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Wenn Musik zum Farbenspiel wird Synästhesie

Jeder kennt diese Situation: Man riecht einen bestimmten Geruch und sofort schießt  einem eine längst vergessen geglaubte Urlaubserinnerung durch den Kopf. Solche Verknüpfungen äußerer Sinnesreize mit inneren Vorstellungen bestimmen auch die Wahrnehmung von Synästhetikern. Bei Synästhetikern gehen diese Verknüpfungen aber nicht auf etwas tatsächlich Erlebtes zurück. Wenn sie Musik hören, liegt ihnen ein Geschmack auf der Zunge, Buchstaben können vor ihrem inneren Auge Farben aufleuchten lassen.

Wie sehen Synästhetiker?

Wie sehen Synästhetiker?

Bei einer graphemischen Synästhesie werden alle Buchstaben verschiedenen Farben zugeordnet, sobald sie gesprochen, gelesen oder auch nur gedacht werden. Es gibt eine "mitlaufende Wahrnehmung" die mit den bildlichen Vorstellungen vergleichbar ist, die sich auch Nicht-Synästhetiker von Dingen oder Situationen machen können. Synästhetiker sehen stets die gleichen Farben zu den jeweiligen Buchstaben. Das E lässt zum Beispiel ein Hellblau aufblitzen.


Verschiedene Arten von Synästhesie

Jimi Hendrix sah Farben zur Musik

Jimi Hendrix sah Farben zur Musik

Doch nicht nur Buchstaben werden von Synästhetikern mit Farben verknüpft. Der Gitarristen Jimi Hendrix, ebenfalls ein Synästhetiker, verband Töne mit Farben. Aber auch Geschmäcker, Gerüche, Temperaturempfindungen sowie Gefühle der Sympathie oder Abneigung werden von Synästhetikern mit bestimmten Umweltreizen verbunden.


Synästhesie noch wenig untersucht

Probleme haben die meisten Synästhetiker mit ihrer zusätzlichen Erlebnisdimension nicht oder allenfalls nur damit, dass sie sich von Nicht-Synästhetikern oft unverstanden fühlen.

Synästhesie-Test

Synästhesie-Test

Diese Unauffälligkeit der Synästhetiker trug dazu bei, dass Synästhesie wissenschaftlich vergleichsweise wenig untersucht wurde.

Einer der ersten Forscher, die sich hierzulande damit befassten, war der Philosoph Hinderk Emrich, ehemals Direktor des Zentrums für Psychologische Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Ab Mitte der neunziger Jahre hatte er untersuchte wie die Hör-, Fühl-, Geruchs- und Sehsinne miteinander verknüpft sind, damit Menschen ihre äußere und innere Welt in allen Facetten erleben können.



Synästheten haben besonders starke Nervenverbindungen

Synästheten haben besonders starke Nervenverbindungen.

Nervenverbindungen spielen eine Rolle

Von besonderem Interesse waren für ihn dabei Menschen, deren Wahrnehmungen vom Normalfall abwichen. So analysierte er zunächst die Stärke der Nervenverbindungen zwischen den verschiedenen Sinnesorganbereichen in den Gehirnen von Schizophrenen. Dort fand er vergleichsweise schwache Verbindungen. Bei Synästhetikern war es umgekehrt.


Zwei widersprüchliche Theorien

Im nächsten Schritt galt es zu klären, wie genau diese überstarken Verbindungen die synästhetischen Kopplungen ermöglichen. Hier liefern zwei widerstreitende Theorien ihre jeweiligen Erklärungen.

Jeder Buchstabe hat eine Farbe.

Warum hat jeder Buchstabe eine Farbe?

Die erste Theorie blickt auf die höheren kognitiven Gehirnzentren in denen die Signale unterschiedlicher Sinne zusammenlaufen. Wenn dort, wie z.B. im Fall einer Buchstaben-Farb-Synästhesie, ein Buchstabensignal erscheint, öffnet sich die höhere Gehirnregion ebenfalls für Signale aus dem Farbzentrum. Das Ergebnis: Schwarze Buchstaben erscheinen im Bewusstsein farbig.


Synästheten haben besonders starke Nervenverbindungen

Führen Verbindungen zu angrenzenden Hirnarealen zur Sinnesvermischung?

Ganz anders wird dies von der zweiten Theorie erklärt. Entscheidend sind demnach direkte Nervenverbindungen zwischen den tiefer liegenden Gehirnbereichen, die für die Buchstaben- und Farberkennung zuständig sind. Laut dieser Theorie ist jeder von Geburt an Synästhetiker und wir bilden im Verlaufe des Aufwachsens immer mehr Verbindungen, die dann absterben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Bei Synästhetikern aber bleiben diese Verbindungen zwischen bestimmten Arealen z.B. Buchstaben und dem Farbareal bestehen.

Weitere Forschungsergebnisse notwendig

Ein Indiz für die direkte Kopplung der Sinnesbereiche wäre, dass Synästhesie zwischen Gehirnarealen die näher beieinander liegen häufiger ist als bei solchen, die weiter auseinander liegen. Allerdings ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch rein spekulativ.

Jeder Ton eine Farbe

Jeder Ton eine Farbe

Mit modernen Messmethoden untersucht ein Forschungsprojekt der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf, wann bestimmte Umweltreize welche Gehirnregion aktivieren. Die große Frage lautet: Setzt sich das menschliche Bewusstsein aus den Signalen zusammen, die von unten nach oben geschickt werden, also von den Sinnesorganen zu den höher liegenden Zentren? Oder sind es umgekehrt die höheren Zentren, die die Signale der Sinnesorgane selbständig auswählen? Vergleichbar wäre dies mit einem Orchester-Dirigenten, der mal diese und mal jene Instrumente betont, um daraus eine stimmige Melodie zu formen.

Noch steht das Forschungsprojekt am Anfang, abschließende Ergebnisse soll es in drei Jahren geben.

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