Jugendliche machen ein Selfie (Foto: SWR, SWR -)

Krankhafte Selbstliebe Wie man den Narzissmus überwinden kann

Von Wilhelm Schmid

Narzissmus ist die Folge eines aufgeblasenen Ich-Kults, der in unserer Gesellschaft Züge einer Epidemie angenommen hat. Überall begegnen einem aufgeblasene, von sich selbst überzeugte und bornierte Menschen. Wie man diesen falschen Weg verlassen kann, erläutert Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Essay.

Dauer

Narzissmus führt zu Aggression und Selbsthass

"Zerstörerische Ausmaße nimmt der Narzissmus bei jungen Menschen an, die ihr Ich mit Gewalt durchzusetzen bereit sind, sowie bei alternden Präsidenten, die Staaten als Fortsetzung ihrer Ichs mit anderen Mitteln verstehen.

Die übersteigerte Selbstliebe ist ein Irrweg, gleichermaßen kräftezehrend für das Ich, das ein Idealbild seiner selbst realisieren will, wie für Andere, die davon betroffen sind. Der übermäßig Selbstliebende ist auf bewundernde Andere angewiesen, zusätzlich will er bei jeder Gelegenheit die Vollkommenheit seiner selbst im Spiegel sehen, in den er wie einst Narziss am Rande einer spiegelnden Wasserfläche gerne blickt. Da kein Spiegelbild reale Mängel beseitigen kann, unterliegt er ständig der Gefahr, enttäuscht von sich zu sein." (Wilhelm Schmid)

Übertriebene Selbstliebe (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Übertriebene Selbstliebe Imago Imago/Fotograf XY -

Der Ausweg: Die Selbstfreundschaft

"Die Selbstfreundschaft steht für eine Pflege des Selbst, durch die das Leben leichter wird, da sie einem Menschen ermöglicht, besser mit sich umzugehen und damit umgänglicher auch für Andere zu werden.

Die freundliche Beziehung zu sich stellt die Basis der Gelassenheit dar und begründet ein Selbstvertrauen, das von Dauer sein kann. Bei der Selbstfreundschaft verzichtet das Selbst, ähnlich wie bei der Freundschaft mit Anderen, auf eine Idealisierung und ist zu einer realistischen Einschätzung seiner selbst in der Lage." (Wilhelm Schmid)

Der Weg zur Selbstfreundschaft

Den Weg zur Selbstfreundschaft kann man leichter gehen, wenn man sich eine Integrität aufbauen kann, die einem hilft, sich selbst und anderen wieder nahezukommen.
Einige Regeln sind dabei zu beachten:

  • 1. Frage Dich: Welche Beziehungen der Liebe, der Freundschaft und Verwandtschaft sind Dir so wichtig, dass Du sie als Teil Deines Selbst betrachten willst? Nur, wer in einem Netz von Beziehungen lebt, verfügt über ein soziales Immunsystem, mit dessen Hilfe sich Stress und übertriebener Ich-Kult abschütteln lassen.
  • 2. Definiere für Dich genau: Was ist mein Traum, dem ich im Leben folgen will, mein Weg, den ich gehen will? Menschen brauchen Ziele und Zwecke, für die zu leben ihnen sinnvoll erscheint.
  • 3. Frage Dich: Welche Werte halte ich für wertvoll, welche sollen Vorrang haben, wenn ich mich entscheiden muss, etwa zwischen Freiheit und Bindung? Viele beklagen, die Gesellschaft habe keine Werte mehr, aber es könnte sein, dass zu viele Menschen in ihr keine mehr haben.
  • 4. Definiere Gewohnheiten: Welche will ich sorgsam pflegen, um mich wohnlich in ihnen einrichten zu können? Natürlich ist es wichtig, offen für Neues zu sein, aber Gewohnheiten erleichtern das Leben, da sie im Unterschied zu Neuem keine Kraft kosten.
  • 5. Frage Dich: Was ist schön? Wo finde ich es? Das Schöne ist das Bejahenswerte, das eine unverzichtbare Ressource darstellt, um mit Ängsten, Verletzungen und Traumata zurechtzukommen.

Wilhelm Schmid, geb. 1953, zählt zu den wichtigsten Vertretern einer deutschen Lebenskunstphilosophie.

Portrait von Prof. Wilhelm Schmid (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)
Prof. Wilhelm Schmid SWR - Alexander Kluge

In seinen zahlreichen Büchern über Liebe, Freundschaft, Seelsorge, Gelassenheit und Glück baut er immer wieder Brücken zwischen Theorie und Praxis und zeigt, wie man mithilfe philosophischer Konzepte ein gelingendes Leben führen kann.

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