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Umweltschutz mit Nebenwirkungen Was ist wirklich "Öko"?

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt attestiert den Deutschen ein recht hohes Umweltbewusstsein. Im Alltag aber erleben die Deutschen, dass es oft extrem schwierig ist, das ökologisch Richtige zu tun. Viele unserer Kaufentscheidungen haben ungewollte, manchmal auch ungeahnte Folgen: Energiesparlampen enthalten Quecksilber; viele Abfälle aus dem Gelben Sack werden nicht recycelt, sondern verbrannt.

Steckdosen mit Schriftzug "Öko"

Öko-Terrorismus

Umweltschutz halten die Bürger in Deutschland für ähnlich wichtig wie die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Doch wer nicht auf Konsum verzichten will, muss fast zwangsläufig Abstriche machen beim Umweltschutz. Eine große Wohnung, der Geländewagen, Fernreisen – das alles belastet die Umwelt.

Auch für die Produktion unserer Lebensmittel wird viel Wasser verbraucht, zumeist in heißen und trockenen Ländern. Forscher am Institut für Technischen Umweltschutz der TU Berlin haben ausgerechnet, wie viel Wasser benötigt wird, bis ein Liter Milch im Kühlschrank steht. Der Umweltingenieur Markus Berger spricht vom "Wasserfußabdruck" der Milch. Dabei geht es vor allem um die Art der Herstellung der Nahrungsmittel für die Kuh, die für den Wasserverbrauch eingerechnet werden.

Das Futter macht’s

Kühe im Stall

Wie viel Wasser braucht das Kuhfutter?

Viele deutsche Bauern füttern ihre Rinder mit Futter aus Übersee, etwa mit Soja. Werden die Futterpflanzen in einer trockenen Gegend angebaut, verschärft die Bewässerung der Pflanzen den Wassermangel vor Ort. Leider sieht man der Milch im Supermarkt nicht an, wo auf der Welt wie viel Wasser für ihre Produktion verbraucht wurde. Markus Berger empfiehlt, im Zweifel Biomilch zu kaufen.

Bei Milch wie bei frischem Obst und Gemüse ist die ökologischste Kombination: Bio, regional und saisonal. Aber wer ernährt sich im Winter schon von Bio-Kraut und Schwarzwurzel aus der Heimat, wenn er auch importierte Tomaten und Zucchini kaufen kann? Für die Umwelt immerhin dürfte eine solche Art von Öko-Patriotismus sinnvoller sein, als zu Hause Wasser zu sparen. Auch, wenn die Deutschen das mit großer Begeisterung tun.

Wassersparen ohne Sparen

Wasserhahn

Wie viel Wassersparen ist sinnvoll?

Der Wasserverbrauch der Deutschen ist in den letzten Jahrzehnten merklich gesunken – von fast 150 Litern pro Tag und Person auf rund 120 Liter. Für die sparsamen Kunden wird es trotzdem nicht billiger. Schuld sind unter anderem die hohen Fixkosten der Wasserbetriebe. Wenn die Deutschen seltener baden, erhöhen die Wasserbetriebe den Preis pro Kubikmeter, das Wasser wird teurer. Die Kunden wollen dann erst recht sparen – ein Teufelskreis. Außerdem schadet Wasser-Sparen den Leitungen. Damit die nicht verkeimen und korrodieren, werden Rohre und Kanäle von Wasser- und Abwasserbetrieben regelmäßig mit Wasser gespült.

Der Eifer der Deutschen beim Wassersparen schafft also neue Probleme. Ein Beispiel dafür, wie Umweltschutz nach hinten losgehen kann. Diese Erfahrung machen nicht nur die privaten Haushalte, auch gut gemeinte Umweltpolitik kann scheitern – aus unterschiedlichen Gründen. Wie das Beispiel Dosenpfand zeigt. Das Pfand sollte eigentlich vom Kauf von Dosen und Einweg-Flaschen abschrecken. Stattdessen hat es Einweg aufgewertet.

Einweg in die Sackgasse

Ein Entsorgungsbetriebsmitarbeiter hält illegal abgelegten Elektroschrott an einem Grünglascontainer in den Händen

Illegal abgelegter Müll

Solche Überraschungen sind kein Grund, auf Umweltschutz zu verzichten. Politiker genauso wie Bürger müssen nur bereit sein, dazu zu lernen. Wie beim Wassersparen. In einem regenreichen Land wie Deutschland sind Spartasten auf dem Klo überflüssig, beim Zähneputzen den Hahn zudrehen ist unnötig. Trotzdem bleibt es vernünftig, die Ressource Wasser zu schonen. Der Umweltingenieur Markus Berger rät, weniger warmes Wasser zu verbrauchen. Denn fürs Erhitzen wird Energie eingesetzt. Die liefern häufig Öl, Gas oder Strom.
Außerdem sollten wir das Wasser nicht unnötig verschmutzen, zum Beispiel alte Medikamente nicht ins Klo werfen, sondern in die Restmüll-Tonne.

Und wir können Wasser sparen, indem wir anders einkaufen und stärker auf die Herkunft der Produkte achten. Einen großen Teil unseres Wasserbedarfs haben wir längst ins Ausland verlagert. Wo Dürre herrscht, ist aber selbst die Bio-Landwirtschaft kaum nachhaltig.

