SWR2 Wissen

Süchtig im Netz – Kampf gegen die "Droge Facebook"

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Smartphone-abhängige Programmierer im Silicon Valley erfinden technische Tricks, um die eigene Internetsucht zu überlisten.

Audio herunterladen (25,8 MB | MP3)

Mit Technik gegen Internetsucht?

Natürlich gibt es die Möglichkeit des radikalen Entzugs. Online-Abstinenz. Handy-Fasten. Sich bei Facebook abmelden. Allerdings ist diese Empfehlung für viele so hilfreich wie einem Raucher zu sagen: „Hör doch einfach auf.“ Aber es gibt ein paar kleine niederschwellige Regeln zur Selbstdisziplinierung:

  • Die Facebook-App vom Smartphone löschen. Man kann sich dann zwar immer noch im Browser einloggen, aber es ist aufwändiger
  • Das Smartphone nie ins Schlafzimmer mitnehmen (und dort auch nicht laden)
  • Anrufen statt Texten. Geht oft schneller und ist netter.
  • Benachrichtigungen und Push-Meldungen abschalten

Auf dieser Webseite finden sich (auf englisch) zahlreiche weitere kleine Tipps zur Selbstkontrolle. Die Seite hat das „Center for Humane Technology“ (CHT) eingerichtet, eine gemeinnützige Initiative, gegründet von ehemaligen Facebook-, Google- und anderen Mitarbeitern von Firmen im Silicon Valley. Doch die Mitglieder des CHT wollen noch mehr.

Das „Zentrum für Humane Technologie“ 

Sie haben sich vorgenommen, auch Techniken und Programme gegen die (auch eigene) Online-Sucht zu entwickeln. Denn Internetsucht – die gibt es auch und gerade bei denen, die im Silicon Valley das Internet zu dem gemacht haben, was es ist.

Ein Samstagnachmittag in der App Academy in San Francisco. Heute haben sich hier etwa 20 Menschen eingefunden, für die Apps, Smartphones und soziale Medien eher zum Horror geworden sind: Die Ortsgruppe San Francisco des CHT.

Manche von ihnen empfinden sich selbst als computer- oder handysüchtig, andere wollen der Technik Grenzen setzen – mit neuer Technik. „Humane Technologie“ nennen sie das. Es ist inzwischen ein regelrechter Kampfbegriff im Silicon Valley geworden.

Golden Gate Bridge - Wahrzeichen von San Francisco (Foto: SWR, SWR - Alexander Schweitzer)
Golden Gate Bridge - Wahrzeichen von San Francisco SWR - Alexander Schweitzer

Trick 1: Mach dein Smartphone langweilig

Tristan Harris, der Gründer des Zentrums für Humane Technologie, hat früher bei Google gearbeitet. Er empfiehlt, das Handy möglichst langweilig zu machen – er stellt sein Display auf schwarz-weiß, lässt nur noch Benachrichtigungen von echten Menschen zu und nicht von Apps oder Spielen, die sich mal wieder in Erinnerung bringen wollen.

Der Gedanke dahinter: Je weniger Gelegenheit man den Geräten gibt, einen zu unterbrechen, umso weniger greift man ohne eigentlichen Grund zum Handy. Auf einer Konferenz in Washington beschreibt Harris, mit welchen Mitteln Firmen wie Facebook kämpfen, um eine kostbare halbe Stunde am Tag unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Selbst wenn Facebook nur diese halbe Stunde Ihrer Aufmerksamkeit behalten will, muss es tiefer in Ihren Hirnstamm hineinkriechen und eine Gewohnheit, eine unbewusste Sucht erzeugen. Ich habe das selbst in den Laboren gelernt. Die Firma muss die raffiniertesten Beeinflussungs-Techniken anwenden und sich die Aufmerksamkeit im Gehirn greifen. Das ist eine existenzielle Bedrohung.

Beispiel YouTube: Hat man dort ein Video abgespielt, fängt gleich das nächste an, Autoplay nennt sich das. Und in der Randspalte sind weitere Videos aufgelistet, die man klicken könnte – damit der Nutzer bloß nicht die Seite verlässt. Das gleiche im Newsfeed von Facebook, der Spalte mit den neuesten Nachrichten. Nie kommt der Nutzer an einen Punkt, wo Facebook sagt: „Das war’s, es gibt nichts Neues für dich!“

„Wenn man dieses blaue F anklickt, denkt man vielleicht: Oh, jetzt bekomme ich die neusten Postings meiner Freunde. Aber in Wirklichkeit hat man damit einen Supercomputer aktiviert, der überlegt: Wie spiele ich Schach gegen deinen Geist und zeige dir das perfekte Ding, das dein Gehirn zum Leuchten bringt und dich weitermachen lässt?“

Smartphone Display Schwarzweiß iphone (Foto: SWR, SWR - Gabor Paal)
"Mach Dein Smartphone langweilig!" SWR - Gabor Paal

