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Tinnitus: Hilfe gegen Ohrgeräusche

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AUTOR/IN
Peggy Fuhrmann
ONLINEFASSUNG
U. Barwanietz, R. Kölbel & A. Braun

Ständiges Pfeifen oder Sirren im Ohr: Knapp 3 Millionen Deutsche leiden unter Tinnitus. Die gute Nachricht: neue Therapieformen zeigen gute Heilerfolge.

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In der Musiktherapie lernen Tinnitus-Geplagte, Töne in der Frequenz ihres Tinnitus wieder als von außen kommende Klänge wahrzunehmen. Dabei helfen Intonationsübungen, die das genaue Hören schulen. In knapp 20 Tinnitusambulanzen in Deutschland wird den Betroffenen heute geholfen - meist mit einer Verhaltenstherapie. Eine Musiktherapie gegen Tinnitus bietet bisher nur das Heidelberger Zentrum für Musiktherapieforschung. Musiktherapeuten und Psychologen haben das Programm im Jahr 2004 entwickelt. Inzwischen bestätigen mehrere Studien die Erfolge.

Eine Trillerpfeife aus Metal und rotem Band liegt auf einer Fläche. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Eine Trillerpfeife kann weh tun - nicht nur, was Entscheidungen auf dem Spielfeld angeht Thinkstock -

Die Idee zu der Therapie entstand, als die Therapeuten MRT-Bilder von Tinnituspatienten analysierten: Sie bemerkten, dass durch den Tinnitus die gleichen Hirnareale angesprochen werden wie beim Musikhören. Sowohl Musik als auch Ohrgeräusche wecken starke Emotionen und fordern hohe Aufmerksamkeit.

Doch während Musik meist positive Gefühlen und freudige Aufmerksamkeit auslöst, ist beides beim Tinnitus negativ besetzt. Und diese Verbindung zwischen bestimmten Klängen und den durch sie ausgelösten starken Gefühlen setzt sich schließlich im Gedächtnis fest.

Langes Training

Damit das Ohrgeräusch dauerhaft leiser wird oder sogar verschwindet, müssen die Patienten mindestens drei Monate lang intensiv trainieren und dabei täglich Hör- und Entspannungsübungen durchführen.

Tinnitus - Lärmstress aus dem Innenohr (Foto: SWR, SWR -)
Ein akuter Tinnitus entwickelt sich zunächst im Gehör SWR -

Studien der Universität des Saarlandes und der Uni Regensburg bestätigen die Erfolge: 80 Prozent der Befragten berichteten auch noch fünf Jahre später, dass der Tinnitus deutlich leiser geworden ist und erheblich weniger stört. Bei knapp zehn Prozent verschwand das Ohrgeräusch sogar vollständig.

Lieblingsmusik ohne Tinnitus

Es gibt noch einen anderen, neuen Therapieansatz, bei dem Musik die entscheidende Rolle spielt. In diesem Fall hört der Patient Musik, aus der die Frequenz seines Tinnitus-Tons herausgefiltert wurde.

Ganz Ohr – Die weite Welt des Hörens (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de - Poprotskiy Alexey)
Zu jeder Tinnitus-Therapie gehört, differenziertes Hören zu üben Foto: Colourbox.de - Poprotskiy Alexey

Durch dieses Verfahren sollen die gesunden Hörnervenzellen aktiviert und die überaktiven im Bereich der Tinnitusfrequenz beruhigt werden. Das könnte bei häufigem Hören über einen langen Zeitraum die Ohrgeräusche dauerhaft dämpfen, so die These.

Differenziertes Hören ist entscheidend

Inzwischen bietet ein Unternehmen eine Smartphone-App mit dem Namen "Tinnitracks" an. Sie filtert aus Musikstücken, die Nutzer dieser App selbst auswählen, deren persönliche Tinnitusfrequenz heraus. Diese Frequenz müssen die Patienten zuvor von einem HNO-Arzt exakt bestimmen lassen.

