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Die Qual der Worte: Analphabetismus Der Film "Unbelehrbar" läuft in süddeutschen Kinos

Analphabetismus ist kein Schicksal aus den sogenannten "Dritte Welt-Ländern", auch wenn es weltweit 775 Millionen Analphabeten gibt. 7,5 Millionen leben, laut der "Leo-Studie" in Deutschland, und sind meist Deutsche. Im Spielfilm UNBELEHRBAR der Filmemacherin Anke Hentschel wird das Schicksal einer deutschen Analphabetin auf eine Weise beleuchtet, die berührt und bewegt.

Die Analphabetin Ellen will mit 40 endlich Lesen und Schreiben  lernen

Die Analphabetin Ellen will mit 40 endlich Lesen und Schreiben lernen

Ellen: Ich melde mich wieder an.
Rudi: Hast du nun schon drei Mal probiert, und nichts ist dabei rumgekommen. Was soll ein viertes Mal bringen?
Ellen: Jenny, Niklas, ich (…) werde in die Schule gehen, und melde mich wieder an zum Kurs.

Schon am Anfang des Filmes UNBELEHRBAR wird klar, worum es geht. Die 40jährige Ellen, zweifache Mutter, ist Analphabetin. Sie findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab, auch wenn es freundlich daher kommt...


Mann: Eure Mutter glaubt, dass wir sie für klein, dumm und blöde halten, nicht? Aber ich liebe diese Ellen so, wie sie da steht. Und ich verstehe nicht, wie du auf so einen Unsinn kommst.

Ausgrenzung durch Analphabetismus

Filmprotagonistin Ellen will ihr Leben ändern

Filmprotagonistin Ellen will ihr Leben ändern

Ellens Schicksal ist exemplarisch für das der rund 7,5 Millionen Deutschen, die nach einer im Jahr 2011 erhobenen Studie Analphabeten sind. Die meisten von ihnen sind vom "funktionalen Analphabetismus" betroffen, das heißt: die Schreibunfähigkeit macht es den Betroffenen unmöglich, sich im normalen Alltagsleben angemessen auszudrücken und am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben.

Realer Fall als Vorbild

Für die Filmregisseurin Anke Hentschel, die in der Zeitung darüber las, war das der Anlass, einen Film dazu zu machen:

Also das Zwischenmenschliche hat mich interessiert, und dann habe ich recherchiert. Und habe recht schnell eine Schule gefunden, wo Erwachsene unterrichtet werden. Und da habe ich eben auch eine Deutsche gefunden, eine Mutter, so ähnlich wie im Film. Also eine Analphabetin. Die habe ich dann oft getroffen, und dann hat sie angefangen ihr Leben zu erzählen. Und das war so die Inspirationsquelle.


Filmszene aus "Unbelehrbar": Ellen im Waschsalon

Filmszene aus "Unbelehrbar": Ellen im Waschsalon

Bislang ist die Film-Ellen mehr schlecht als recht ohne Buchstaben und Zahlen durchs Leben gekommen, sie hat sich in ihrer Begrenzung eingerichtet. Damit ist jetzt genug. Weil es in der Volkshochschule ihres Ortes keinen Alphabetisierungskurs gibt, fährt sie, gegen alle familiären Widerstände, nach Berlin. Dort meldet sie sich an. Eindrucksvoll gelingt es der Schauspielerin Leonore Steller an dieser Stelle zu zeigen, welche tiefsitzenden Hemmungen Analphabeten haben.

Ellen: das Anmeldeformular für das Alphabetisierungsprogramm.
Frau: Anfänger, Aufbau, Fortgeschritten?
Ellen: Ich möchte den Kurs machen. Für Anfänger.

Verloren und orientierungslos

Für Leonore Steller ging es bei der Darstellung der Ellen um mehr als nur um jemanden, der anders im Leben zurechtkommen muss, als die meisten Menschen.

Leonore Steller: Es ist wirklich diese einfache Geschichte einer großen Verlorenheit, die ja auch jeder in sich selbst finden kann, die in erster Linie für mich darzustellen war.


Ellen in der Schule

Ellen in der Schule

Nach und nach befreit sich die Film-Protagonistin nicht nur von ihrer Begrenzung, sondern auch von den fürsorglichen familiären Zwängen. Ellens Familie nimmt das so nicht hin…

Qual der Worte

Tochter: Komm einfach zurück nach Hause, ok?
Ellen: Es ist einfach noch nicht zu Ende. Es fängt gerade erst an. Jenny, du bist meine Tochter, das wirst du immer sein. Aber ich bin auch noch ich. Es fängt gerade erst an.
Rudi: (schreit) Was, dieser Scheiß-Kurs, oder was?

In Katharina Schlender fand die Regisseurin die ideale Co-Autorin für das Drehbuch. Denn die Theaterautorin Schlender wendete das große Thema Analphabetismus, und fand noch mehr.

Katharina Schlender: Das Fundament, auf dem der Film aufbaut, ist erst mal das Thema Analphabetismus. Und ich wollte mich da auch nicht so reingraben wie in einem Lehrfilm über Analphabetismus, sondern das Hauptthema ist wirklich Verlorenheit und die Frage: wie findet man sich zurecht? Wenn man sich in dieser Welt mit den Koordinaten nicht bewegen kann, also den Schriftkoordinaten, mit den Zeichen, die Zeichen auch nicht entziffern kann, was bleibt einem dann noch?


Filmszene aus "Unbelehrbar"

Ellen hadert mit ihrem Schicksal als Analphabetin

Die Ellen im Film UNBELEHRBAR wird sich durchsetzen. Dabei hilft auch, dass sie andere Leidensgenossen trifft.


Kursteilnehmerin: und wie läuft` s bei Euch?
Mann: ganz schön hart dran nimmt die uns. Schlimmer wie Schule.


Der Film UNBELEHRBAR ist sowohl ein wichtiger Film, als auch spannend und ungemein gut erzählt. Leonore Stellers Darstellungskraft der Ellen berührt und verführt.

Analphabetismus ist in Deutschland mit den vielen Betroffenen dringender, als oft bekannt. Das weiß auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, Mit einer 20 Millionen Euro teuren "Nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundausbildung Erwachsener" will man diesem Problem zu Leibe rücken. Der Film UNBELEHRBAR, der nun in den süddeutschen Kinos zu sehen ist, unterstützt diese nationale Strategie auf eine unaufdringliche und nachvollziehbare Weise.


Termine:

KONSTANZ: Zebra Kino vom 4.10. - 08.10.13
Di. 08.10. anschließend mit Publikumsgespräch mit Regisseurin Anke Hentschel

SINGEN: Weitwinkel Mi. 09.10. um 20:00 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

ULM: Obscura Do. 10.10. um 17:00 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

FRIEDRICHSHAFEN: Caserne Do. 10.10. um 20:30 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

FREIBURG: Kommunales Kino Sa. 12.10. um 19:30 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

ÜBERLINGEN: Cinegreth So. 13.10. um 18:00 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

KARLSRUHE: Kinemathek Di. 03.12. um 19:00 Uhr, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

PFORZHEIM: Kommunales Kino Mo. 20.01.2014, anschließend mit Publikumsgespräch mit Anke Hentschel

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