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SWR2 Impuls Sachbuchtipps: Juli Hirn-OPs, ADHS, Marshmallow-Test

Ulrike Till, Hannah Lesch, Ralf Caspary

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen:

Henry Marsh

Um Leben und Tod

Ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern

Tipp von Ulrike Till

Für viele Patienten sind Ärzte immer noch Halbgötter in weiß – und am größten ist die Ehrfurcht gegenüber Hirnchirurgen. Vom Heilen, Hoffen und Scheitern erzählt der berühmte britische Neurochirurg Henry Marsh in seinem Buch "Um Leben und Tod". Eine fesselnde Lektüre, die riskante Operationen detailliert schildert – als Film würde man manche Szenen wahrscheinlich gar nicht aushalten. Aber es geht weniger um blutige Eingriffe, als um die Gefühle des Operateurs – von Lampenfieber und Selbstvorwürfen bis hin zu mitreißender Euphorie, wenn ein tückisches Aneurysma erfolgreich stillgelegt ist.

Mich hat vor allem fasziniert, dass Henry Marsh erstaunlich offen auch persönliche Schwächen preisgibt: die Eitelkeit des großen Chirurgen, der schmale Balanceakt zwischen Selbstüberschätzung und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ganz nebenbei enthüllt er auch noch die Schwächen eines modernen Großkrankenhauses, in dem Sparzwang, Computerpannen und Personalchaos die Gesundheit der Patienten gefährden.

Um Leben und Tod. DVA 2015. 352 Seiten. 19,99 Euro.

Richard Saul

Die ADHS-Lüge

Eine Fehldiagnose und ihre Folgen

Tipp von Hannah Lesch

Auf der Rückseite des gelben Umschlags kann man den Schnelltest machen: Bin ich vergesslich? Lasse ich mich leicht ablenken? Stehe ich häufig unter Strom? Insgesamt 15 Symptome von ADHS werden hier zum Ankreuzen aufgeführt – treffen 5 zu, leidet man an der Krankheit. Der Test ist hier ironisch gemeint. Denn der Autor Richard Saul ist davon überzeugt, dass es ADHS gar nicht gibt – dementsprechend heißt auch sein Buch "Die ADHS-Lüge". Seine These: ADHS ist ein erfundenes Konstrukt, ein Sammelsurium unterschiedlichster Symptome ganz anderer Krankheiten.

Saul erzählt aus seinem Alltag als Kinderarzt und Neurologe. Anhand von über 20 Einzelschicksalen erklärt er sehr strukturiert die möglichen Ursachen geringer Aufmerksamkeit und anderer dazugehöriger Symptome. Als Leser lernt man seine meist jungen Patienten kennen, erfährt, wie sie nervös und zappelig auf dem Stuhl wippen und seine Fragen beantworten. Zusätzlich hat Saul gut recherchiert, verweist auf viele Studien und Statistiken. Sein Stil ist unterhaltsam, schlau und verständlich. Allerdings schreibt er auch sehr amerikanisch: Jedes Einzelschicksal hat natürlich ein "Happy End" und der Retter ist immer er, der fachkundige und einfühlsame Arzt.

Trotzdem fand ich seine Fallbeispiele sehr spannend und überzeugend, sie machen seine Thesen anschaulich. Ein Grund für mangelnde Konzentration im Unterricht können nämlich einfach eine Seh- oder Hörschwäche sein, Schlafstörungen oder Eisenmangel – und der ist ja leicht zu behandeln. Saul argumentiert logischerweise vehement gegen den schnellen Einsatz von Medikamenten, gegen die Ritalin-Industrie. Er sagt selber, dass er mit seinen Ansichten und Methoden provozieren will, Diskussionen anregen möchte. Und dies gelingt ihm sehr gut.

Die ADHS Lüge. Klett-Cotta, 2. Auflage 2015. 19,95 Euro.

Walter Mischel

Der Marshmallow-Test

Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit

Tipp von Ralf Caspary

Mein Freund erzählt mir vor Kurzem, wie er seine Nikotinsucht überwunden hatte - er rauchte immerhin 3 Packungen pro Tag, und das über 15 Jahre lang. Er erzählte, eines Morgens herrschte Hektik im Büro, er wurde zum Chef gerufen, musste dann schnell zurück in sein Büro, um zu telefonieren, dann zu zwei Kollegen zwecks Absprache. Und überall, wo er war, hinterließ er halb gerauchte Kippen, weil er jedes Mal schlicht vergessen hatte, dass er sich schon eine angezündet hatte. Plötzlich wurde ihm das bewusst: Seine Sucht erschien ihm als Wahnsinn und große Absurdität. Er sah sich selbst als permanent qualmendes Monster, das sklavisch dem Nikotin verfallen war und überall Qualmspuren hinterlässt. Und siehe da: Er hörte von heute auf morgen mit dem Rauchen auf, bis heute mit Erfolg.

Der in den USA tätige Psychologe Walter Mischel zeigt in seinem faszinierenden Buch "Der Marhsmallow-Test" die Mechanismen dieser Verhaltensänderung: psychologische Distanzierung und kognitive Neubewertung. Mein Freund hatte sich mental von sich selbst distanziert, er hatte von seinem heißen Trieb-und Suchtsystem, das ihm ständig befahl, zu rauchen, Abstand genommen und sich seinem kühlen Betriebssystem zugewandt, das Selbstkontrolle ermöglicht. Dadurch gelang ihm etwas ganz Wichtiges: Er konnte das Rauchen kognitiv neu bewerten. Es erschien ihm nicht mehr als Befriedigung, als stressmindernd, sondern als monströse Sucht, die einfach nur peinlich ist.

Mischel hatte als einer der ersten diese Mechanismen mit seinem berühmten Marshmallow-Test beschrieben und analysiert: Kinder bekamen jeweils ein süßes verführerisches Marshmallow auf einem Teller präsentiert. Ihnen wurde dann vom Versuchsleiter gesagt, ich gehe jetzt aus dem Zimmer - wenn du wartest, bis ich zurückkomme und die Süßigkeit noch nicht isst, dann bekommst du zwei Marshmallows. Viele Kinder konnten nicht warten und mussten, sobald der Leiter verschwunden war, zugreifen, aber ebenso viele konnten warten und die Befriedigung aufschieben. Das Revolutionäre an dem Experiment war: Mischel und Kollegen begleiteten die Kinder bis ins Erwachsenenalter, und siehe da: Die Aufschieber waren als Erwachsene glücklicher, erfolgreicher, willensstärker und optimistischer als diejenigen, die beim Experiment ihrer Gier freien Lauf ließen.

Mischel zeigt anhand vieler Beispiele, wie diese Aufschieb-Mechanismen immunisieren, wie sie uns widerstandsfähig machen im Umgang mit Krisen, Suchtverhalten, mit dem Scheitern. Sein Buch ist ein eindringliches Plädoyer für mehr Willensstärke, die uns neue Freiräume zurückerobert.

Der Marshmallow-Test. Siedler, 3. Auflage 2015. 400 Seiten. 24,99 Euro.

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