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Theodor Heus Wegbereiter einer offenen Gesellschaft

Zum 50. Todestag des Politikers

Im Jahr 1949 wählt die Bundesversammlung den liberalen Politiker, Journalisten und Professor Theodor Heuss zum ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Das Präsidentenamt sieht freilich keine nennenswerte politische Macht vor: Nach den Erfahrungen der Weimarer Republik, in der die sogenannte Präsidialdemokratie die Nazidiktatur ermöglichte, soll ein Bundespräsident nur repräsentieren. Doch Theodor Heuss ist kein Mann, der sich zurückhält.

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Theodor Heuss

Theodor Heuss wird am 31. Januar 1884 in Brackenheim bei Heilbronn geboren, als jüngster von drei Söhnen des Regierungsbaumeisters Louis Heuss. Sein Vater ist neben seiner Beamtentätigkeit ein liberaler Kommunalpolitiker, der in dem konservativen Kleinstädtchen immer wieder aneckt und politische Meinungsverschiedenheiten auch schon mal gerne mit den Fäusten austrägt.

Liverpool in Schwaben

Das führt 1890 zu seiner Versetzung nach Heilbronn, das damals das "schwäbische Liverpool" genannt wird: weltoffen, liberal und vor allem tolerant. Theodor Heuss wird in einem freigeistigen Sinn erzogen, der Vater macht ihn früh mit den politischen Dichtern des Vormärz bekannt – Ferdinand Freiligrath, Georg Herwegh und Karl Georg Büchner.

Heuss‘ Mutter, eine überaus musikalische Person, die mehrere Instrumente spielt, bringt ihm die Musik von Haydn, Mozart und Beethoven nahe. Die wohlhabende Familie gehört bald zu den Honoratioren Heilbronns und der junge Theodor ist einer der Besten seiner Schule. Doch der junge Mann kann sich nicht entscheiden, was er studieren will. Er weiß nur eins, er will raus aus Heilbronn. Obwohl er zeitlebens ein waschechter Schwabe bleiben wird, wie Thomas Hertfelder, Geschäftsführer der Stiftung "Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus" in Stuttgart erzählt. Authentizität ist möglicherweise das richtige Wort, das bei Heuss zutrifft.

Studienfachwechsel durch Brentano


Der angehende Student geht nach München und will dort vergleichende Sprachwissenschaften studieren. Doch es kommt anders, als der junge Heuss denkt. Denn Brentanos Vorlesungen begeistern ihn derart, dass er dann in rer. pol. seinen Doktor gemacht hat. Er hat so nach wenigen Semestern eine Doktorarbeit geschrieben über den Weinbau in Heilbronn.

Theodor Heuss leitet das politische Ressort der Zeitschrift "Die Hilfe", und wird Mitglied der linksliberalen "Fortschriftlichen Volkspartei". Er ist ein Bürgerlicher, der für soziale Reformen steht und so die Arbeiterschaft dem Einfluss der marxistischen Bewegungen zu entreißen hofft. Immer wieder vertritt er in engagierten Artikeln und längeren Essays einen Wirtschaftsliberalismus, der sozial Benachteiligten ein großes Stück von Kuchen abgeben will.

Politischer Journalismus und moderne Ehe

Ab 1912 ist er Chefredakteur der Heilbronner "Neckarzeitung". Gleichzeitig strebt er ein politisches Amt an. Dabei wird er nicht nur von Friedrich Naumann unterstützt, sondern vor allem von Elly Knapp, der Tochter eines bekannten Straßburger Nationalökonomen, in die er sich verliebt hat. 1908 heiraten die beiden. Die Ehe von Heuss ist eine avantgardistische Ehe gewesen – aber im streng bürgerlichen Rahmen, was man sich schwer vorstellen kann. Die Frau hat zeitlebens immer gearbeitet und beide hatten miteinander eine intellektuelle Partnerschaft unter Gleichberechtigten.

Theodor Heuss mit Ehefrau Elly Heuss-Knapp und Enkelin (Archivaufnahme von 1951)

Theodor Heuss mit Ehefrau Elly Heuss-Knapp und Enkelin

Das Paar wird von Albert Schweitzer getraut, dem Mediziner, der später als Arzt von Lambarene berühmt werden sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs gehört Theodor Heuss zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei, dem linken Flügel der Liberalen. Er kehrt mit seiner Frau nach Berlin zurück und wird in Schöneberg 1919 zum Bezirksverordneten gewählt, arbeitet jedoch weiterhin als Journalist bei der "Vossischen Zeitung" und der "Frankfurter Zeitung". In dieser Kombination aus parlamentarischer und journalistischer Tätigkeit bildet sich Theodor Heuss‘ politisches Credo: ein starker Rechtsstaat, Gleichheit vor dem Gesetz und vor allem:
Demokratie, die nur durch die Herausbildung demokratischer Tugenden wie Toleranz
funktionieren kann.

Analyse von Hitlers Politik

Früh nimmt Theodor Heuss in seinen Zeitungsartikeln und seinen Reden im Reichstag die Nationalsozialisten ins Visier. 1932 schreibt er das Buch "Hitlers Weg", eine brillante Analyse der antidemokratischen Taktik der Nazis, die ihnen ein Dorn im Auge ist. Nach zweijähriger Pause wird er 1930 wieder Abgeordneter des Reichstages, diesmal für die Deutsche Staatspartei, die Nachfolgeorganisation der Deutschen Demokratischen Volkspartei. Heuss und viele seiner Zeitgenossen ahnen, dass die junge deutsche Demokratie in den letzten Zügen liegt.

