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SWR2 Impuls Sachbuchtipps: Juni Ungerechtigkeit, Kapital, Autonomie

Anja Brockert, Ralf Caspary und Charlotte Grieser

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen:


Steffen Mau und Nadine M. Schöneck (Hg.)

(Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten

Ein Sammelband

Tipp von Anja Brockert

Der Reichtum auf der Welt ist ziemlich ungleich verteilt: Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt 50 Prozent des Reichtums. Und 99 Prozent der Weltbevölkerung teilen sich die anderen 50 Prozent. Auch in Deutschland sammeln sich die Vermögen in den Händen weniger; die Kluft zwischen Arm und Reich wächst nachweislich. "Soziale Gerechtigkeit" ist wieder ein Thema geworden, und der Sammelband "Ungerechte Ungleichheiten" aus der Edition Suhrkamp liefert wissenschaftliche Positionen dazu.

Beide "Un"s im Titel stehen übrigens in Klammern, wer will, kann also auch "Gerechte Gleichheiten" lesen, oder "Ungerechte Gleichheiten". Das macht schon klar: Hier geht es um ein komplexes Thema, nicht um flotte Ansagen und einfache Lösungen.

Die Beiträge in diesem Band beleuchten verschiedene Felder:

Wohin führt mehr Chancengleichheit in der Bildung? Wie gestaltet sich die viel propagierte Geschlechter-Gerechtigkeit? Was bedeutet eine wachsende Ungleichheit für die Demokratie? Welche Umverteilungs-Tücken birgt der Sozialstaat im Gegenwartskapitalismus? Und welche Wechselwirkungen gibt es zwischen sozialer Ungleichheit und Migration?

Zu Wort kommen Ökonomen und Soziologen wie Heinz Bude und Hartmut Rosa, Bildungs- und Arbeitsmarktforscherinnen wie Jutta Allmendinger, Politikwissenschaftler und Zeithistoriker wie Paul Nolte. Das Spannende: Zu den Themenfeldern beziehen jeweils zwei Wissenschaftler bzw. Wissenschaftlerinnen Stellung, mal ergänzend, mal aber auch gegensätzlich. Da fordert ein Soziologe: "Besteuert die Erben!", ein Volkswirtschaftler hingegen sagt: "Hände weg vom Erbe!". So können sich die Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen und die Argumentationen für sich abwägen. Die Beiträge sind manchmal recht akademisch im Ton, aber sie bieten einen guten Einblick in die sozialen Gerechtigkeitsüberlegungen unserer Zeit.

(Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten. edition suhrkamp. 208 Seiten. 16 Euro.


Thomas Piketty

Das Kapital

- im 21. Jahrhundert

Tipp von Ralf Caspary

Ich muss etwas gestehen: Ich habe das über 700-seitige Buch von Thomas Piketty mit dem Titel "Das Kapital im 21. Jahrhundert" nicht ganz gelesen, ich habe vielleicht so um die 200 Seiten geschafft. Es war einfach zu anstrengend.

Zum Glück bin ich dann auf die Hörbuchfassung gestoßen, die im Hörverlag erschienen ist und 3 mp3-CDs umfasst. Und mit diesem Medium habe ich es dann vollbracht: Ich habe mir Pikettys Thesen, Berechnungen und Analysen ganz angehört, bin fasziniert und möchte den Satz eines Kritikers: 'Der Piketty gehört auf den Nachttisch der Kanzlerin!' ergänzen: Das Buch gehört auf alle Nachttische von Kapitalismuskritikern und -skeptikern.

Die Hörfassung macht ganz deutlich: Dieser Wirtschaftswissenschaftler beruft sich auf erfrischende Weise auf Daten und Fakten, nicht auf Spekulationen, Ideologien und krude Mathematik wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen:

"Die Wirtschaftswissenschaftler haben eine kindliche Vorliebe für Mathematik und für rein theoretische und sehr ideologische Spekulationen nicht abgelegt, allzu oft befassen sich die Ökonomen mit kleinen mathematischen Problemen, an denen nur sie selbst interessiert sind."

