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SWR2 Impuls Sachbuchtipps: Dezember Unruhe, Schnecken und dumme Schwärme

Ralf Caspary, Anja Brockert, Rainer Hannes

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen

Ralf Konersmann

Die Unruhe der Welt

Tipp von Ralf Caspary

Die unruhige, nervöse, beschleunigte Turbogesellschaft! Ja, das Thema ist überhaupt nicht neu, es gibt dazu unzählige Abhandlungen von Soziologen und Psychologen. Aber das Buch "Die Unruhe der Welt" von Ralf Konersmann hat mich von Anfang an gefesselt, weil es hier um eine Motiv- und Ideengeschichte geht. Der Kieler Philosophieprofessor läuft mit Siebenmeilenstiefeln durch 2000 Jahre Kulturgeschichte und sammelt Indizien dafür ein, dass wir Menschen uns schon sehr früh auf Unruhe und Nervosität fokussiert haben; das gehört zu unserem kulturellen Code. Adam und Eva sind auch in diesem Sinne unsere Vorfahren, sie sind für Konersmann als Vertriebene die ersten unruhigen Geister und Unruhestifter. Es folgt ihnen Kain, ebenfalls ein Suchender im postparadiesischen Zeitalter. Schon diese christlichen Narrative legen uns auf die Unruhe unweigerlich fest – so die These von Konersmann.

Es folgen in der geschichtlichen Entwicklung Umbrüche, Revolutionen, es folgen philosophische Konzepte von mittelalterlichen Philosophen, dann solche von Marx, Feuerbach, den Futuristen – sie alle impfen uns permanent mit dem Virus der Unruhe, legen uns auf Arbeit, Wissensaneignung, Veränderung und Fortschritt fest. Für Konersmann ist das eine fatale Entwicklung: Unruhe erscheint uns als selbstverständlich, wir haben kaum die Möglichkeit, sie reflexiv zu bewältigen und Gegenbilder zu erarbeiten.

Sein Buch ist eine Kritik an unserer Moderne und zugleich eine Einladung zur Suche nach sinnvollen Alternativen, die mehr sind als der Ruf nach Entschleunigung und Besinnlichkeit.

Die Unruhe der Welt. Verlag S. Fischer Wissenschaft 2015. 24,99 Euro.

Florian Werner

Schnecken

Tipp von Anja Brockert

Iiiigitt! Schnecken! Besonders eklig: Nacktschnecken! Glitschig, schleimig, Gartenzerstörer, und dann auch noch so entsetzlich langsam! Andererseits: Ist die sprichwörtliche Langsamkeit der Schnecke nicht ein prima Vorbild für ein entschleunigtes Leben, nach dem wir uns alle sehnen? Und was ist eigentlich hübscher als die vielfarbige Spirale eines Schneckengehäuses? In Florian Werners neuem Buch über Schnecken kann man sie auf Farbtafeln alter naturkundlicher Bücher bewundern: die gefleckten Häuser der Weinbergschnecken, die afrikanische Riesenschnecke, die maurische Achatschnecke, die beeindruckende Große Fechterschnecke, die als Symbol der Wollust gilt. Gemälde und Radierungen zeigen, wie sich die Schneckenspur auch durch die Kunst-und Kulturgeschichte zieht – als Symbol der Vergänglichkeit, als Allegorie der Trägheit, ja sogar als Symbol für die Jungfrau Maria. Und die Architektur wäre ohne das Vorbild der Schneckenhaus-Spirale um einige Exponate ärmer.

Besonders vergnüglich ist an diesem Buch der pfiffige, nahezu feuilletonistische Text. Es geht um die Biologie der Schnecke, klar, um ihr Liebesleben, ihre Fortbewegung und den ekligen Schleim. Aber wir erfahren auch, wie ein Schneckenrennen in England abläuft und wie man eine deutsche Renn-Schnecke unbemerkt durch den britischen Zoll bringt. Dass die Schnecken schon im Alten Testament als unrein verdammt waren, weil sie auf dem Bauch kriechen. Dass der Schriftsteller Hermann Löns mal an einer Nacktschnecke geschleckt hat und vier Tage brauchte, um sich von dem Geschmack zu erholen. Und natürlich erzählt Florian Werner auch von der Geschichte der Schnecke als Nahrungsmittel – von der systematischen Zucht bei den alten Römern bis zur Delikatesse mit Kräuterbutter und Weißbrot heute. Es geht also letztlich um das Verhältnis zwischen Mensch und Schneck – ein wunderbar aufgemachtes Portrait, das in jede Jackentasche passt und gerade in der Weihnachtshektik daran erinnert, mal wieder ins Schneckentempo zu schalten.

Schnecken. Ein Portrait von Florian Werner. Verlag Matthes und Seitz 2015. Reihe Naturkunden. 18,00 Euro.

Gunter Dueck

Schwarmdumm

So blöd sind wir nur gemeinsam

Tipp von Rainer Hannes

"Als Einzelne sind wir klug und stark, aber als Team spinnen wir." Ob in Unternehmen oder Behörden, ob in Ausschüssen, Gremien oder Mitarbeiter-Konferenzen – im Team, sprich: im Schwarm verhalten wir uns dumm. So bringt es der Autor Gunter Dueck auf den Punkt in seinem Buch "schwarmdumm". Es basiert auf seinen Erfahrungen als Mathematikprofessor und Chef-Technologe beim Konzern IBM. Sein Spitzname: "Wild Duck" – Querdenker. Und der kommt zu dem Ergebnis: Wir denken in vielen Dingen einfach falsch und treiben so das viel zitierte Hamsterrad, in dem wir hocken, immer weiter an. Wir reihen uns ein in die Masse und tun alle das Gleiche, das gleiche Falsche.

Heißt: Wir stecken uns viel zu hohe Ziele – oder bekommen sie gesteckt. Die Ziele werden meist nicht klar und konkret benannt bzw. der Weg dorthin. Unter Druck werden wir zu einer Herde opportunistischer Durchwurstler. Wir arbeiten nicht mehr für die Sache oder den Kunden, sondern für die Vorschriften und Kontrollen, die überall verordnet werden. Qualitätsmanagement nennt man das dann. Dueck veranschaulicht solche Schieflagen in unserer Arbeitswelt an vielen Beispielen, Dialogen und Szenarien. Alles kommt einem irgendwie sehr bekannt vor.

Am meisten beeindruckt hat mich seine Argumentation zur Auslastung unserer Arbeitskraft – egal, ob bei der Kassiererin im Supermarkt oder beim Topmanager. Die Auslastung soll ja immer weiter gesteigert werden, auf 95, 99, 100 Prozent – meint der Schwarm. Falsch gedacht, sagt Dueck. Und weist sehr schlüssig und mit etwas Mathematik nach, dass die optimale Auslastung bei 80 bis 85 Prozent liegt, alles darüber führt zu Krisen, Fehlern, Ineffektivität, Chaos oder sogar Kollaps.

Das Buch kann ich allen empfehlen, die wissen wollen, warum es mit der Teamarbeit nicht so klappt wie es sollte, wer wann warum zu welchem Thema etwas sagt mit welchen Tricks und Absichten. Ein Buch für alle Chefs und Entscheider, die sich auch und gerade von einem Querdenker mal was erzählen lassen.

Schwarmdumm - So blöd sind wir nur gemeinsam. Campus Verlag 2015. 24,99 Euro.

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