Trick 2: Tools gegen blindes Kommentieren

Einen anderen Ansatz verfolgt der App-Entwickler Bill Loundy. Seinen Grundgedanken fasst er in einer Empfehlung zusammen:

Loundy stört sich vor allem daran, dass viele noch auf reißerische Überschriften im Netz anspringen und entsprechende Artikel in den sozialen Netzwerken teilen und kommentieren, die sie gar nicht gelesen haben. Also entwickelte Loundy ein Programm, dass genau das verhindert: Wer einen Artikel nicht gelesen hat, kann ihn auch nicht kommentieren und teilen, erzählt Loundy beim Treffen in San Francisco. Weniger Kommentare bedeuten auch ein Stück Entschleunigung. Denn jeder Kommentar provoziert den nächsten. Wird weniger geteilt und kommentiert, kommt man auch selbst weniger in Versuchung, auch noch seinen Senf dazuzugeben.

Wenn wir all die Leute blockieren, die den Artikel nicht gelesen haben, führt das zu einer besseren Gesprächsatmosphäre. Dann müssen nämlich 99 Prozent der Leute draußen bleiben.

"80 Prozent aller gelesenen Artikel bringen nichts"

Zusammen mit einem alten Schulfreund hat auch Loundy dafür ein Browser-Plugin entwickelt. Dieses Tool mit dem Namen Reallyreadit ermittelt mithilfe einer patentierten Technik, wie viel wir tatsächlich von den Artikeln lesen, die wir anklicken. Die Ergebnisse sind erstaunlich:

Vielleicht glauben Sie, dass Sie nicht viel Zeit vergeuden mit minderwertigen Artikeln oder all den Nachrichten über Trump. Aber laut unseren Daten sind 80 Prozent der Artikel, die Sie anklicken, genau solche. Das habe ich am eigenen Leib festgestellt, auch dass ich fast nichts zu Ende gelesen habe. Das ist wirklich schwer – das Internet lenkt vom Lesen ab.  

Jugendliche sitzen mit ihrem Handy auf einer Bank (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Das Freizeitverhalten von Jugendlichen hat sich durch Smartphones entscheidend verändert. Thinkstock -

Trick 3 „Foundoff“ – Alternatives Prokrastinieren

Will Mattei, ein junger Programmierer und einer der Gründer des CHT, hat ein Plugin entwickelt – ein kleines Zusatzprogramm für die Internet-Browser, mit dem er zunächst seine Onlinesucht in den Griff bekommen will, das er aber auch anderen anbietet. Es heißt Foundoff. Es sperrt nicht einfach den Zugang etwa zu Facebook, wie es andere Erweiterungen tun, sondern schlägt Alternativen vor.

Folgt Mattei seinem Drang, zu Facebook zu gehen, wird er auf eine Seite umgeleitet, die ihm einen Spaziergang vorschlägt oder attraktive Freizeitangebote in der Umgebung (wobei sich die bisher auf die Region San Francisco beschränken).

„Das Ziel ist es, die Leute dazu zu bringen, dass sie nicht mehr vor dem Computer prokrastinieren, also die wirkliche Arbeit aufschieben, sondern das im echten Leben tun.“

Will Mattei ist davon überzeugt, dass das noch immer leichter ist, als das Prokrastinieren ganz zu verhindern. „Ich glaube, die psychologischen Mechanismen hinter der Prokrastination sind so tief im Menschen verankert, dass das mit so einer App nicht plötzlich verschwinden wird. Aber für mich persönlich ist es besser, mich abseits des Computers vor der Arbeit zu drücken statt am Computer. Das fühlt sich erheblich gesünder und erfüllender an.“

Will Mattei hatte gute Gründe. „Ich habe mein Internet-Zeitbudget sehr genau protokolliert, und es waren täglich sieben Stunden, die nichts mit meiner Arbeit zu tun hatten. Das wollte ich deutlich und messbar reduzieren, mein Ziel waren eineinhalb Stunden, also wirklich viel weniger.“

Ideen wie die von Bill Loundy und Will Mattei sind interessante Ansätze, die den User zum Denken anregen. Aber die kleinen Startups kommen natürlich noch nicht gegen die großen Firmen an, die mit allen Mitteln unsere Aufmerksamkeit fesseln wollen.

Auch Tech-Manager wollen die eigenen Kinder vor dem Netz schützen

Es mehren sich die Stimmen, die nach Regulierung rufen. Schließlich hat die Gesellschaft auch die Hersteller anderer Suchtmittel mit Einschränkungen belegt. In der Digitalwirtschaft herrscht dagegen noch das Gesetz des wilden Westens.

Wenn es um Kinder geht, ist die Antwort noch am einfachsten. Schließlich haben die Eltern es in der Hand, wann ihr Kind ein Smartphone bekommt, und sie können dem Medienkonsum Grenzen setzen, auch wenn das nicht ohne Kämpfe abgeht. Schulen können Handys aus dem Unterricht verbannen. Prävention beginnt im jungen Alter. Ausgerechnet die Manager großer Technikkonzerne sehen das genauso und halten ihre Kinder von den eigenen Produkten fern.

