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Geschichte des Fachs Philosophie 

Die Philosophie gehört zu den ältesten Fächern, neben Medizin, Theologie und Recht. Sie war weniger auf einen Beruf hin orientiert, sondern eine Praxis des Nachdenkens. Philosophen in der griechischen und römischen Antike machten sich Gedanken über Fragen wie: Was ist ein gelungenes Leben? In welchem Verhältnis stehen Gerechtigkeit und Glückseligkeit? Kann jemand ungerecht sein und trotzdem ein gelungenes Leben leben?

Platon und sein Lehrer Sokrates 

Die ganze antike Philosophie war sehr stark auf die Frage ausgerichtet: Wie soll ich mit anderen Menschen umgehen? Wie sollen wir gemeinsam in der Polis, in dem Stadtstaat, miteinander auskommen? Der bedeutendste Repräsentant dieser Phase ist Platon, für den alles eine Einheit darstellt. So stellte er Fragen der Bedeutung: Was macht die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks aus? Zur Pädagogik: In welcher Weise sollen wir uns bilden? Zur Gerechtigkeit: Wie muss die Stadt geordnet sein, damit sie als gerechte Stadt gelten kann? Zur Metaphysik: Wie kann man die Realität verstehen? Liegt der Realität in Wirklichkeit etwas anderes, Tieferes zugrunde? Platon war der Meinung: Ja, was wir als Realität wahrnehmen, sind nur Erscheinungen. Und dahinter steht eine Welt der Formen und Strukturen – ähnlich wie in der Physik heute mit mathematischen Mitteln bestimmte Erklärungen vorgenommen werden.

Büste des griechischen Philosophen Platon (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Tobias Hase)
Büste des griechischen Philosophen Platon picture-alliance / dpa - Tobias Hase

Aristoteles und die Einteilung der Philosophie in Disziplinen 

Aristoteles hatte eine sehr weitreichende These, die bis heute diskutiert wird. Demnach gibt es auf der einen Seite praktische Themen: Themen des Handelns, der Kooperation, Themen der Gerechtigkeit in der Stadt. Und auf der anderen Seite Fragen, die man mit den Mitteln der Naturwissenschaft, der Mathematik klären kann. Die Gegenstände, die man da behandelt, verändern sich nicht mit der Kultur und dem Menschen.

Während im Bereich des theoretischen Wissens mathematische Exaktheit sinnvoll ist, so wie Platon das generell für die Philosophie gefordert hat, ist das für die praktischen Bereiche nicht sinnvoll. Da kann man nur umrisshaft erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Man kann keine absolute Genauigkeit erreichen, sondern muss aus der Erfahrung heraus eine bestimmte Einschätzung entwickeln.

So tritt bei Aristoteles das Fach in unterschiedlichen Disziplinen auf: Logik, Physik, Mathematik – das sind die theoretischen Disziplinen. Außerdem Politik, Ethik und Ökonomik. Die sind auf die veränderlichen Dinge gerichtet; dort können wir das mathematische Exaktheitsideal nicht realisieren

Epikureismus und Stoa

Ihren ersten großen Höhepunkt hatte das philosophische Fach in der griechischen Klassik, also im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt. Danach setzt eine Art Gleit- oder sogar Sinkflug ein. Die Philosophie wird zunächst sehr gelehrsam, sehr scholastisch. Es gibt viele Debatten, Schulbildungen und eine Menge Literatur. Die von Platon gegründete Akademie überdauert fast 1000 Jahre; ein großer Zeitraum. Es entstehen die Philosophenschulen des Epikureismus. Da geht es in erster Linie um das gute Leben, das angenehme Leben. Plädoyer ist: Rückzug aus der Vielbeschäftigtheit des öffentlichen Lebens. Manche haben diese Philosophie als "Gartenphilosophie" verspottet: Zusammensetzen mit Freunden, auf seine Gesundheit achten, Diät halten. Epikur selbst war offenbar von schwacher Gesundheit.

