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Siebzehnjahr-Zikade verfolgt Primzahlstrategie

17 Jahre lang muss diese Larve auf ihren Einsatz als Insekt warten: die nordamerikanische Singzikade – zwei Zentimeter klein, schwarzer Körper, rote Augen. Dass sie so viel Geduld aufbringen muss, verdankt sie ihrem mathematischen Genie. Ja klar: Wir sind nicht die einzige Spezies, die die Faszination von Primzahlen erkannt hat.

Aber was hat die Zikade von ihrer Primzahl-Strategie? Der Göttinger Zikadenforscher Herbert Nickel geht davon aus, dass der 17-Jahres-Rhythmus eine Überlebensstrategie ist. Da die 17 eine Primzahl ist, also nur durch eins und sich selbst teilbar, können Räuber wie bestimmte Wespenarten sie nicht finden. Die schlüpfen nämlich im 2-, 4- oder 6-Jahresrhythmus. Die Zikaden pflanzen sich also nur in den geburtenschwachen Jahren ihrer Feinde fort und treffen so kaum aufeinander. Das heißt: In einer Region tauchen die Insekten tatsächlich nur alle 17 Jahre auf.

Die Siebzehnjahr-Zikade, so heißt das Tier, ist aber noch aus einem anderen Grund schlau – sofern man das von einem Insekt erwarten kann: Die langen Zeiträume des unterirdischen Larvendaseins haben nämlich den Vorteil, dass sich zum Beispiel Gelegenheitsfresser wie Vögel nicht darauf einstellen können, wann die plötzlich vielen Leckerbissen schlüpfen werden. Sie erwischen höchstens 44 Prozent der Population, die damit locker überlebt. Das meint auch der Göttinger Zikadenforscher Herbert Nickel. Gut für die Zikade!

Ohrenbetäubendes Zirp-Inferno nach dem Massenschlüpfen

Allerdings hat die geniale Sache einen Haken – zumindest für die nordamerikanischen humanen Mitbewohner der Siebzehnjahr-Zikade: Wenn die aus dem Boden schlüpft, dann in Gesellschaft von Milliarden Artgenossen. Und schon wird´s laut: Von wegen Singzikade! Was nach lauer Sommernacht und heimeligem Zirpen klingt, ist in Wahrheit ein ohrenbetäubendes Inferno.

Mit diesem „Zirpen“ werben die Männchen um die Weibchen. Und das dauert: vier bis sechs Wochen lang. Werden sie endlich erhört, endet der Krach so plötzlich wie er begonnen hat. Die Weibchen legen ihre Eier in Laubbäumen ab und sterben. Die Männchen überleben schon die Paarung nicht.

Impuls fürs Schlüpfen nach 17 Jahren noch nicht entdeckt

Schlüpfen die Larven aus den Eiern, fallen sie auf den Boden und graben sich etwa 30 Zentimeter tief ein – eben für 17 Jahre. Sie ernähren sich vom Wurzelsaft der Bäume, was erwachsenen Exemplaren übrigens wohl nichts ausmacht. Als Beschäftigung scheint den Larven das zu genügen.

Sind 17 Jahre vergangen, krabbeln sämtliche Milliarden Zikaden in einer Region Nordamerikas wie auf ein unhörbares Signal hin aus dem Boden, und das Schauspiel beginnt von Neuem. Wer allerdings diesen Impuls gibt, liegt noch im Geheimnis der Natur. Vielleicht können 17-Jahr-Zikaden auch einfach nur bis 17 zählen.

Reihe Die Welt in Zahlen

Die Welt ist voller überraschender und kurioser Zahlen. SWR2 Impuls beschreibt in dieser Reihe die Welt in und aus Zahlen.  mehr...

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