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Die dunkle Seite des Unternehmergeistes Vom Rebellen zum Chef

Erfolgreiche Unternehmer haben es nicht leicht. Den Wirtschaftsbossen werden gerne Egoismus und Ellbogenmentalität vorgeworfen. Doch was ist dran am Klischee? Und: Macht der Job des Unternehmers aus Menschen knallharte Egoisten, oder werden knallharte Egoisten nur eben öfter Unternehmer? Diesen Fragen sind Forscher der Uni Jena nachgegangen. SWR2 Impuls sprach mit dem Leiter der Studie, dem Psychologen Martin Obschonka.

Unternehmer sind Rebellen

Unternehmer sind Rebellen

Unternehmer sind nicht gerade dafür bekannt, sich in die Seele schauen zu lassen. Wie sind Sie an Ihre Daten gekommen?

Wir haben eine lang angelegte, schwedische Längsschnittstudie genutzt. Sie wurde 1965 gestartet und hat eine Generation, die damals in einer schwedischen, mittelgroßen Stadt eingeschult wurde, über die letzten 40, 50 Jahre begleitet. Das hat uns erlaubt, in die Lebensläufe der Unternehmer und Nichtunternehmer zu schauen und diese dann zu vergleichen.

So konnten Sie ganze Laufbahnen von rund 1.000 Schülern verfolgen?

Der Psychologe Martin Obschonka von der Universität Jena

Martin Obschonka

Richtig. Wir haben diesen existierenden Datensatz für unsere neue Fragestellung genutzt. Wir haben die Daten also nicht selbst erhoben, sondern sie in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Stockholm nochmal neu ausgewertet.

Haben Sie in dieser Teilnehmergruppe tatsächlich einen Klischeetypus "Unternehmer" ausgemacht?

Wir haben ja auf antisoziale, delinquente, regelbrechende Tendenzen geachtet und zwar im kompletten Lebenslauf – mit Fokus auf das Jugendalter, aber auch auf das Erwachsenenalter. Wir haben unterschieden zwischen eher milderem Regelbrechen wie Abschreiben, Schuleschwänzen, im Geschäft etwas mitgehen lassen und schwerwiegenderem Regelbrechen. Dazu haben wir Polizeistatistiken ausgewertet.

Chefetage mit Frauen

Zum Chef geboren

Wir haben einen Unterschied gefunden zwischen denen, die später ein Unternehmen gegründet haben, und denen, die keines gegründet haben. Und zwar bei frühem, milderem Regelbrechen – nicht bei schwerwiegenderen, kriminellen Verhaltensweisen. Man könnte sagen: Unternehmer sind rebellischer in der Jugend, ohne jetzt wirklich auf die schiefe Bahn zu geraten. Ohne zu stark abzudriften in eine kriminelle Karriere.

Ist dieses rebellische Verhalten einer Karriere als Unternehmer also zuträglich?

Das könnte man so sagen. Es gibt jetzt noch eine neue Studie aus den USA, die ähnliche Längsschnittdaten analysiert hat. Diese Studie ist zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Wenn zu frühem Regelbrechen auch noch eine analytische Intelligenz kommt, ist eine erfolgreiche unternehmerische Karriere wahrscheinlicher. Dieses frühe Regelbrechen ist so etwas wie ein Entwicklungsvorbote.

Was ist der entscheidende Faktor – die Lust am Risiko?

Das könnte ein ganz wichtiger Faktor sein, Unternehmer können ja eher mit Risiken umgehen. Das kann damit zusammenhängen, dass man in der Jugend eher dieses regelbrechende Verhalten zeigt. Das kann aber nicht der einzige Grund sein. Es kommen noch weitere Faktoren hinzu, die wir in Zukunft erforschen werden.

Kleine Rebellen haben gute Karrierechancen. Können sich Eltern also freuen, wenn ihr Kind Regeln bricht?

Rebellisch schon als Kind

Rebellisch schon als Kind

Das könnte man so interpretieren, gerade im heutigen Ritalinzeitalter: dass es nicht nur auf Stillsitzen und Konformismus ankommen muss; dass Regelbrechen auch die Basis sein kann für späteren Unternehmergeist, der Innovation und Arbeitsplätze schafft.

Lassen sich die Ergebnisse aus USA und Schweden auf Deutschland übertragen?

Für Deutschland gibt es leider keine vergleichbaren, lang angelegten Datensätze. Aber es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Ergebnisse nicht übertragbar sind, gerade in unserer heutigen globalisierten Welt, wo Unternehmertum relativ gleich ist und wo es auf regelbrechende, innovativen Verhaltensweisen ankommt.

Sollte dieses gemäßigte, regelbrechende Verhalten bei Jugendlichen sogar unterstützt werden – etwa in der Schule?

Als Kind schon auf Chef geeicht?

Unternehmer haben ihren eigenen Kopf

Es ist ein wenig paradox. Auf der einen Seite gibt es schon in vielen Ländern Initiativen, frühe unternehmerische Kompetenzen in den Schulplänen zu verankern. Auf der anderen Seite zeigen Studien, dass Gründertypen eine geringere Schulmotivation haben. Die haben eher ihren eigenen Kopf. Daher ist es fraglich, ob man das nur über die Schule fördern kann.


Martin Obschonka ist Psychologe und Mitautor der Studie "Rule-breaking, Crime, and Entrepreneurship" der Universität Jena.

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