STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

„Leben heißt sich entwickeln“ schreibt Alfred Adler in seinem 1933 erschienenen Bestseller „Der Sinn des Lebens“. Er etablierte seine Individualpsychologie als optimistische Alternative zur Psychoanalyse von Sigmund Freud.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Für ihn ist jeder Mensch einmalig und in der Lage sich zu einer sozialeren, kreativeren und friedlicheren Persönlichkeit zu entwickeln. „Das ist die schöpferische Kraft, die in jedem Lebewesen verankert ist“.

Alfred Adler sieht die Menschheit positiv

Das Denken Alfred Adlers folgt einem positiven Menschenbild. Der Mensch sei nicht „des Menschen Wolf“, wie Thomas Hobbes resümierte, sondern potenziell sozial auf „gegenseitige Hilfe“ angelegt.

Als Anhänger Darwins interpretierte Adler die Evolution des Menschen nicht als brutalen Kampf ums Dasein. Während einige Darwinisten den Raubtierkapitalismus ihrer Zeit gemäß dem Prinzip „jeder gegen jeden“ als „naturgemäß“ rechtfertigten, schloss sich Adler dem optimistischen Verständnis des Sozialphilosophen Peter Kropotkins an. Demnach geht der Mensch als ein soziales, mitfühlendes Wesen aus der Evolution hervor und kann in einer freien sozialen Gesellschaft glücklich werden. Der Mensch sei letztlich „edel, hilfreich und gut“. Wer unsozial, kalt und rücksichtslos ist, gehe dagegen im Prozess der Evolution unter.

Kinderkrankheiten führen Adler zur Theorie des Minderwertigkeitskomplexes

Alfred Adler wurde am 7. Februar 1870 in der Nähe von Wien als zweites von sieben Kindern einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie geboren. Als Kind war er oft krank. Er litt an Rachitis und einem Stimmritzenkrampf, der ihn beim Weinen ohnmächtig werden ließ. Diese Krankheitserfahrungen prägten sein 1907 erschienenes Buch „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“. Darin entwickelte er die Theorie, dass besonders bei Menschen mit körperlichen Mängeln ein Minderwertigkeitsgefühl entsteht. Diese Minderwertigkeit wird durch besondere Anstrengungen und Leistungen kompensiert oder überkompensiert.

Diagnose Minderwertigkeitskomplex: Wilhelm II. mit seinem verkrüppelten Arm (rechts neben dem ukrainischen Politiker Pawlo Skoropadskyj) entwickelte sich zum besonders brutalen Befürworter deutscher Kolonial- und Großmachtpolitik. (Foto: Imago, imago/United Archives International)
Diagnose Minderwertigkeitskomplex: Wilhelm II. mit seinem verkrüppelten Arm (rechts neben dem ukrainischen Politiker Pawlo Skoropadskyj) entwickelte sich zum besonders brutalen Befürworter deutscher Kolonial- und Großmachtpolitik. Imago imago/United Archives International

Das mit der „Organminderwertigkeit“ entstehende Gefühl des „Weniger-Wert-Seins“ wird zum Ausgangspunkt einer neuen psychologischen Ausrichtung. Minderwertigkeitskomplexe können Menschen erstarren lassen in einem geringen Selbstwertgefühl mit Ressentiments gegenüber „denen da oben“ und der Bereitschaft, sich unkritisch zu identifizieren mit so etwas wie Volk, Vaterland und Führer. Oder sie führen umkehrt zu Überkompensation, zu einem Dominanzverhalten, rücksichtslos „nach oben“ zu wollen, arrogant Macht auszuüben, dabei andere zu erniedrigen und keinerlei Kritik zuzulassen.

Zerwürfnis mit Sigmund Freud lässt Adler eigene Wege gehen

Von 1902 bis 1911 war Alfred Adler regelmäßiger Teilnehmer der Mittwochabendgesellschaft Sigmund Freuds. Bei der Vorstellung seines Buchs geriet er jedoch in einen schwerwiegenden Konflikt mit seinem österreichischen Landsmann. Freud sah den Menschen von seiner Libido, verkürzt von seinem Sexualtrieb, gesteuert. Er spekulierte darüber, dass in der Menschheit ebenfalls ein Destruktions- und Todestrieb wirkt. Freud akzeptierte Adlers Ansatz nicht, der das menschliche Handeln durch Macht- und Geltungsstreben erklärt und eine Tendenz zu vernünftigem Verhalten sieht, die Adler später durch das Gemeinschaftsgefühl begründet.

„Er ist ein ekelhafter Mensch“ schrieb Sigmund Freud über seinen Kollegen Alfred Adler, der für eine freiere Psychoanalyse warb. (Foto: Imago, imago/ZUMA/Keystone)
„Er ist ein ekelhafter Mensch“ schrieb Sigmund Freud über seinen Kollegen Alfred Adler, der für eine freiere Psychoanalyse warb. Imago imago/ZUMA/Keystone

Adler gründet daraufhin einen eigenen Verein für „freie Psychoanalyse“, später Verein für Individualpsychologie. Ab 1912 veranstaltete er regelmäßige Treffen, die Donnerstagabends öffentlich im Caféhaus stattfanden und sowohl Männer als auch Frauen offenstanden.

Für den Ersten Weltkrieg meldete sich Adler freiwillig und beteiligte sich im Zuge dessen an der „Kriegspsychiatrie“, indem er Kriegsneurosen von traumatisierten Soldaten als deren persönliches Versagen einstufte. Erst gegen Ende des Krieges entwickelte er eine kritische Haltung gegenüber Waffengewalt und der Rolle von Medizinern.

Nach dem Ersten Weltkrieg feiert Adler große Erfolge in den USA

Ab 1920 nahm Adler Lehrtätigkeiten an pädagogischen Einrichtungen im Sinne einer kindgerechten und nichtautoritären Reformpädagogik auf und engagierte sich im Rahmen der Weltkonferenz für Erziehung.

Adler demonstrierte seine Individualpsychologie an Universitäten und auf Tagungen. E hielt mehrere Vorträge und Seminare pro Tag, bezog großzügige Honorare und residierte in Luxushotels.Adler demonstrierte seine Individualpsychologie an Universitäten und auf Tagungen. E hielt mehrere Vorträge und Seminare pro Tag, bezog großzügige Honorare und residierte in Luxushotels.Adler demonstrierte seine Individualpsychologie an Universitäten und auf Tagungen. E hielt mehrere Vorträge und Seminare pro Tag, bezog großzügige Honorare und residierte in Luxushotels. (Foto: Imago, imago images/KHARBINE-TAPABOR)
Adler demonstrierte seine Individualpsychologie an Universitäten und auf Tagungen. E hielt mehrere Vorträge und Seminare pro Tag, bezog großzügige Honorare und residierte in Luxushotels. Imago imago images/KHARBINE-TAPABOR

Ab 1926 reiste er immer wieder in die USA. Seine ins Englische übersetzten Bücher hatten dort großen Erfolg. Sie erreichten ein Mehrfaches der Auflagenzahlen der Werke Sigmund Freuds. 1932 nahm Adler eine Gastprofessur an der Columbia Universität in New York an und siedelte ein Jahr später vollständig in die USA über.

1937 starb Adler auf einer Vortragsreise in Aberdeen, Schottland an einem Herzinfarkt (Grab von Alfred Adler auf dem Wiener Zentralfriedhof) (Foto: Imago, imago/viennaslide)
1937 starb Adler auf einer Vortragsreise in Aberdeen, Schottland an einem Herzinfarkt (Grab von Alfred Adler auf dem Wiener Zentralfriedhof) Imago imago/viennaslide
STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG