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Cool sein, sich wie ein Mann fühlen: Fast jeder dritte männliche Jugendliche trägt ein Messer bei sich. Das ist gefährlich. Denn wer ein Messer dabei hat, wird es einsetzen.

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SWR2

Messerangriffe: hohe Dunkelziffer

2.800 Messerangriffe zählte die Berliner Polizei allein im Jahr 2018, fünf Jahre zuvor waren es gut 2.500 Fälle. Ein Anstieg um zehn Prozent. Und das sind nur die angezeigten Fälle. Die Polizei schätzt die Dunkelziffer viel höher. Präzise Erkenntnisse über die Tatumstände liegen kaum vor, nur so viel: 90 Prozent der Täter sind Männer, nicht selten junge Männer bis 30 Jahre. Unter ihnen Deutsche und Nicht-Deutsche. Täter und Opfer kennen sich manchmal. Frauen werden jedoch häufig von ihren Partnern oder Ex-Partnern attackiert.

Frauenmord: ein gesellschaftliches Problem

Für die Hamburger Journalistin Birgit Gärtner, die seit 40 Jahren über Gewalt gegen Frauen berichtet, sind das keine "Beziehungstaten" oder "Familiendramen". Solche Bezeichnungen in den Medien würden die Taten verharmlosen. Gärtner spricht stattdessen von Femizid oder Frauenmord und einem gesellschaftlichen Problem. Denn alle zwei bis drei Tage wird eine Frau von ihrem Ex-Partner getötet. Gärtner fordert, dass diese Fälle als Morde verurteilt werden und nicht als Totschlag mit geringeren Strafen.

Plakat in der Stuttgarter Innenstadt am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November 2019) (Foto: Imago, imago images/Arnulf Hettrich)
Plakat in der Stuttgarter Innenstadt am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November 2019) Imago imago images/Arnulf Hettrich

Änderungen in der Notfallversorgung

Bei einer Messerattacke liegen zwischen Leben und Tod nur wenige Zentimeter. Das Überleben hängt von der Wucht des Angreifers ab. Davon, wo am Körper das Opfer getroffen wird und wohin das Messer dringt. Das System der Notfallversorgung wurde zugunsten von Stichwunden bereits in den letzten Jahren verändert. Heute werden Verletzte am Tatort nur noch stabilisiert und dann schnellstmöglich in die Klinik gebracht. Denn oft können die inneren Blutungen nicht am Tatort erkannt werden. Die überlebenden Opfer müssen mit plötzlichen, traumatischen Eingriffen in ihren Körper zurechtkommen, mit Blutverlust und großen Schmerzen.

Neue Tätergruppe: männliche Jugendliche fallen seit einigen Jahren auf

Seit einigen Jahren hat die Polizei neben der hohen Zahl an Frauenmorden durch Partner oder Ex-Partner mit einer zusätzlichen Tätergruppe zu tun: männliche Jugendliche. Schon 14-, 15- und 16-jährige tragen gefährliche Kampfmesser bei sich und setzen diese auch ein, gegen Polizisten, gegen andere Jugendliche. Diese Messer sind problemlos für wenige Euro im Outdoorshop oder im Internet zu beziehen, denn viele davon fallen nicht unter das Waffengesetz.

Der Gewaltforscher Prof. Dirk Baier beobachtet seit Jahren eine Zunahme der Gewalt mit Messern bei Jugendlichen. Von einer regelrechten Epidemie will er nicht sprechen, doch trägt laut Befragunngen mittlerweile jeder dritte männliche Jugendliche ein Messer mit sich. Damit verdoppelt sich das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, so Baier. Er leitet das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention in Zürich. Zusammen mit einem Team des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat er Schüler befragt.

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Das Erste

Messer: Ausdruck von Männlichkeit

Dirk Baier stellt eine "unheilvolle Allianz" von Männlichkeitsbildern und dem Tragen von Messern fest. Zugenommen habe dieser Trend vor allem bei jugendlichen Migranten südeuropäischer und nordafrikanischer beziehungsweise arabischer Herkunft, aber auch bei deutschen Jugendlichen. Künftig sollen die Motive genauer erforscht werden. Warum halten junge Männer Messer für einen Ausdruck von Männlichkeit? Bekommen sie darüber Anerkennung in der Gruppe der Gleichaltrigen? Oder spielt die Angst eine Rolle, selbst Opfer von Gewalt zu werden?

Präventionsprogramm: Messer machen Mörder

In Berlin hat die Polizei auf diesen Trend unter Jugendlichen längst reagiert. Schon seit 2012 spricht sie mit dem Präventionsprogramm "Messer machen Mörder" gezielt Jugendliche in den Schulen an, um sie davon abzuhalten, sich zu bewaffnen. Der verantwortliche Polizeioberkommissar Gordon Roloff schildert vor Schülerinnen und Schülern dafür eine Situation, in die jeder Messerträger kommen kann: Messer am Mann. Es wird eingesetzt. Das Opfer stirbt.

Notaufnahme mit Sanitäter und Patient auf einer Liege (Foto: dpa Bildfunk, Andreas Arnold/dpa)
Verletzte mit Stichwundern werden am Tatort nur noch stabilisiert und dann schnellstmöglich in die Klinik gebracht, denn oft können die inneren Blutungen nicht am Tatort erkannt werden Andreas Arnold/dpa

Gordon Roloff legt Wert darauf festzustellen, dass er und seine Kollegen den Jugendlichen keine Angst machen wollen. Sie wollen sie stattdessen befähigen, selbst zu entscheiden und sich nicht abhängig von Gleichaltrigen zu machen. Am Ende wird Roloff ganz deutlich. Im Unterrichtsraum ist es still, während er erklärt, was die falsche Entscheidung war: Sich zu Hause dafür zu entscheiden, das Messer mitzunehmen und sich damit zu bewaffnen.

Mehr Präventionsprogramme als Sofortprogramm gefordert

Seit Jahren gibt es Forderungen, Messerangriffe zentral zu erfassen, damit abgesicherte Aussagen über Ausmaß und Folgen dieser Gewalttaten gemacht werden können. Ende Dezember 2019 erklärte der Staatsekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer, auf Anfrage der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, dass "Statistische Auswertungen für das Tatmittel Messer voraussichtlich frühestens 2023 für das Berichtsjahr 2022 erfolgen könnten". Eine Novelle zur Änderung des Waffengesetzes gibt den Ländern zudem von nun an erweiterte Möglichkeiten, um Messerverbotszonen einzusetzen.

An der Ursache vieler Messerangriffe, der Bewaffnung junger Männer mit Messern, ändert das nichts. Der Gewaltforscher und Experte für Messerbewaffnung Dirk Baier fordert mehr Prävention als Sofortprogramm, damit junge Menschen lernen, dass sie kein Messer brauchen, um Stärke zeigen zu können. Solche Präventionsansätze sollen Leben retten, die Gesundheit von jungen Menschen erhalten. Und sie sollen verhindern, dass junge Männer früh zu Tätern werden. Allein für 2018 zählte das Baden-Württembergische Innenministerium 1.358 Verletzte und Getötete mit dem "Tatmittel Messer". Und das betrifft nur die bekanntgewordenen Fälle.

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