Der Begriff "Stoa" geht zurück auf die Bezeichnung einer Säulenhalle im antiken Athen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Alexandros Vlachos)
Der Begriff "Stoa" geht zurück auf die Bezeichnung einer Säulenhalle im antiken Athen picture-alliance / dpa - Alexandros Vlachos

Auf der anderen Seite steht die Stoa. Das ist die zweite große Philosophenschule des Hellenismus und dann auch der römischen Antike. Hier geht es darum, dass der einzelne Mensch sich als Teil einer kosmischen Ordnung empfinden und sich selbst nicht so wichtig nehmen sollte. Marc Aurel, römischer Kaiser und zugleich ein bedeutender stoischer Philosoph, versucht in den "Selbstbetrachtungen" diese Bescheidenheit als Kaiser des Römischen Imperiums zu realisieren. Der Antipode dazu ist Epiktet, ein freigelassener Sklave, der mit seinen sehr harten Forderungen an Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle und Disziplinierung eine ganz wichtige Rolle gespielt hat für die moralischen Haltungen in der römischen Antike. Epiktet – ein freigelassener Sklave, war nach Marc Aurel, dem Kaiser, der zweitbedeutendste stoische Philosoph der römischen Antike.

Mittelalter und Renaissance

Die Philosophie geriet immer dann in schwierige Fahrwasser, wenn sie nicht mehr autonom war und in Abhängigkeit geriet. Das war das ganze Mittelalter über der Fall. Nach der Christianisierung des Römischen Imperiums wird die Philosophie eine Hilfswissenschaft, äußerst kritisch beäugt vonseiten der Kleriker, die fürchteten, hier könnte ein zu eigenständiger Geist entstehen. Immer wieder kam es zu Häresieverdacht und Häresieurteilen.

In der Renaissance wird die Philosophie dann zum Nucleus einer neuen, von klerikalem und politischem, fürstlichem Einfluss befreiten Wissenschaft. Das philosophische Nachdenken auch in Anknüpfung an die Antike – daher "Renaissance" – ist ein wesentliches Element dieses Aufblühens, das im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit anhebt.

19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entsteht in Deutschland eine wissenschaftliche Dynamik, die weltweit viel Bewunderung hervorgerufen hat. Immanuel Kant vertrat die These, dass das Nachdenken nur gelingen kann, wenn man "aus selbstverschuldeter Unmündigkeit herausfindet", wenn man sich ein eigenständiges Urteil bildet. Der Fürst oder der Klerus dürfen keine Rolle mehr spielen. Im philosophischen Fach an den Universitäten, das mittlerweile nur noch ein Hilfsfach war um die drei traditionellen Fakultäten Jurisprudenz, Medizin und Theologie herum – darf es keine Vorschriften geben und keine Zensur geben.

Immanuel Kant (Stich von Johann Leonhard Raab nach einem Gemälde von Gottlieb Döbler aus dem Jahr 1781) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Bertelsmann Lexikon Verlag)
Immanuel Kant (Stich von Johann Leonhard Raab nach einem Gemälde von Gottlieb Döbler aus dem Jahr 1781) picture-alliance / dpa - Bertelsmann Lexikon Verlag

Bei den Nachfolgern Kants wird es zum machtvollen Programm, die Philosophie zum Nucleus wissenschaftlicher Autonomie zu machen: das Selbstdenken, das Selbstforschen, die Verbindung von Lehre und Forschung an den Universitäten. Es geht um Wahrheitssuche, in die die Studierenden einbezogen werden sollen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte wird die Philosophie zum Kernfach der neuen modernen Universität. Die vielen Einzelwissenschaften, wie wir sie heute kennen, die Naturwissenschaften vorneweg, spalten sich ab. Die Physik, die vorher Naturphilosophie war, wird zu einer eigenständigen Disziplin. Ebenso die Geisteswissenschaften, schließlich auch die Sozialwissenschaften oder die Psychologie.

