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SWR2 Impuls Sachbuchtipps: April Hirnforschung, Bienen, Internetabhängigkeit, Relativitätstheorie

Ulrike Till, Rainer Hannes, Anja Braun, Markus Bohn

Wissenschaftsredakteure stellen jeden Monat ihre aktuellen Lieblingstitel vor und navigieren Sie sicher durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Zum Nachlesen:

Henning Beck

Hirnrissig

Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt

Tipp von Ulrike Till

Wer sich für Hirnforschung interessiert, aber keine Lust auf kompliziertes Fachkauderwelsch hat, dem lege ich "Hirnrissig" von Henning Beck ans Herz. "Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt", so das Versprechen im Untertitel. Man merkt, dass der Autor mal deutscher Meister im Science Slam war: Er erklärt komplizierte Inhalte anschaulich und humorvoll; es macht einfach Spaß, ihm bei der Demontage gängiger Neuroklischees zu folgen. So rückt Henning Beck unter anderem den verbreiteten Irrglauben zurecht, mit modernen Hirnscans könnten Wissenschaftler bald Gedanken lesen. Ein paar Kapitel später lernt man dann, dass Endorphine keineswegs Glückshormone sind, sondern in erster Linie Schmerzreize hemmen - und in größerer Menge zu Verstopfung führen.

Man schmunzelt und staunt – und weiß am Ende viel mehr über das "seltsam geformte, ein bisschen glitschige Organ", mit dem wir denken.

Hirnrissig. Hanser Fachbuch 2014. 272 Seiten. 16,90 Euro.

Jack Mingo

Die Weisheit der Bienen

Tipp von Rainer Hannes

Bienen summen im Stock - klar. Aber in welcher Tonart tun sie das? Und in welcher Tonlage summen sie beim Fliegen? Antworten darauf gibt der US-Amerikaner Jack Mingo in seinem neuen Buch "Die Weisheit der Bienen". Er erklärt, wie und mit welchem besonderen Organ die Biene sich an der Sonne orientiert, wie man das Alter von Bienen herausfinden kann, was es mit dem Schweißfuß der Bienen auf sich hat undundund. Jack Mingo läßt kein Detail aus über "das wichtigste Tier der Welt", wie er es nennt. Und erzählt über seine Erfahrungen als Hobby-Imker - gut verständlich, mit leichter Hand und viel Ironie. Für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, sich einen Bienestock zuzulegen, ist dieses Buch ein Muss. Aber auch für die, die einfach alles rund um die Biene wissen wollen.

Die Weisheit der Bienen. Riemann Verlag München 2015. 224 Seiten. 17,99 Euro.

Bert te Wildt

Digital Junkies

Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder

Tipp von Anja Braun

Der Autor Bert te Wildt leitet an der Bochumer Uniklinik eine Ambulanz für Internet-Süchtige und beschreibt in "Digital-Junkies" seine teilweise erschreckenden Erfahrungen mit der Sucht. So schildert er zum Beispiel den Fall eines jungen südkoreanischen Pärchens, dass über obsessive Spielsessions die eigene 3 Monate alte Tochter vergaß. Der Säugling verdurstete während seine Eltern als Avatare im Computerspiel ein ebenso altes virtuelles Baby umsorgten. Doch der Mediziner und Psychotherapeut te Wildt schildert nicht nur eindrücklich zahlreiche Beispiele der Internetsucht, sondern gibt auch Tipps zur Behandlung und Prävention. Dabei verdammt er die Nutzung des Netzes nicht pauschal, sondern zeigt auf, dass Anwendungsbereiche wie Rollenspiele, soziale Netzwerke und Pornos für manche Nutzer sehr gefährlich werden können. Te Wildt erklärt, wer seiner Meinung nach besonders anfällig ist - aber auch wie man die digitale Revolution ganz gelassen mit gesundem Menschenverstand begleiten kann. Ich finde gerade für Eltern, die unsicher sind, wie viel Netz sie ihren Kindern zugestehen wollen, ist dieses Buch ein guter Ratgeber.

Digital Junkies. Verlag Droemer Knaur 2015. 382 Seiten. 19,99 Euro.

Thomas Bührke

Einsteins Jahrhundertwerk – Die Geschichte einer Formel

Tipp von Markus Bohn

Einsteins "Allgemeine Relativitätstheorie" ist ein Jahrhundertwerk im doppelten Sinn: Zum einen hat sie das Weltbild der Physik buchstäblich aus den Angeln gehoben. Und zum anderen wird sie anno 2015 genau 100 Jahre alt. Höchste Zeit also, davon ein bisschen mehr zur Kenntnis zu nehmen als die – übrigens falsche – Binsenweisheit "Alles ist relativ". In der Relativitätstheorie gibt es durchaus eine absolute und konstante Größe: Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum. Aber ansonsten ist in diesem Gedankengebäude fast nichts, wie wir es aus unserem Alltag kennen. Raum und Zeit hat es nicht schon immer gegeben, beide sind keine unveränderlichen Gefäße, in denen sich alles abspielt. Und auch die Gravitation ist nach Einstein keine lineare Kraft zwischen Körpern, sondern sie entsteht dadurch, dass Massen die vierdimensionale Raumzeit krümmen.

Auch heute ist das für die meisten von uns noch immer kaum vorstellbar und letztlich unverständlich. Aber Thomas Bührke, selbst promovierter Physiker und erfahrener Wissenschaftsjournalist, schafft es trotzdem, anschaulich zu vermitteln, welche Grundüberlegungen Einstein letztlich zu dieser sehr abstrakten Theorie geführt haben. Und das ganz ohne Formeln.

Bücher über Einstein und die Relativitätstheorie gibt es eigentlich mehr als genug. Das besondere an diesem Jubiläumsband ist: Man kann ihn von vorne bis hinten lesen fast wie einen Roman. Er eignet sich aber auch zum schmökern, z.B. wenn man wissen will, wie diese Theorie anno 1919 bei einer Sonnenfinsternis ihre erste Bewährungsprobe bestanden und ihren Schöpfer quasi über Nacht zu einem Pop-Star gemacht hat.

Einstein hätte sich über dieses Buch sicher gefreut. Denn wie sagte er auf der Berliner Funkausstellung 1930 so treffend:

Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen, und nicht mehr davon geistig erfasst haben, als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst. (Albert Einstein)

Einsteins Jahrhundertwerk. dtv premium. 280 Seiten. 16,90 Euro.

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