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Die Starkstromtrasse durch den Thüringer Wald gilt als eines der wichtigsten Projekte beim Netzausbau in Deutschland.

Umstrittene Thüringer Stromtrasse kurz vor der Fertigstellung Freileitung statt Erdkabel

Strom aus norddeutschen Windparks soll nach Abschaltung der letzten Atomkraftwerke die Versorgung der süddeutschen Industrie sicherstellen. Dafür werden große neue Stromtrassen benötigt. Die erste geht Anfang 2016 in Betrieb. Als klassische Freileitung quert sie den Naturpark Thüringer Wald. Künftig sollen die Stromtrassen auf Druck der bayerischen Regierung vorrangig in der Erde verlegt werden. Ist das ökologisch und wirtschaftlich überhaupt sinnvoll?

Eine Großbaustelle mitten im Thüringer Wald. Schweres Gerät wurde auf einer eigens errichteten Straße herangeschafft, zwei Monteurstrupps aus Lettland und der Slowakei hängen in schwindelerregender Höhe an Gurten und verschrauben Metallstangen zu einem 80 Meter hohen Gittermast.

Technik für "große Jungs"

Er wird die Kabel einer Hochspannungsleitung tragen, die ab Anfang 2016 Strom aus Windparks in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in die bayrischen Industriezentren schaffen soll.

Monteure arbeiten  in Thüringen an einem Strommast

Freileitungen sind immer ein Eingriff in die Natur - Erdkabel allerdings auch

Es ist die erste von insgesamt fünf neuen Nord-Süd-Verbindungen, die als Teil der Energiewende im deutschen Stromnetz geplant sind. Thomas Dockhorn leitet das Bauprojekt für den Netzbetreiber 50Hertz:
Die Maste kommen in Einzelteilen auf Paletten hier an der Baustelle an mit LKWs, werden dann hier entladen, zwischengelagert und dann vor Ort hier aufgebaut. Der schwerste Mast, den wir hier verbaut haben, ist ca. 250 Tonnen schwer. Die leichtesten gehen so bei 60, 80 Tonnen los. Jeder ist anders – im Baukastensystem, wo man variieren kann je nachdem. Technik für große Jungs ...


Schneise durch den Wald

Bürgerinitiativen können die Technikbegeisterung des Ingenieurs nicht teilen. Sie sprechen von Monstertrassen und kämpfen seit Jahren dagegen an. Neben den weit sichtbaren Masten und einer möglichen Gefahr durch Elektrosmog stören sie sich vor allem an der bis zu Hundert Meter breiten Schneise, die unter einer Freileitung durch den Wald geschlagen wird.

Zum Schutz der Stromtrasse wird eine Schneise in den Wald geschlagen

Zum Schutz der Stromtrasse wird eine Schneise in den Wald geschlagen

Auch hier sterben Bäume für die neue Hochspannungsleitung. Ein sogenannter Hang-Harvester fällt und zerteilt sie in einem Arbeitsgang. Schon liegt ein großer Holzstapel zum Abtransport direkt neben der Mastbaustelle bereit. Doch so rücksichtslos wie früher wird die Trasse der neuen Hochspannungsleitung nicht mehr durch die Landschaft geholzt.

Mehr Schonung für den Wald

Nur diejenigen Bäume werden gefällt, deren Wipfel im Sturm eines der Hochspannungskabel berühren und damit einen Kurzschluss auslösen könnten, niedriges Gehölz bleibt stehen. Der Agraringenieur Rocco Hauschild ist bei 50Hertz für das sogenannte ökologische Schneisenmanagement zuständig. Den Erfolg seiner Arbeit demonstriert er an einem bereits fertiggestellten Abschnitt der neuen Hochspannungstrasse. Sie verläuft parallel zur neuen ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt und der A71.

 Baumaßnahmen für Starkstromtrasse durch Thüringen

Baumaßnahmen für Starkstromtrasse durch Thüringen

Früher wären die Gehölze, so Rocco Hauschild, in der Schneise komplett entfernt worden. Allerdings wären dann auch eher seltene Baumarten, wie zum Beispiel die Eisbeere , mit entfernt worden. Heute bemühe man sich dagegen um eine gewisse Strukturvielfalt innerhalb der Schneise, auch wenn auf Teilflächen immer mal wieder auch Gehölze entfernt werden müssen.

Eingriff in die Natur

Statt einer schnurgeraden Stromautobahn ist ein geschwungener Waldrand mit größeren Lichtungen entstanden. Die Zufahrtswege zu den Mastbaustellen wurden entfernt, die Grünflächen unter der Hochspannungsleitung können wieder landwirtschaftlich genutzt werden.

Gegen die 380kV-Hochspannungstrasse durch Thüringen gab es viele Proteste und Klagen

Gegen die 380kV-Hochspannungstrasse durch Thüringen gab es viele Proteste und Klagen

Und der Aufwand für gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsmaßnahmen ist gesunken. Warum das nicht schon längst so gehandhabt wurde? Rocco Hauschild: Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit und es war einfach früher die übliche Vorgehensweise. Wobei wir das jetzt nicht schönreden wollen, dass es sich um einen Eingriff handelt. Der ist natürlich da.


Erdkabel - teuer und nicht umweltfreundlich

Ein Erdkabel, davon sind die Trassenplaner überzeugt, wäre keine gute Alternative gewesen. Es hätte fünf bis zehnmal höhere Kosten verursacht und auch unter dem Gesichtspunkt des Naturschutzes eher Nachteile gehabt.

Erdkabel sind nicht unbedingt umweltfreundlicher als Hochspannungsmasten

Erdkabel sind nicht unbedingt umweltfreundlicher als Hochspannungsmasten

Denn für die Verlegung eines Erdkabels muss der Wald auf 20 Metern Breite komplett gerodet werden, um dann einen über zwei Meter tiefen Graben für die Verlegung des Kabels auszuheben. Bäume dürfen darüber nicht mehr wachsen. Rocco Hauschild: Die Schneise wäre eventuell etwas schmaler, aber der Bewuchs wäre dann relativ eintönig, weil man muss ja dann regelmäßig die aufkommenden Gehölze wegen des Wurzelwachstums dort dann auch entfernen. Auch die Planfeststellungsbehörde ist also im Verfahren zu dem Schluss gekommen, dass die Freileitung zumindest an dem Standort, um den es konkret ging, doch letztendlich die umweltschonendere Variante ist.

Bayern will Erdkabel statt Hochspannungsmasten

Trotzdem sollen Erdkabel beim Bau weiterer Stromtrassen künftig den Vorrang vor Freileitungen bekommen. So haben es die Spitzen der Regierungsparteien im Juli auf Druck des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer beschlossen.

Proteste aus Bayern gegen die "Monstertrasse"

Proteste aus Bayern gegen die "Monstertrasse"

Die Netzbetreiber müssen ihre Trassenplanung nun komplett von vorne beginnen. Dirk Manthey, bei 50Hertz für die Projektkommunikation zuständig, ist frustriert:

Wir haben das natürlich als schweren Tiefschlag empfunden, dass ein mit Bundesgesetz verabschiedetes Vorhaben so ausgehebelt wird. Ich fürchte, es wird die Legitimationsprobleme der Politik nicht beheben wenn man so agiert, sondern sie einfach in die Zukunft verlagern. Vielleicht ist das ein Ziel, das verfolgt wird, aber langfristige Infrastrukturplanung wird natürlich schwieriger unter solchen Bedingungen.

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