Bitte warten...

SWR2 Impuls Sachbuchtipps: Oktober Geschlechterforschung, Bionik, Psychologie

Ulrike Till, Rainer Hannes, Sarina Fischer

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen:

Axel Meyer

Adams Apfel und Evas Erbe

Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer

Tipp von Ulrike Till

"Adams Apfel und Evas Erbe" des Evolutionsbiologen Axel Meyer ist ein politisch erfrischend unkorrektes Buch. "Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer" – der Untertitel hält, was er verspricht. Dabei nimmt Axel Meyer keine Rücksicht auf fundamental-feministisches Wunschdenken. Wenn er manche Aspekte der verbreiteten "Genderstudies" als absurd und irrational geißelt, spricht daraus nicht männliche Borniertheit, sondern naturwissenschaftliche Einsicht. Viele Unterschiede zwischen den Geschlechtern haben nun mal biologische Grundlagen, und genau die bekommt man auf fast 400 Seiten nahegebracht.

Das liest sich phasenweise wie ein Schulbuch der Genetik, inklusive Mendelscher Erbsenzucht. Aber ohne die trockenen Stellen erschließt sich der Rest nicht – dranbleiben lohnt sich, dann kapiert man auch, warum sich Verliebte küssen oder viele Paare Probleme mit strikter Treue haben. Und man lernt Verblüffendes über die erblichen Anteile von Intelligenz, Aggression und Homosexualität.

Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer. Verlag C. Bertelsmann 2015. 19,99 Euro.


Mario Ludwig

Genial gebaut!

Von fleißigen Ameisen und anderen tierischen Architekten

Tipp von Rainer Hannes

Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Frau im heiratsfähigen Alter und der Mann, der um Sie wirbt, baut Ihnen ein Haus - nicht irgendeines, sondern eins, das er total blau angestrichen hat. Und er legt Ihnen alle möglichen Gegenstände zu Füßen, ebenfalls in Blau. Und warum? Weil er damit sein eigenes schönes Blau, in dem er gekleidet ist, zur vollen Geltung bringen will. Er will Eindruck schinden. In der Menschenwelt dürfte so etwas ziemlich selten zu finden sein, nicht so in der Vogelwelt Australiens. Dort balzt der Seidenlaubenvogel so.

Um solche Lauben-, Häusle-, Schloss- und auch Wolkenkratzerbauer geht es in dem neuen Buch des Biologen Mario Ludwig. Untertitel: "Von fleißigen Ameisen und anderen tierischen Architekten". Warum Dohlen heutzutage so gerne in Schornsteinen nisten, wie der Maulwurf eine ausgeklügelte Lebend-Vorratshaltung betreibt, wie der Biber seine Burgen trocken hält - solche Strategien und Leistungen erzählt Mario Ludwig detailreich, spannend, sehr anschaulich, oft auch mit einem Augenzwinkern. Der Leser staunt, wie Tiere schaufeln, baggern, spachteln, flechten, stopfen für eine Unterkunft mit Klimaanlage, Heizung oder auch Müllhalde. Wie sein Pendant "Genial verpackt" (erschienen im selben Verlag) ist auch "Genial gebaut" sehr gut geeignet für jüngere Leser.

Ach so: Und wie kommt der Seidenlaubenvogel zum Blau für seine Laube? Naja: Er sammelt ein paar blaue Beeren und zertritt sie mit den Füßen. Dann muss das nur noch verteilt werden.

Genial gebaut! Von fleißigen Ameisen und anderen tierischen Architekten. Theiss Verlag 2015. 240 Seiten. 24,95 Euro.


Wolfgang Schmidbauer

Enzyklopädie der dummen Dinge

Tipp von Sarina Fischer

Dumme Dinge – sind Autos, Computer, Handys, Digitalkameras, Geschirrspüler. Das sagt Wolfgang Schmidbauer, Psychotherapeut und Autor der "Enzyklopädie der Dummen Dinge". Sie versprechen uns Bequemlichkeit und Zeitersparnis. Der Haken:

"Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, schwächen unsere Möglichkeiten, einsichtig zu handeln, gesund zu bleiben und unsere Intelligenz zu trainieren."

Unsere Intelligenz brauchen wir nicht mehr, wenn uns die Geräte idiotensicher alles abnehmen. Wer braucht noch das Wissen über Tiefenschärfe, Blende und Belichtungszeit, wenn die Digitalkamera automatisch einwandfreie Bilder macht?

Unsere Einsicht verlieren wir, weil wir von den vermeintlich lebenserleichternden Dingen so verwöhnt sind, dass uns egal ist, wie viele Bäume dafür gerodet, wie viel Plastikmüll ins Meer geschüttet und wie viel CO2 in die Atmosphäre geblasen wird. Wir werden verschwenderisch und blind für die langfristigen Folgen unserer Erfindungen. Und unsere Gesundheit verschlechtern wir, weil wir immer mehr Komfort wollen.

"Ärzte belehren uns, dass Bewegungsmangel die häufigste Krankheitsursache geworden ist; gleichzeitig erfinden wir immer mehr Automatiken, die Bewegungen überflüssig machen – und halten das für einen Fortschritt an Freiheit, weil wir doch die Wahl haben, Treppen zu steigen oder mit dem Aufzug zu fahren."

Eine Illusion, sagt Schmidbauer. Hinzu kommt: Je undurchschaubarer die Dinge werden, desto abhängiger sind die Nutzer von ihren Herstellern. Wer weiß heutzutage noch, wie genau ein Smartphone oder ein Notebook funktioniert, geschweige denn wie man es selbst repariert?

Die dummen Dinge haben sich so selbstverständlich in unseren Alltag integriert, dass wir vergessen haben, zu hinterfragen, was sie mit uns machen. Genau das tut der Autor und fordert wieder mehr Kreativität – für intelligente Technologie statt für dumme, die Hand, Kopf und Geist lähmt.

Wolfgang Schmidbauers "Enzyklopädie der dummen Dinge" ist ein unterhaltsames und erfrischendes Sachbuch, das einen überraschenden Blick auf die Welt der Dinge wirft. Der Autor findet eine gute Balance zwischen heiteren Beschreibungen der dummen Dinge und ernst formulierter Kritik an der kopflosen Konsumgesellschaft. Es ist ein Buch, nach dessen Lektüre man manche Dinge garantiert in einem ganz neuen Licht sieht.

Enzyklopädie der dummen Dinge. Verlag Oekom 2015. 240 Seiten. 17,95 Euro.

Weitere Themen in SWR2