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Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Thaddäus Troll Zwischen Wehmut und Gelächter

"Deutschland, deine Schwaben" - das war sein erster großer Erfolg. Der schwäbische Schriftsteller Thaddäus Troll, bürgerlich Hans Wilhelm Bayer, wäre am 18. März 2014 100 Jahre alt geworden. Bis heute gilt er als einer der vielseitigsten Mundartdichter.
Ich glaube, ich habe dem Schwaben durch meine liebevolle Kritik Selbstbewusstsein gegeben. Ich habe dafür gesorgt, dass Schwäbisch wieder ohne Hemmungen gesprochen wird, dass man sich zu seiner Muttersprache bekennt. (Thaddäus Troll)

Die Kulturdokumentation "Thaddäus Troll - "Heiter bis schwäbisch" enthält viel spannendes Archivmaterial.

Der schwäbische Mundartdichter Thaddäus Troll

Thaddäus Troll schrieb tiefgründige und heitere Prosa auf Schwäbisch, Gedichte und Miniaturen. Er übersetzte fremdsprachige Texte in die Mundart, Molière zum Beispiel. Doch Thaddäus Troll war viel mehr als "nur" ein berühmter Schwabendichter: Er war Journalist und Theaterkritiker, aktiv an der Spitze des deutschen Schriftstellerverbandes, im Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks und im PEN-Club.

Eine Kindheit in Schwaben

Am 18. März 1914 kommt Thaddäus Troll als Hans Wilhelm Bayer in Stuttgart Bad Cannstatt zur Welt. Sein Vater Paul ist von Beruf Seifensieder, seine Mutter Elsa eine moderne, lebenslustige Frau. Als Jugendlichen nimmt sie ihren Sohn Hans oft mit, wenn sie abends ausgeht. Als der älter wird, will er nicht die Bayer-Siederei übernehmen, sondern geht als "Chefredaktionspraktikant" für zwei Monate zur Cannstatter Zeitung.

Thaddaeus Troll, Autor von "Deutschland - deine Schwaben"

Der schwäbische Mundartdichter Thaddäus Troll

Dann will er studieren - sogenannte "brotlose Künste" wie Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte oder Literatur. Die Eltern tragen den Entschluss offenbar mit Fassung und unterstützten ihren Ältesten nach Kräften. Nachdem die Eltern ihr Einverständnis gegeben haben, beginnt Hans Bayer sein Studium zunächst in Tübingen. Es folgen München, Halle und Leipzig. Der dunkelhaarige junge Mann mit den sinnlichen Lippen, die in späteren Jahren von einem Schnurrbart verdeckt werden, ist ein Heißsporn und Frauenheld, tritt sogar einer schlagenden Verbindung bei. Aber das elterliche Vertrauen zahlt sich aus: Zunächst verfasst er bissige Theaterkritiken und Feuilletons unter bürgerlichem Namen. Ende der 1960er Jahre legt er sich für heitere Texte ein Pseudonym zu.

Da man im Deutschen ja nicht ernst und heiter sein kann, sondern das eine oder das andere, schreibt der Hans Bayer ernstzunehmende Dinge, Theaterkritiken und solche Sachen. Und der Thaddäus Troll schreibt ernste Dinge, die er vorher ins Heitere übersetzt hat. Der Troll kommt aus dem Sommernachtstraum. Und der Thaddäus, das ist ein Vorname, der im Polnischen - da habe ich viele Freunde - sehr häufig ist. So ist dieses Pseudonym entstanden. Wenn ich schwindle, sage ich: Ich heiße Thaddäus Troll, um in alphabetisch geordneten Bücherschränken links von Tucholsky zu stehen.

Kriegsjahre an der Front

Mit gerade einmal 25 Jahren und einem druckfrischen Doktortitel der Universität Leipzig in der Tasche zieht der Draufgänger Hans Bayer 1938 in den Krieg. Er wird Kriegsberichterstatter bei der Propaganda-Kompanie der Waffen-SS. Ab 1941 kämpft er an der Ostfront. Ob er überzeugter Nationalsozialist war, ist fraglich. Seinen Texten zumindest ist zu entnehmen, dass er im Verlauf des Krieges immer mehr auf Distanz ging. Von 1941 existiert allerdings noch eine Reportage aus dem Warschauer Ghetto, die vor Antisemitismus und Nazipropaganda strotzt. Als der Krieg zu Ende geht, wird Leutnant Hans Bayer sechs Wochen von den Briten interniert. Im Offizierslager Putlos bei Oldenburg in Holstein übernimmt er die Leitung der Lagerzeitung und des Lagertheaters. Danach kehrt der Journalist und Schriftsteller Hans Bayer zurück nach Stuttgart und macht sich auf die Suche nach einer vernünftigen Arbeit.

Thaddäus Troll (links) und Willy Reichert bei TV-Aufnahmen.

