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Tanzen gegen das Zittern Tango hilft gegen Parkinson

Rund 300.000 bis 400.000 Menschen in Deutschland leiden unter Parkinson. Mit Medikamenten kann man viele der typischen Symptome, wie unkontrollierbares Zittern und Lähmungen, halbwegs in den Griff bekommen. Aber das alleine reicht vielen Patienten nicht. Deshalb sind Therapeuten auf der ganzen Welt dabei, nach Alternativen oder Ergänzungen zu suchen. In den USA z.B. erzielt man zur Zeit gute Erfolge mit Tanztherapie, vor allem mit Tango. Nun beginnt man, dazu auch in Deutschland zu forschen – und Pionier auf dem Gebiet ist die private Hochschule SRH in Heidelberg.

Tango gegen Parkinson

Beschwerden lindern mit Tango tanzen

Freitagnachmittag in einem Übungsraum der SRH Heidelberg. Fünf Patienten mit Parkinson bewegen sich zusammen mit Studentinnen des Lehrstuhls Tanz- und Musiktherapie zu Tango-Musik aus Argentinien. Vorsichtig versuchen sie sich im Wiegeschritt, probieren aus, trotz Zittern und steifer Glieder im Rhythmus zu bleiben. Für die Parkinson-Patienten ist das eine oft ungewohnte Erfahrung. Die meisten haben schon lange nicht mehr getanzt. Dafür klappt das aber in der Regel recht gut - und macht zudem Spaß.

Bewegung im Wiegeschritt

Darstellung von Nervenzellen und ihren Verbindungen

Bewegung stimuliert das Gehirn

Martina S. ist 52 Jahre alt und seit 3 Jahren wegen Parkinson in Behandlung. Die Krankheit ist bei ihr noch nicht weit fortgeschritten und mit Medikamenten bekommt sie die schlimmsten Symptome in den Griff. Aber unter Steifheit in den Gliedern und Gleichgewichtsstörungen leidet sie schon – und dagegen will sie was machen: Weil ich habe noch zwei schulpflichtige Kinder, die mich in Anspruch nehmen: mein Sohn wird 13, meine Tochter ist 17, und da ist einfach noch ein gewisses Tempo vonnöten im Tagesablauf. Und ich hoffe, dass ich das Tempo halten kann bzw. so beweglich sein kann, dass ich mitleben kann.

Solche Erwartungen hat Helga O. nicht mehr. Die 79-jährige Mannheimerin leidet seit 27 Jahren an Parkinson und ist mittlerweile stark eingeschränkt. Hände und Beine zittern, gehen kann sie nur langsam und mit Stock. Trotzdem will sie bei dem Workshop in Heidelberg alles geben: Lange Zeit bin ich gut damit zurechtkommen, aber jetzt, langzeitbedingt und altersbedingt wird’s zusehends schlechter – ich bin aber trotzdem am Kämpfen, dass ich mindestens erhalten kann, was ich habe.


Tango tanzen macht Spaß

Tango gegen Parkinson

Bewegung mit Spaßfaktor

Parkinson ist ein Wettkampf gegen die Zeit. Die Krankheit ist unheilbar und schreitet immer weiter fort. Mit Medikamenten kann man die schlimmsten Symptome in den Griff bekommen, aber genauso wichtig ist den Forschungen der letzten Jahre zufolge Bewegung. Mindestens anderthalb Stunden pro Tag sollten Parkinson-Patienten sich bewegen – allerdings tun das viele nicht. Aus Zeitmangel, weil es schmerzt und weil Fitness an Geräten vielen keinen Spaß macht. Genau da will Sabine Koch, Professorin für Tanztherapie an der SRH Heidelberg und Initiatorin des Tango-Workshops, ansetzen:
Es ist einfach so, dass man an Bewegung mehr Spaß hat, wenn Musik oder Tanz dabei ist, oder wenn ein Partner dabei ist, auf den man sich einstellen kann oder muss – da ist ja auch eine große soziale Komponente. Und genau das wollen wir ja auch untersuchen, wie die Befindlichkeit sich verbessern kann. Das messen wir heute auch: ob die Befindlichkeit sich verbessert, ob die Selbstwirksamkeit sich verbessert: das ist das Gefühl, dass ich etwas kann und auch weiß, dass ich es kann. Und dieses Können gibt einem das Gefühl: da habe ich Spaß dran. Und darum geht es.

Evidenzbasierte klinische Studien in den USA sagen: das funktioniert. Und auch im Tango-Workshop denken die Parkinson-Patienten im Verlauf des Nachmittags immer weniger daran, dass sie krank sind. Helga O. geht es nicht so gut. Die alte Dame aus Mannheim schwitzt – jeder Tanzschritt kostet sie Kraft. Trotzdem ist auch ihr erstes Fazit positiv: Es hat sich gebessert, von Anfang an. Da wollte ich schon aufgeben – aber dann habe ich doch noch den Rhythmus gekriegt.

Musik als Stimulus fürs Gehirn

Rhythmus und Koordination sind für Parkinson-Patienten schwierig, weil ihnen die Kontrolle über ihre Glieder entgleitet. Vor allem weitestgehend automatisierte Bewegungen wie Gehen oder Treppensteigen, sind schwierig, denn sie werden von den Basal-Ganglien gesteuert: einer Region im Hirn, die durch die Krankheit besonders betroffen ist. Das Ziel jeder Art von Bewegungstherapie ist daher, aus automatischen Bewegungen bewusste Bewegungen zu machen. Musik kann dabei helfen, sagt die ebenfalls an dem Projekt beteiligte Professorin für Physiotherapie, Gudrun Diermayr: Wenn man sich mit Musik bewegt, könnte es sein, dass wie die Musik so ein äußerer Stimulus ist, der die Bewegung initiiert oder hilft, dass man weitermacht, weil es eben nicht mehr unbewusst, sondern bewusst ist – und dann nicht mehr nur über die Basal-Ganglien läuft, sondern über höhere Strukturen und über andere neuronale Kreisläufe geht.

Wirksamkeit wird weiter erforscht

Tango gegen Parkinson

Tango gegen Parkinson

Gudrun Diermayr hat in New York zum Thema Tanztherapie geforscht. Mit ihren amerikanischen Kollegen hat sie festgestellt, dass Tango für Parkinson-Patienten am wirksamsten ist – wahrscheinlich, weil man dabei oft anhalten und wieder losgehen muss und weil man fast immer für einen Moment auf nur einem Bein stehen muss.
Für Parkinson-Patienten ist das eine echte Herausforderung. Trotzdem sind nach dem Workshop alle begeistert: Ich krieg‘ wieder Luft! Ich fühle mich freier, beweglicher, glücklicher. Als ich kam, war ich total im Keller und total kaputt. Aber jetzt nicht mehr (lacht) / Es ist eigentlich mehr passiert, als ich erhofft oder erwartet habe. Ich fühle mich gut, habe Lust mehr zu machen, weiterzumachen.. / Also ich finde, das ist ein ganz toller Workshop, es macht sehr viel Spaß, also ich möchte auf jeden Fall fortsetzen.

Wie nachhaltig der Effekt der Tango-Therapie ist, wollen die Therapeuten an der SRH Heidelberg noch herausfinden, einen entsprechenden Forschungsantrag bei der EU haben sie bereits gestellt. Sollte Brüssel sein OK geben, wollen sie aus dem Tango-Workshop für Parkinson-Patienten einen fortlaufenden Kurs machen.

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