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SWR2 Impuls Sachbuchtipps: September Zukunftsforschung, Pioniere, Artensterben

Rainer Hannes, Ulrike Till, Ralf Caspary

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen:

Richard Watson

50 Schlüsselideen der Zukunft

Tipp von Rainer Hannes

Wells: Ich möchte Ihnen etwas zeigen, Steve. Das hier ist Ihr Arm.
Austin: Das ist er also?
Wells: Wir sind ziemlich stolz darauf. Es gibt ein Handbuch dazu mit 840 Seiten. Ich gebe Ihnen eine Kopie davon mit.

Ein Minidialog aus einer Science-Fiction-TV-Serie aus dem Jahr 1974. Heute haben wir bereits die Technologie. Künstliche Gliedmaßen funktionieren perfekt. Forscher arbeiten mit Erfolg daran, dass Patienten sie per Gedanken steuern können. Arbeit am Mensch Version 2.0. Dies ist ein Beispiel aus dem Buch "50 Schlüsselideen der Zukunft" von Richard Watson.

Richard Watson, Jahrgang 1961, ist Engländer und hat sich einen Namen als Zukunftsforscher und Querdenker gemacht. Vier Bücher über das, was uns in der Zukunft erwartet, hat er bereits veröffentlicht. Die 50 Schlüsselideen sind kleine Entdeckungsreisen zu technischen und vor allem sozialen Veränderungen. Zum Beispiel in den Städten. Die Städte werden intelligent: 2030, so Watson, können sämtliche Haushaltsgeräte per Handy fernbedient werden, 2040 werden 80 Prozent aller Gebäude auf der Welt virtuell begehbar sein, 2060 wird die Müllabfuhr durch Druck getriebene Abfallpumpsysteme ersetzt.

Jedes der 50 Themen, die Watson auf je vier übersichtlichen Seiten abhandelt, ist mit Zitaten ergänzt und von einer Zeitleiste begleitet. Watson sucht immer wieder Bezüge zu unserem Alltag: Wie entwickelt sich unser IQ? Werden wir alle Singles werden?

Die Zukunft sickert in unseren Alltag ein, sagt Watson, und zwar gewöhnlich ohne Ankündigung. Wer sich etwas darauf vorbereitet will, dem sei dieses Buch empfohlen. Oder denjenigen, die es einfach 20 Jahre lang im Regal stehen lassen wollen – um dann zu gucken, was aus den Prognosen geworden ist.

50 Schlüsselideen der Zukunft. Springer Spektrum 2014. 208 Seiten. 16,99 Euro.


Armin Strohmeyr

Verkannte Pioniere

Abenteurer - Erfinder - Visionäre

Tipp von Ulrike Till

"Verkannte Pioniere – Abenteurer, Erfinder, Visionäre" von Armin Strohmeyr ist die perfekte Urlaubslektüre für alle, die Spaß haben an Wissenschaftsgeschichte in Biografie-Form. Manche Passagen lesen sich fast wie ein Krimi – etwa der Wettlauf um die Entschlüsselung der DNA-Struktur: Kaum jemand weiß heute, dass eigentlich Rosalind Franklin die Grundlagen dafür gelegt hat; die männliche Konkurrenz hat sich dreist bei ihr bedient.

Armin Strohmeyr schreibt anschaulich, manchmal mit trockenem Humor – in 22 Kapiteln kondensiert er die Lebensläufe genialer Tüftler und Entdecker. Da ist etwa Edward Jenner, der Erfinder der Pockenimpfung: Er wurde zu Lebzeiten genauso verkannt wie Ada Byron-Lovelace; sie hat schon 1843 die erste Programmiersprache entwickelt. Schillernde Charaktere, die ganz nebenbei auch viel über die Sozialgeschichte ihrer Zeit verraten – viele der Porträtierten hatten unter Standesdünkel, Frauenverachtung und Nationalismus zu leiden. 

Verkannte Pioniere. Styria Premium 2015 (neu als Taschenbuch). 304 Seiten. 18,90 Euro. 


Elizabeth Kolbert

Das sechste Sterben

Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Tipp von Ralf Caspary

Kennen Sie den Stummelfrosch in Panama? Der ist 3,5 Zentimeter klein, senfgelb, mit dunklen Flecken? Wenn Sie jetzt "Nein" sagen, ist das völlig okay, denn diese Art fiel einem Massensterben zum Opfer. Der Grund: Ein gefährlicher Pilz, der mit Schiffen ins Biotop des Frosches eingereist war und die Art dahinraffte. Die eigentliche Ursache für das Sterben ist also der Mensch.

Kennen Sie den Riesenalk? Ein gänsegroßer Ur- oder man kann auch sagen Mammut-Pinguin. Island war seine Heimat, er wurde aber seit dem 16. Jahrhundert so stark bejagt, dass er nur noch in der ausgestopften Variante im Museum zu sehen ist.

Das Buch "Das sechste Sterben" der US-amerikanischen Journalistin Elizabeth Kolbert enthält viele solcher Beispiele: Kolbert beschreibt auf sehr anschauliche, mal spannende, mal traurige Weise, wie der Mensch das "sechste Sterben" auslöste und immer noch auslöst. Es ist deshalb das sechste Sterben, weil es in den letzten Jahrmillionen in der Evolution immer wieder Naturereignisse gab – fünf an der Zahl –, die ganze Arten ausgerottet haben, wie etwa der Asteroideneinschlag vor etwa 65 Millionen Jahren, der die Dinosaurier von der Erde verschwinden ließ.

Das "sechste Sterben" aber ist neu, weil menschengemacht. Wir tragen dafür die Verantwortung – durch Übersäuerung der Ozeane, durch Erderwärmung, durch Abholzen des Regenwaldes.

Elizabeth Kolbert gelingt es, dieses komplexe Thema, das ja genug Anlass zur Larmoyanz geben könnte, mit journalistischer Neugierde und großer Sachkenntnis aufzuarbeiten. Vor allem geht sie wie eine Chronistin vor: Sie spricht mit Forschern, besucht alle Orte, an denen ausgestorbene Arten lebten, wo sie in Museen noch bestaunt werden können und wo sie in Laboren noch beforscht werden.

Das sechste Sterben. Suhrkamp Verlag 2015. 312 Seiten. 24,95 Euro.

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