Und die Waldorfschule im Silicon Valley ist besonders bei Technik-Managern beliebt.

Produktion 2019

Kriminalität Telegram – Der Messengerdienst als rechtsfreier Raum

Telegram ist beliebt bei Aktivisten, bei Kriminellen und Extremisten sowie bei einer halben Milliarde ganz normaler User weltweit. Alle vertrauen der App. Zu Recht?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Neue Regeln für Google, Twitter und Facebook Selbstkontrolle im Netz

Facebook, Google und Twitter löschen und sperren immer mehr Beiträge – weil die Politik das so will. Doch die Kriterien sind intransparent.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medien: aktuelle Beiträge

Medien Wer prägt die Berichterstattung? – Kulturelle Vielfalt im Journalismus

Jeder vierte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. In den Medien schlägt sich das nicht nieder. Zwar präsentieren Journalist*innen mit Migrationshintergrund in ARD und ZDF auch die Nachrichten, doch in den Redaktionen stellen sie vier bis sechs Prozent – genaue Zahlen gibt es nicht. Oft fehlt es an diversen Perspektiven. Wie gelingt mehr Vielfalt? Von Filiz Kükrekol. | Mit Tönen von SWR Intendant Kai Gniffke. | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/kulturelle-vielfalt-journalismus | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

11.9.2001 15:00 Uhr: Tagesschau meldet: World Trade Center in Flammen | Claus Kleber berichtet aus Washington

11.9.2001 | Rund 20 Minuten, nachdem ein Flugzeug in den ersten der beiden Türme des World Trade Centers geflogen ist, meldet die 15-Uhr-Tagesschau zunächst nur. Rund fünf Minuten später schaltet sie zum damaligen Korrespondenten Claus Kleber in Washington. Dass zu dem Zeitpunkt eine weitere Maschine bereits in den zweiten Turm geflogen ist, ist so noch nicht klar und wird erst in einer zweiten Live-Schalte zu Claus Kleber weitere fünf Minuten später angedeutet. Wir bringen hier den Mitschnitt der Nachrichten in voller Länge – auch deshalb, weil sie einen anderen Umstand deutlich machen. Die ersten vier Minuten drehen sich um neue Vorwürfe gegen Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Der ist zu diesem Zeitpunkt aus verschiedenen Gründen bereits schwer angeschlagen, der Rücktritt galt nur noch als eine Frage von Tagen. Doch mit den Ereignissen verschwindet der Fall Scharping nicht nur in dieser Nachrichtensendung schnell aus den Schlagzeilen.  mehr...

16.8.2010 Regierungssprecher Steffen Seibert gibt seine erste Pressekonferenz

16.8.2010 | Am 10. August 2010 wird Steffen Seibert zum neuen Regierungssprecher von Angela Merkel ernannt. Viele kennen Steffen Seibert als Anchorman der ZDF Nachrichtensendung Heute Journal. Als politischer Reporter und preisgekrönter Moderator hat er sich einen Namen gemacht. Nach etwas mehr als 20 Jahren beim ZDF wechselt Steffen Seibert nun in die Politik.
Am 16. August 2010 hält er seine erste Bundespressekonferenz ab. Und obwohl er öffentliche Auftritte von seinem früheren Job her gewohnt ist, ist der neue Regierungssprecher an diesem Tag besonders aufgeregt. | http://swr.li/regierungssprecher  mehr...

Psychologie: aktuelle Beiträge

Psychotherapie Pionier der Systemischen Familientherapie – Helm Stierlin ist tot

Seit 2020 bezahlen Krankenkassen eine Systemische Psychotherapie. Bis dahin war es ein weiter Weg für Therapeuten wie Helm Stierlin, das Verfahren in Deutschland zu etablieren. Nun ist Stierlin im Alter von 95 Jahren gestorben.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Porträt Helm Stierlin – Wegbereiter der systemischen Familientherapie

Helm Stierlin, geboren am 12. März 1926 in Mannheim, war einer der Väter der Systemischen Familientherapie. Als ausgebildeter Psychiater brachte er in den 1970er-Jahren völlig neue Therapieansätze aus den USA nach Deutschland. Was anfangs als sehr experimentell galt, haben Stierlin und seine Weggefährten in Heidelberg zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. | Manuskript zur Sendung: http://x.swr.de/s/stierlin | Am 9. September 2021 starb Helm Stierlin im Alter von 95 Jahren. Aus diesem Anlass hier noch einmal das Porträt über ihn von Martina Senghas aus dem Jahr 2020.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Psychologie Prokrastination – Wann Aufschieben schadet und wann es nützt

Wäsche waschen statt zu arbeiten: Wir alle haben schon mal prokrastiniert. Prokrastination wird gerne auch Aufschieberitis genannt. Für manche wird das Aufschieben aber zur echten Lebenskrise. Wie entkommen sie der Prokrastination? Von Silvia Plahl. | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/prokrastination | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2