Das Schöne an diesem Hörbuch ist: Man kann hin- und herspringen, sich mit Piketty auf geschichtliche Spurensuche begeben, sich in die Gegenwart katapultieren oder einfach mal etwas über die Methodik des Fachs Wirtschaftswissenschaft erfahren. So kann man dieses Mammutwerk in Häppchen zu sich nehmen, ohne die zentrale These aus den Augen zu verlieren: Der Kapitalismus produziert und vergrößert – so Piketty – ab einem bestimmten Zeitpunkt die soziale Ungerechtigkeit, die Schere zwischen Arm und Reich; die Gewinne der Reichen steigen permanent, auch ohne Arbeit:

"Jenseits einer bestimmten Grenze wachsen Vermögen mit hohen Raten, ganz gleich, ob ihre Eigentümerinnen und Eigentümer einer Berufstätigkeit nachgehen oder nicht. So lautet eine der verblüffendsten Lehren, die aus den Forbes-Ranglisten zu ziehen ist."

Der Sprecher Herbert Schäfer hat es geschafft, dieses komplexe Buch, das viele blutarme Sätze enthält, sachlich und dennoch mit Spannungsbogen zu lesen. Man kann diesem Mann einfach stundenlang zu hören. Das Hörbuch "Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert" dauert immerhin fast 30 Stunden.

Das Kapital im 21. Jahrhundert. Verlagsgruppe RANDOM HOUSE. 3 CDs für 29,99 Euro.


Michael Pauen und Harald Welzer

Autonomie

Eine Verteidigung

Tipp von Charlotte Grieser

Das Buch "Autonomie – eine Verteidigung" von Michael Pauen und Harald Welzer wird seinem Titel erst gegen Ende gerecht. Dennoch hat es mich schon am Anfang mitgenommen: Beispiele, wann jemand autonom, also unabhängig von äußeren Einflüssen handelt, machen das Thema sofort plastisch.

Die Geschichte des Autonomiebegriffs hilft beim Einstieg ins Thema, und dann kommen die Autoren zum ersten interessanten Punkt:

Sie sehen die Entwicklung von mehr Autonomie für das Individuum parallel zur Entwicklung von Gesellschaftsformen. Demnach wird die bisher höchste Autonomiestufe für den Einzelnen und die Einzelne in Demokratien erreicht – denn diese bieten einerseits den nötigen Spielraum (also freie Wahl des Arbeitsplatzes, der Sozialbeziehungen, etc.) und brauchen andererseits die autonomen Entscheidungen ihrer Bürgerinnen und Bürger (bei Wahlen, Demonstrationen, zivilem Ungehorsam). Im Zuge dessen weisen die Autoren ausdrücklich auf den Autonomieverlust in unserer Gesellschaft hin, bedingt durch die Datenkraken, die jeden Tag Informationen über uns sammeln – die wir ihnen per Smartphone, Facebook und Kreditkarte ganz freiwillig überlassen.

Den zweiten interessanten – vielleicht sogar revolutionären – Punkt entwickeln die Autoren aus der empirischen Sozialwissenschaft: Sie führten eine Untersuchung durch, in der sie – kurz gesagt – feststellen, dass das autonome oder konformistische Verhalten ihrer Probandinnen und Probanden nicht von deren Persönlichkeitsmerkmalen, sondern von der sozialen Situation abhing. Das heißt: Egal, für wie autonom sich jemand hält oder wie wichtig sie oder er autonomes Verhalten findet, war in dieser Experimentreihe völlig unabhängig vom jeweiligen Verhalten!

Und das hat mich beeindruckt. Wenn sich diese Ergebnisse replizieren lassen, müssen wir unsere Vorstellung davon, wovon selbstbestimmtes Handeln abhängt und wie wir es fördern können, völlig neu denken. Dazu passt auch, dass sich die Autoren ausführlich den Vorteilen von konformistischem Verhalten und dessen Vorteilen widmen.

Zum Ende des Buches wird dann das Versprechen des Titels doch noch eingelöst: Welzer und Pauen verteidigen die in ihren Augen wichtige Fähigkeit zur Autonomie. Sie geben mir sogar eine Checkliste für mehr Autonomie an die Hand.

Der für mich wichtigste Satz des Buches fällt im Kapitel "Dialektik der Autonomie" und fasst das Thema perfekt zusammen: "Die Verteidigung der Autonomie kann man nicht delegieren; Autonomie besteht in diesem Sinn in ihrer gelebten und praktizierten Verteidigung."

Autonomie – eine Verteidigung. Verlag S. Fischer. 289 Seiten. 19,99 Euro.

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