Tinnitracks wurde in den Medien geradezu gehypt – und die meisten Krankenkassen bezahlen die Kosten für diese App. Doch Fachleute betonen, dass die bisher festgestellten Effekte nicht über eine Placebo-Wirkung hinausgingen. Es besteht also weiterer Forschungsbedarf.

Nachhaltiger Lärm

Besonders schwer ist es dem chronischen Tinnitus beizukommen.

Fans bei einem Konzert (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Lärm wird subjektiv wahrgenommen Thinkstock -

Denn am chronischen Tinnitus sind neben dem Gehör auch Nervenzellen in verschiedenen Hirnarealen beteiligt. Ein Tinnitus entwickelt sich zunächst im Gehör. Fast jeder kennt ein kurzfristiges Klingeln im Ohr, das häufig unmittelbar nach einer stärkeren Lärmbelastung auftritt: nach stundenlangem Hören sehr lauter Musik, ohrenbetäubendem Lärm im Fußballstadion, oder wenn ein Silvesterknaller direkt neben einem explodiert ist.

Meist verschwindet dieses Geräusch nach einigen Stunden von selbst. Doch es kann bleiben. Lärm wirkt so nachhaltig, weil er die Haarsinneszellen im Gehörgang schädigt. Etwa 15.000 dieser Haarzellen hat jeder Mensch, sie wandeln Schallwellen in elektrische Energie um und leiten diese über den Hörnerv an das Gehirn weiter.

Stress, Stress, Stress

Geschädigte Haarzellen können diese Aufgabe nicht mehr oder nur noch unzureichend wahrnehmen. Wenn dieser Defekt erst wenige Tage besteht, helfen oft Cortison-Infusionen. Besteht der Defekt schon einige Wochen, wirkt Cortison nicht mehr.

Lärm ist aber nicht die einzige Ursache für einen Tinnitus: Ein Hörsturz ist eine mögliche Ursache für ein Ohrgeräusch. Aber es gibt auch viele andere Ursachen. Es können auch internistische Erkrankungen sein wie z.B. Hochdruck, Schilddrüsenerkrankungen. Es können auch neurologische Erkrankungen dahinter sein. Sehr häufig ist es Schwerhörigkeit.

Neben diesen Hauptursachen gibt es noch ein Element, das wesentlich beeinflusst, ob ein Tinnitus entsteht – und ob er chronisch wird: Das ist negativer Stress, also Stress z. B. durch häufigen Zeitdruck und anhaltende Überforderung. Stress hat eine verhängnisvolle Doppelwirkung: Er ist mit verantwortlich dafür, dass überhaupt ein Tinnitus entsteht.

Inneres Warnsystem

Positiv betrachtet hat der Tinnitus in diesem Fall sogar eine sinnvolle Funktion: Er warnt vor Überforderung.

Ein Mann unterzieht sich bei einem Ohrenarzt einem Hörtest und hat dabei Kopfhörer auf. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Es gibt noch einen anderen, neuen Therapieansatz, bei dem Musik die entscheidende Rolle spielt Thinkstock -

Patienten lernen in der Therapie, Stress und die hinter dem Tinnitus liegenden Probleme besser zu verarbeiten – oder zu vermeiden. Sie werden angeleitet, darauf zu achten, in welchen Situationen das Ohrgeräusch sie besonders stört. Macht es sich vielleicht extrem nervig bemerkbar, wenn sie unter Druck stehen, in Konfliktsituationen oder wenn sie sich Problemen nicht gewachsen fühlen?

Diese Art der Tinnitus-Therapie dauert mindestens ein Jahr. Sie hilft etwa 80 Prozent der Patienten. Das hat eine Studie der Cochrane Collaboration ergeben. Dieses internationale Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten sammelt sämtliche verfügbaren wissenschaftlichen Daten zu bestimmten Themen und fasst sie in Übersichtsarbeiten zusammen.

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