Soldaten und Pferde (Foto: SWR, dpa picture alliance -)

Enzyklopädie "Anthropomorpha" Tiere als Kriegsmittel

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SWR2 Impuls. Von Sven Ahnert

Der Mensch setzt Tiere schon lange im Krieg ein. Darum geht es in einem neuen Buch: Klauende Raben, mörderische Fische oder explosive Fledermäuse.

Tiere sind die Wegbegleiter des Menschen. Sie sind dabei vieles zugleich: Treue Beschützer, eine nie versiegende Nahrungsquelle und unentbehrliches Transportmittel. Auch im Krieg spielen Tiere seit jeher eine wichtige Rolle. Man kann auf Pferden in die Schlacht reiten, große Distanzen mit Lasten zurücklegen, Tauben als Briefboten über die feindlichen Linien schicken. Hunde bewachen die Kriegsgefangenen.

Seit dem Ersten Weltkrieg hat sich das Einsatzspektrum von Tieren nun erheblich erweitert. Sogar wegweisende Glühwürmchen gehörten im Zweiten Weltkrieg zum Arsenal taktischer Kriegsführung.

32 verschiedene Tierarten wurde als "tierische Soldaten" eingesetzt

Ein seltsames Foto einer Taube mit umgeschnallter Kamera brachte die Kommunikationswissenschaftlerin Malin Gewinner auf den Gedanken, ob es nicht noch mehr Tierarten gibt, die der Mensch rücksichtslos im Krieg eingesetzt hat. Sie ist auf 32 verschiedene Tierarten gestoßen und hat daraus eine Enzyklopädie „tierischer Soldaten“ gemacht. Die erste ihrer Art. Überraschend war für sie der teils skurrile und verstörende Ideenreichtum mit dem Militärs und ihre Forscher Tiere für den Krieg verändert, teilweise „umgebaut“ und eingesetzt haben.

Brieftaube mit Kamera - Spionage-Museum in Washington (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Cortesía del Museo Internacional del Espionaje/dpa)
Brieftaube mit Kamera - Spionage-Museum in Washington picture-alliance / dpa - Foto: Cortesía del Museo Internacional del Espionaje/dpa

Das Tier wird menschenähnlicher gemacht und somit zu einem unheimlichen „Soldaten“. Die wenigsten dieser Ideen für den Einsatz von Kriegstieren gelangten an die Öffentlichkeit. Die Geschichte der Kriegsführung steht in vielerlei Hinsicht in direktem Zusammenhang mit dem Einsatz von Tieren. Verstörend sind zum Beispiel Fotos, die mit Gasmasken ausgestattete Spürhunde im Ersten Weltkrieg zeigen.

Als Spionage-, Spür- und Waffentiere eingesetzt

Als während des Ersten Weltkrieges erstmalig chemische Waffen in großem Maße eingesetzt wurden, kamen neben Vögeln, Mäusen und Hauskatzen auch Schnecken als Frühwarnsystem zum Einsatz, insbesondere um auf das beim Menschen erst mit großer Verzögerung wirkende Senfgas aufmerksam zu machen. Auch als Waffenträger wurden Tiere in Erwägung gezogen.

Während des Zweiten Weltkrieges forschte der Verhaltenspsychologe und Behaviorist  B.F. Skinner an Tauben, die als Präzisionswaffe eingesetzt werden sollten: Im weitesten Sinne waren das Vorläufer heutiger Drohnen, gefiederte Fernsteuerungen für Flugbomben. „Er fand heraus, dass Tauben ausreichend dressurfähig sind, Verhaltensweisen durch Belohnung erlernen können und das erlernte Verhalten auch bei veränderten Bedingungen nicht verändern. Wie kleine Piloten wurden die Tauben als lebendiges Lenksystem in die Waffe hineingesetzt, um diese durch Pickbewegungen in Richtung des anvisierten Zieles zu navigieren“, erklärt die Autorin Malin Gewinner.

Hundesoldaten (Foto: SWR, SWR - Lena Leonhardt)
Diensthundeschule der Bundeswehr. Hier werden Hunde für einen bestimmten Zweck geboren: Nach einer intensiven Ausbildung sollen sie dazu fähig sein, Soldaten in Kriegs- und Krisengebiete zu begleiten. SWR - Lena Leonhardt

Es entbehrt nicht einem gewissen Sarkasmus, dass Tiere zwar nützlich und praktisch waren, billiges und willfähriges Kanonenfutter, aber auch als Maskottchen und scheinbar der guten Sache zugeneigte Kameraden angesehen wurden. Nach den Kriegen wurden zahlreiche gefiederte und vierbeinige Veteranen mit Orden dekoriert. Doch von Kameradschaft kann eigentlich keine Rede sein, denn die Tiere wurden mitleidlos militärischen Zwecken unterworfen. Das verwundert kaum, denn Tiere sind stumme Geschöpfe, deren Instinkte und ungebremster Spieltrieb für heikle Militärmissionen wie geschaffen zu sein scheinen.

Doch auch nach den beiden Weltkriegen erschöpft sich die Forschung nicht. Sie wird weiter betrieben und gebiert neue Tiersoldaten und Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Bionik. Was bleibt, ist das verstörende und eigentlich gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier.

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