Philosophie heute 

Heute könnte man selbstkritisch sagen: Die Philosophie ist nur noch eine Restwissenschaft – nachdem ihre wichtigsten Bereiche ausgewandert sind. Die Frage seit der Vorsokratik – was ist die Natur und was gibt es dort? – ist heute Aufgabe der Physik. Woher stammt der Kosmos? Wie entwickelt er sich? – Aufgabe der Physik. – Was ist der Mensch? Diese Frage ist in den Neurowissenschaften angesiedelt oder in der biologischen Anthropologie. – Fragen nach der Gerechtigkeit: Damit beschäftigt sich vor allem die Rechtswissenschaft und die Rechtsphilosophie im Fach Jurisprudenz. Die Frage der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken, die Sprachphilosophie ist zu wesentlichen Teilen heute Linguistik, also Sprachwissenschaft geworden. Sogar die Computerwissenschaft beruht eigentlich auf der philosophischen Logik; einer Logik, die die Philosophen entwickelt haben.

Im Fach bleiben: die unlösbaren Fragen. Alles, was gut lösbar ist mit wohletablierten Methoden, das emanzipiert sich zu einer Einzelwissenschaft.

Interessant jedoch: Einige Fächer suchen wieder den Anschluss an die Philosophie. Viele Ökonomie-Nobelpreisträger – Amartya Sen, John Harsanyi und andere – sind zugleich Philosophen und Ökonomen.

Amartya Sen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Amartya Sen picture-alliance / dpa -

Zweitens: Sie ist Integrationswissenschaft. Das heißt sie versucht, die Wissenschaft als Ganze zusammenzuhalten, macht sich Gedanken über das wissenschaftliche Weltbild. In der Wissenschaftstheorie überlegt man: Was ist ein vernünftiges wissenschaftliches Argument?  

Drittens ist sie Orientierungswissenschaft. Sie gibt Orientierung z.B. in der Ethik, in der politischen Philosophie und anderen Disziplinen. Sie erörtert normative Fragen. Und schließlich gilt sie üblicherweise als eine der Geisteswissenschaften. Das ist nicht ganz unproblematisch, weil sie weder historisch noch philologisch ist, um diese beiden Hauptgruppen der Geisteswissenschaften zu nennen. Und sie hat enge Beziehungen zur Naturwissenschaft und zur Sozialwissenschaft; also ist diese Bezeichnung am ehesten irreführend.

Fähigkeiten, Begabungen, Interessen

Was sollte man für ein Philosophie-Studium mitbringen?

  • systematisches, logisches Denken
  • Sprachgefühl und grammatikalisches Verständnis
  • Sprachkenntnisse in modernen Fremdsprachen und alten Sprachen (Latinum, Graecum)
  • Ausdrucksfähigkeit, klar und präzise
  • Interesse an Mathematik
  • Urteilskraft
  • Bereitschaft, sehr viel zu lesen

Berufliche Perspektiven

Im unspezifischen Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften ist der Weg nicht klar vorgezeichnet. Die Zahl der Stellen an den Universitäten sind zu gering, als dass man fest damit rechnen könnt. Mögliche Tätigkeitsbereiche sind Verlage oder Erwachsenenbildungseinrichtungen. Auch Politikberatung kommt infrage oder die Marketing-Abteilungen von Unternehmen. Philosophen haben vor allem in den USA, aber zunehmend auch bei uns einen guten Ruf, was ihre Denkfähigkeit angeht. Gerade in den USA werden sie oft eingesetzt für Systemanalyse oder für Unternehmensberatung. Diesen Trend gibt es auch schon in Deutschland.

Besondere Qualifikationen, die sich von denen der Mitbewerber abheben, sind besonders wichtig. Deswegen empfehle ich, sich zusätzliche Interessengebiete anzueignen – z.B. durch ungewöhnlicher Doppelstudiengänge oder Hauptfach-/Nebenfach-Kombinationen wie Philosophie und Informatik, Physik oder eine Kulturwissenschaft. Wichtig sind auch Auslandsaufenthalte und vor allem sehr gute Fremdsprachenkenntnisse. Dann sind die beruflichen Perspektiven in der Philosophie nicht schlechter; tendenziell sogar besser als in anderen geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern wie etwa Germanistik, Anglistik oder Romanistik.

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