Unnötige Arztbesuche Warum nicht einfach mal abwarten?

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Aufgeblähtes Gesundheitssystem

Der Zeckenbiss juckt ein bisschen – auf zum Arzt, es könnte Borreliose sein. Das Kind hat Fieber, ab in die Notaufnahme. Wir Deutsche gehen auf Nummer sicher und schnell zum Arzt. Doch oftmals ist Abwarten die bessere Medizin.

Um die vielen unnötigen Arztbesuche geht es in einem neuen Buch, es heißt „Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker. Warum abwarten oft die beste Medizin ist“ – geschrieben haben es die Mediziner Ragnhild und Jan Schweitzer.

Herr Schweitzer, gab es schon Reaktionen?

Es gab noch nicht so viele Reaktionen, das Buch ist ja ganz frisch, aber wir haben im Vorfeld mal unsere Freunde gefragt, darunter sind sehr viele Mediziner, die haben, als sie den Titel hörten, laut gelacht und dann gesagt: Stimmt!

Haben Sie Beispiele, wann man nicht zum Arzt gehen sollte?

Es geht uns natürlich um die Fälle, die nicht so schlimm sind. Natürlich gibt es Menschen, die zum Arzt müssen, also chronisch Kranke, Diabetespatienten, oder natürlich Menschen, die Symptome wie einen drohenden Herzinfarkt haben. Die müssen sofort hin.

Frau mit Handtuch (Foto: Keine Angabe -)
Helfen Hausmittel manchmal besser als die teure Medizin vom Arzt und aus der Apotheke? Keine Angabe -


Aber es gibt eben viele Symptome oder Krankheiten, bei denen man abwarten sollte, etwa bei Erkältungen, Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen, Kniearthrosen, das sind oft Beschwerden, bei denen man abwarten sollte, weil gerade dort zu viel therapiert wird mit Medikamenten und Medizintechnik, die wenig helfen.

Wann kann ein Arztbesuch nicht so viel bringen?

Sie haben Rückenschmerzen und gehen zum Arzt, der macht ein Röntgenbild und sieht dann, Sie haben Abnutzungserscheinungen. Nun gut, nur diese Abnutzungen haben auch schon junge Menschen, 20jährige, die können ganz normal sein, wenn der Arzt aber mit dem Röntgen etwas sieht, tut er auch etwas, und er gibt eine Spritze in den Rücken. Das ist aber nicht immer gut, diese Spritze hat nicht immer einen nachgewiesenen Nutzen, die Nebenwirkungen können dafür aber umso schlimmer sein.

Ein Arzt hält einen Tablet-PC in der Hand und zeigt auf eine Computeranimation eines Rückens. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Thinkstock -

Aber wenn ich Schmerzen habe, kann ich nicht einfach ruhig da sitzen, ich will eine Klärung, ich habe ja auch Angst, ich gehe dann zum Arzt, was soll ich sonst machen?

Ja natürlich, Sie gehen zum Arzt und vertrauen ihm, er weiß schon, was er tut und was er nicht tut. Das ist ja auch seine Verantwortung Ihnen gegenüber. Und wenn Sie ungewöhnliche Schmerzen haben, sollten Sie zum Arzt, wenn Sie aber etwa Schmerzen haben, die Sie kennen, von denen Sie aus Erfahrung wissen, dass sie vorbeigehen, würde ich zuerst einmal zu Hause bleiben. Übrigens: Viele Patienten wollen beruhigt werden, verlangen vom Arzt, dass er etwas macht, dass er etwas verschreibt, diese Einstellung sollte sich ändern.

Welche Rolle sollte der Arzt spielen?

Er ist nach wie vor Vertrauensmann, Ratgeber, Lotse, als Patient vertraut man ihm, und er sollte durchaus öfter mal seine Patienten beruhigen und ihnen sagen, warten Sie ein zwei Tage ab, wenn es schlechter wird, kommen Sie wieder zu mir, wenn es  besser wird, war es etwas Harmloses, dass wir ohne Therapie in den Griff bekommen haben.

Junge Frau sitzt vor Laptop (Foto: © Colourbox.com -)
Nach möglichen Krankheiten googeln macht nicht unbedingt gesünder © Colourbox.com -


Was wir übrigens prinzipiell ablehnen, und das schreiben wir auch im Buch: Gehen Sie auf keinen Fall zu Dr. google, also recherchieren Sie bei Beschwerden möglichst nicht zu viel und üppig im Internet, nach dem fünften Klick landen Sie bei irgendeiner furchtbaren Erkrankung, die Sie sich dann einbilden.

Gibt es Studien, die Ihre These belegen, dass zu viel therapiert, zu viel verschrieben wird?

Es gibt viele Einzelstudien zu einzelnen Bereichen, Experten schätzen aber, dass 90 % aller Beschwerden, mit denen man zum Arzt geht, wieder von selbst verschwinden, und bei vielen Therapien ist bis heute nicht geklärt, ob sie einen Nutzen haben.

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