Durstige Billigkleidung

Bekleidung mit Öko-Etiketten

Bekleidung mit Öko-Etiketten

Die Herstellung all der Baumwoll-Jeans, T-Shirts, Handtücher und anderer Baumwoll-Textilien, welche die Deutschen in einem Jahr kaufen, verschlingt mehr als doppelt so viel Wasser wie die privaten Haushalte im gleichen Zeitraum zum Waschen, Kochen und Baden benötigen. Das geht aus Berechnungen des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2010 hervor. Ein T-Shirt weniger zu kaufen kann der Umwelt mehr bringen als die dickste Spartaste an der Toilettenspülung. Wer die Umwelt wirksam schützen will, muss mehrere Dinge gleichzeitig im Auge behalten. Damit tun sich nicht nur die Verbraucher schwer, sondern auch die Politik.

Anderes Beispiel: Mülltrennen. Grüne Punkt ist das Zeichen und gängiger Name des Dualen Systems Deutschland, kurz DSD, des Marktführers unter den Entsorgern von Verpackungsmüll. Das Zeichen bedeutet lediglich, dass hier ein Hersteller Gebühren an den Grünen Punkt zahlt. Der verwertet auch Altglas und Altpapier. Dem Verbraucher kann das runde Zeichen mit den zwei ineinander greifenden Pfeilen egal sein, für ihn ist nur wichtig: Glas gehört in den Glascontainer, Papier in den Papiercontainer, leere Verpackungen kommen in den Gelben Sack – egal, ob darauf ein Grüner Punkt prangt oder nicht. Damit fängt das Müll-Trennen und Sortieren erst an.

Neue Wertstofftonne nötig

Müllsack mit unterschiedlichen Abfällen

Welche Mülltrennung macht wirklich Sinn?

Sinnvoll wäre eine Wertstofftonne, in die nicht nur Verpackungen geworfen werden, sondern zum Beispiel einfach alles, was Plastik oder Metall ist. In Städten wie Hamburg und Berlin gibt es solche Tonnen bereits, eine bundeseinheitliche Regelung steht noch aus. Bis dahin bleibt der Gelbe Sack Standard. In den dürfen nur Verpackungen, manchmal verirrt sich in den Sack aber auch unerlaubt ein Salatsieb oder ein Schraubenzieher. Fachleute sprechen dann von einem "intelligenten Fehlwurf".

Viel zu häufig werden Umweltschutz-Ziele auch von Wirtschaftslobbys unterlaufen, klagen Fachleute wie der Soziologe Harald Heinrichs. Als Beispiel führt er den vorerst gescheiterten europaweiten Handel mit Emissionszertifikaten an. Auf Druck der Wirtschaft hat die Politik deutlich zu viele CO₂-Verschmutzungsrechte auf den Markt gegeben. Das Ergebnis: Zuletzt waren die Zertifikate viel zu billig, um noch eine Wirkung zu haben. Die EU will die Verschmutzungsrechte nun zeitlich befristet verknappen. Ob das aber ausreicht für wirksamen Klimaschutz, ist umstritten.

Feinstaub am Neckar

Abgase strömen aus Autos, die im Stau stehen.

Feinstaubwerte in der Umweltzone

Die B14 am Stuttgarter Neckartor, eine sechsspurige Ausfallstraße, auf der Tag für Tag an die 70.000 Autos fahren. Hier, auf der Rückseite des Amtsgerichts, steht ein mannshoher, weißer Kasten mit grünem Dach, aus dem Stangen mit Metall-Töpfen ragen. Das ist eine Mess-Station für Luftschadstoffe der LUBW, der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg.

Hier ist deutlich sichtbar, wie viel Feinstaub Passanten am Neckartor einatmen müssen – trotz Umweltzone. Die gibt es in Stuttgart seit März 2008, seit Anfang 2012 dürfen nur noch Autos mit grüner Plakette ins Stadtgebiet. Auch zahlreiche andere Städte haben auf Druck der EU Fahrverbote für Dreckschleudern erlassen. Da wurden Schilder aufgestellt, Plaketten ausgegeben und Kontrollen organisiert. Trotzdem werden die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide regelmäßig überschritten. Das Stuttgarter Neckartor ist längst berüchtigt für seine schlechte Luftqualität.

Für das gute Gefühl

Heidelberger Großbaustelle mit Plakat: "Klima sucht Schutz in Heidelberg"

"Klima sucht Schutz in Heidelberg"

Die öffentlichen Verkehrsmittel zu stärken wäre eine weitere Möglichkeit, für bessere Luft in den Städten zu sorgen. Aber vielen Deutschen ist ihr Auto heilig. Ausgerechnet umweltbewusste Akademiker schaden dem Klima oft mehr als andere Haushalte, egal, wie viel Biomilch sie kaufen, denn sie haben in der Regel größere Wohnungen, die im Winter beheizt werden müssen, sie fahren die dickeren Autos und fliegen öfter in Urlaub. Als besonders umweltfreundlich dagegen gilt der Lebensstil von Schrebergärtnern. Sie verreisen kaum und verbringen die Freizeit lieber im Garten. Da wird Bescheidenheit zur Öko-Tugend.

Teilnehmer applaudiert in Doha, Katar, auf der 18. UN-Klimakonferenz bei der Verkündung zur Verlängerung des Kyoto-Protokoll-Abkommens

Verlängerung des Kyoto-Protokoll-Abkommens im Jahr 2012

Allerdings sollte man die Verantwortung nicht ausschließlich den Verbrauchern aufbürden. Denn Politik und Wirtschaft sind mindestens im gleichen Maße gefordert, ihre Beiträge zu leisten, um es den Konsumenten so einfach wie möglich zu machen, dass sie ihr Umweltbewusstsein auch tatsächlich in konkretes Handeln umsetzen können.

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