Theodor Heuss

Theodor Heuss

Als Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt, sind es nur noch eine Handvoll Abgeordneter, die mit Heuss ins Parlament einziehen. Trotzdem geschieht nun das, was den späteren Bundespräsidenten den Rest seines Lebens belasten wird: nach dem Reichstagsbrand packen die Nationalsozialisten die Gelegenheit beim Schopf und wollen sich auf parlamentarischem Weg die absolute Macht sichern. Sie bringen einen Entwurf ein, der später unter dem Namen "Ermächtigungsgesetz" den Beginnder Nazi-Diktatur markieren wird. Die Abgeordneten sollen sich selbst entmachten.

Ein Ja für das Ende

Mit den vier anderen Deputierten seiner Partei stimmt Theodor Heuss für das Gesetz. Eine Enthaltung wäre in dieser Situation einem "Nein" gleichgekommen. Unmittelbar nach dem Ermächtigungsgesetz beginnt die nationalsozialistische Gleichschaltung in Politik und Kultur.

Theodor Heuss, nun weder Reichstagsabgeordneter noch Universitätsdozent, emigriert nicht wie viele seiner Kollegen und ehemaligen Parteikollegen. Er bleibt und versucht weiterhin, kritische Artikel in Zeitschriften unterzubringen – in der "Hilfe", aber auch in anderen Blättern. Doch die publizistischen Freiräume werden immer enger. Heuss wird vom
Propagandaministerium mehrmals verwarnt – unter Androhung von Haftstrafen. In dieser Zeit entwickelt er eine Haltung, die in seiner Amtszeit als Bundespräsidenten zu seinem Markenzeichen werden wird.

Vom Politiker zum Museumsstück

Mann sitzt vor Bücherregal

Theodor Heuss der Literat

In den Jahren der Diktatur wird Theodor Heuss vorsichtiger und in der Frankfurter Zeitung schreibt er nun hauptsächlich über historische und kulturelle Themen. Trotz seiner Zurückhaltung und inneren Emigration gerät er immer mehr in die Schusslinie der Nationalsozialisten. 1942 verbietet Adolf Hitler persönlich allen deutschen Zeitungen, Artikel von Theodor Heuss zu veröffentlichen. Heuss schreibt unter dem Pseudonym Brackheim weiter.

Die Kriegsjahre verbringt das Ehepaar mit seinem Sohn Ernst-Ludwig in Berlin. Theodor Heuss sind alle Arbeitsmöglichkeiten verwehrt. Seine Frau verdient nun den Lebensunterhalt der Familie. Als Bombenangriffe das Leben in Berlin immer schwieriger machen, und Elly am Herzen erkrankt, zieht die Familie im Januar 1943 zu Freunden in Heidelberg-Handschuhsheim. In den letzten Monaten des Krieges – Theodor Heuss ist jetzt 61 Jahre alt – wird er depressiv, fragt sich, ob es für ihn jemals noch eine angemessene Aufgabe geben wird und bezeichnet sich selbst als Museumsstück.

Demokratie neu buchstabieren

Bundespräsident Heuss bei seiner Vereidigung

Bundespräsident Heuss bei seiner Vereidigung

Nach dem Krieg beginnt die zweite Karriere des liberalen Journalisten und Parlamentariers. Die Deutschen, sagt Theodor Heuss damals, müssten beim Buchstabieren des Wortes Demokratie ganz von vorne anfangen. Mittlerweile ist er Kultusminister von Württemberg-Baden. Als Vorsitzender der wiederbelebten Deutschen Volkspartei, Vorläufer der "Freien Demokratischen Partei" FDP, ist er Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung.

Das Grundgesetz trägt schließlich an mehreren Stellen deutlich die Handschrift Theodor Heuss‘: er setzt eine Präambel durch, in der es heißt, dass auch die einst zur Teilnahme eingeladen sein werden, denen sie im Jahr 1949 noch verwehrt ist. Gemeint sind damit die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Und auf Heuss geht auch der Begriff "Bundesrepublik Deutschland" zurück.

Ein anständiger Präsident

Theodor Heuss-Statue von Karl-Henning Seemann

Theodor Heuss-Statue

Bundeskanzler wird der ehemalige Kölner Oberbürgermeister und CDU-Politiker Konrad Adenauer. Die FDP, deren Vorsitzender Theodor Heuss mittlerweile ist, ist Mitglied dieser ersten Regierung. Das Grundgesetz der Bundesrepublik sieht jedoch auch die Wahl eines Präsidenten durch die Bundesversammlung vor. Zwar sieht das Grundgesetz außerdem keine direkte politische Einflussnahme des Bundespräsidenten vor, doch der neu gewählte Theodor Heuss redet seinen Landsleuten weiterhin ins Gewissen. Es sind vor allem seine natürliche Art, sein Humor und seine Volksnähe, die ihn bei den Deutschen beliebt machen.

Theodor Heuss Haus, Stuttgart

Theodor Heuss Haus, Stuttgart

Theodor Heuss bezeichnet sich als "Staatsoberhaupt in Ausbildung" und betont immer wieder, dass dieses Amt ein Paragraphengespinst bleiben werde, wenn sein Inhaber es nicht mit Sinn fülle. Als seine zweite Amtszeit im Jahr 1959 endet, will man ihn zu einer dritten überreden und ist sogar bereit, dafür das Grundgesetz zu ändern.
Doch Theodor Heuss lehnt ab. Er zieht sich in sein Haus am Feuerbacher Weg 46 in Stuttgart zurück und schreibt seine Memoiren.

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