomaten im Verkaufsregal. Und da zeigt sich schnell, Urban Farming ist erklärungsbedürftig, denn nicht alle können sich das Prinzip vorstellen. Doch Skeptiker werden feststellen, dass weder die Tomate nach Fisch schmeckt noch der Fisch moselt.

Roman Gaus stellt sich vor, dass sie künftig in großen Farmen auf den Dächern von Supermärkten produzieren. Denn große Supermärkte haben genügend freie Flächen und werden sich selbstständig vom sehr guten Absatz der Produkte überzeugen können. Urban Farming ist kein gemeinnütziges Projekt. Mit Urban Gardening hat das nichts zu tun, erklärt Gaus:


Eine wirtschaftliche Anlagengröße sehen wir bei 1000 Quadratmetern pro Farm. Eine Tausend-Quadratmeter-Farm könnte, mit den dort hergestellten Produkten, fast 500 Menschen ernähren. Das heißt, es ist eine sehr intensive und eine sehr effiziente Art der Produktion.

Die beiden Schweizer haben eine Vision: Nahrungsmittelproduktion im großen Stil.

Weitere Themen in SWR2