Thaddäus Troll und Willy Reichert

Neuanfang in Stuttgart

Schon während des Krieges hat er neben Berichten für die Truppenzeitung "Sieg" ein persönliches Kriegstagebuch und auch Feuilletons unter anderem für das „Stuttgarter neue Tagblatt“ geschrieben. Seine Verlobte Elfriede Berger betreut dort die Kultur- und Frauenseiten. Doch nach dem Krieg stellen die Besatzer zunächst nur wenige Lizenzen für Zeitungen aus, die von deutschen Verlegern herausgegeben werden dürfen. Zufällig geriet Bayer eine solche Lizenz in die Hände und er gründete mit dem Kabarettisten Werner Finck die Zeitschrift "Das Wespennest". Bekannte Zeichner, Maler und Schreiber wie Gerd Grimm, Erich Kästner oder eben auch Hans Bayer und Werner Finck nehmen darin Politik und später auch Kultur und Theater aufs Korn. Außerdem verleiht die Zeitschrift den "Wanderpreis für den unerfreulichsten Beamten". Mit dem "Wespennest" bekommt das Nachkriegsdeutschland also seine erste politisch-satirische Wochenzeitschrift, ein witziges und zugleich mutiges Magazin. Zwischen 1947 und 1951 arbeitet Hans Bayer auch für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" als Kulturkorrespondent. 1949 wird das "Wespennest" wegen schwindender Leser und Autoren eingestellt. Troll ist inzwischen dreifacher Vater, geschieden und wieder verheiratet.

Der Schwabendichter

Die Erfolgsgeschichte des Bestsellers "Deutschland deine Schwaben"

Deutschland, deine Schwaben

Im Jahr 1966 kommt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe auf Thaddäus Troll zu. Für eine neue Buchreihe über die deutschen Landsmannschaften soll er einen Band über die Schwaben verfassen. Troll ziert sich zunächst. Er sei doch kein Heimatschriftsteller, sagt er, entscheidet sich dann aber doch dafür, das Buch zu schreiben. In hochdeutscher Sprache mit schwäbischen Einsprengseln. Der Verlag lässt im Herbst 1967 eine Erstauflage von 12.000 Stück drucken. So viele - Thaddäus Troll ist skeptisch. Doch das Buch wird ein Riesenerfolg. Bis heute ist „Deutschland, Deine Schwaben“ mehr als 600.000 Mal über den Ladentisch gegangen - und seit seiner Erscheinung hat Troll den "Schwabendichter" weg.

Erfolg und Engagement

Der Erfolg als Mundartdichter verändert das Leben im Hause Bayer. Plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr. Thaddäus Troll ist sozusagen über Nacht berühmt geworden und zieht sich zum Schreiben in sein Wochenendhaus im Stuttgarter Hinterland zurück. Während in Stuttgart eine Haushälterin den Haushalt versorgt, kocht in Hinterrohrbach der "Chef" selbst für Freunde und Verwandte. Er lädt zu großen Gesellschaften. Er liebt Musik, vor allem die deutschen Chansons. Kurt Weills Dreigroschenoper ist ein echter Dauerbrenner im Hause Bayer. Und wann immer Zeit ist, steigt die Familie samt Tochter Eva aus erster Ehe ins Auto und fährt in den Urlaub. Außerdem engagiert er sich politisch: Im Wahlkampf unterstützt er die SPD nach Kräften. Als die Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten ansteht, schickt er sogar auf eigene Kosten Unterstützer-Briefe an die Mitglieder der Bundesversammlung. In die SPD-Wählerinitiative von Baden-Württemberg tritt er begeistert ein und zeigt sich gerne an der Seite anderer berühmter Zeitgenossen wie Martin Walser und Günter Grass. Er wird Mitglied des Landesrundfunkrates, lässt sich an die Spitze des Verbandes der Deutschen Schriftsteller wählen und kümmert sich um schreibenden Nachwuchs.

Die Schattenseiten

Thaddäus Troll 1973

Troll 1973

Thaddäus Troll scheint sein Leben in vollen Zügen auszukosten. Dennoch merken aufmerksame Freunde und Zeitgenossen, dass sich etwas verändert: Der fröhliche Spötter leidet an schweren Depressionen und will es nicht wahrhaben. Eine große Angst vor dem Älterwerden, vor dem physischen und psychischen Verfall hat ihn ergriffen. Nach außen scheint er heiter wie eh und je. Eine Behandlung lehnt er ab.

Am 5. Juli 1980 nimmt Thaddäus Troll in seiner Stuttgarter Wohnung eine Überdosis Schlaftabletten und stirbt. Neben sich eine halbvolle Flasche Rotwein, auf dem Schreibtisch ein kurzer Abschiedsbrief. Statt um Blumen und Nachreden bittet Thaddäus Troll in seinem Abschiedsbrief um eine Spende für Amnesty International. Die Beerdigung sollte im kleinen Kreis stattfinden. Dennoch nehmen rund 100 Menschen, darunter Walter Jens, Martin Walser und der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel auf dem Cannstatter Friedhof Abschied von einem der wichtigsten, vielleicht dem wichtigsten Mundartdichter Deutschlands.

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