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Schlecht verwurzelt Stresstest für Bäume

Ist Ihnen in der Stadt schon einmal ein Baum entgegen gefallen? Wenn nicht, haben Sie Glück gehabt. Damit so etwas wirklich nur in absoluten Ausnahmefällen passiert, zum Beispiel bei einem schweren Orkan-Sturm, müssen Stadt-Bäume regelmäßig beschnitten werden. Baumprüfer und -pfleger in der Großstadt haben alle Hände voll zu tun, um die Standsicherheit der Straßen-Bäume zu gewährleisten.

Entwurzelte Platane am Hansaring in Köln

Entwurzelte Platane am Hansaring in Köln

In der Kölner Innenstadt fiel vor wenigen Wochen eine kerngesunde Platane auf den Zugang einer U-Bahn-Station. Jetzt sollen auch die restlichen Bäume im Umfeld dieses Baumes untersucht werden. So wird ein Baum vermessen, am Baum gezogen und eine genaue Standort-Analyse durchgeführt.

Stresstest für Bäume

Cecilia Sabatini ist Sachverständige im "Forstbetrieb für Baumpflege". Zusammen mit ihrem Kollegen, Knud Dunkhorst, führt sie sogenannte Zugversuche durch, um die Stand- und Bruchsicherheit der Bäume zu messen.

Befestigung des Gurtes

Befestigung des Gurtes

Dazu klettern sie auf den Baum und befestigen dort einen dicken Gurt an einer Astgabelung, sodass sie am Baum ziehen können. Am Stamm des Baumes, fast auf Bodenhöhe, werden Sensoren montiert, um den Kippwinkel der Wurzelplatte zu messen.

Die Baumprüfer wollen also herausfinden, ob die Wurzelplatte noch horizontal in der Erde liegt, oder ob sie schräg steht, sodass der Baum schon geneigt ist.

Das heißt, die Sensoren zeigen an, ob sich die Wurzelplatte beim Zugversuch verbogen hat und wie stark der ganze Baum zur Seite geneigt ist.

Gerüstet für den Orkan

Sensoren

Sensoren im Stamm

Oberhalb der digitalen "Winkel"-Mess-Sensoren bringt Knud Dunkhorst sogenannte "Dehnungs"-Mess-Sensoren an. Damit wird später im Zugversuch die "Bruchsicherheit" des Baumes gemessen. Sobald alle Mess-Daten vorliegen, können die Sachverständigen am Computer simulieren, wie sich der Baum bei Orkanwindstärke verhalten würde. Die Prüfer könnten dann zum Beispiel empfehlen, den Baum einzukürzen, um die Stand- und Bruchsicherheit zu erhöhen.

Wurzelversagen

Als der Baum am Kölner Hansaring am 11. Mai 2014 umstürzte, war es relativ windig in der Stadt. Die rund zwanzig Meter hohe Platane stand genau zwischen zwei Straßeneinmündungen.

Platanen-Allee am Hansaring in Köln

Platanen-Allee am Hansaring

Die Querstraßen haben die Wind-Böen so verstärkt, dass die Platane aus ihrem Wurzel-Bett gekippt ist. Erst jetzt hat man gesehen, warum der Baum umgefallen war: Natürlich sind wir rausgefahren und haben gesehen, dass dieser spezielle Baum keine ausreichende Wurzelmasse hatte, um sich bei diesem Windereignis vernünftig zu verankern. Sagt Johannes Stuffrein vom Grünflächenamt der Stadt Köln. Wenn Bäume umfallen, sei dies immer ein Standsicherheitsversagen und somit auch ein Wurzelversagen, so Stuffrein.


Hitze, Platzmangel und Hunde-Urin

Haltewurzel

Haltewurzel

Bäume in der Stadt sind vielen Stress-Faktoren ausgesetzt: Schlechte Luft, Trockenheit, Hitze oder Hunde-Urin. Auch Platzmangel ist ein Problem. Peter Schmidt, Gruppenleiter der "Abteilung für Baumangelegenheiten" beim Grünflächenamt, nennt Beispiele: Hier ist im Boden genauso viel Betrieb wie auf der Straße. Hier liegt alles voller Versorgungsleitungen, Kanäle. Schächte, Wasser, Strom. Wurzeln haben gar nicht den Platz, wie sie ihn eigentlich haben sollten. Das ist das Problem in der Stadt, Bäume zu pflanzen.


Mehr Platz für Wurzeln

Da, wo die Platane früher stand, verläuft unterirdisch die U-Bahn. Die Beton-Röhre liegt nur wenige Meter unter dem Gehweg. Wenn die Wurzeln also nach unten wachsen und versuchen, sich irgendwo festzuhalten und nach Wasser oder Nährstoffen suchen, ist spätestens an dieser Stelle Schluss.

Zugversuch

Prüfung der Bäume

Oder die Wurzeln suchen sich einen anderen Weg und wachsen dann eben oberirdisch anstatt unter der Erde. Besser sei es, meint Schmidt, man plane die Bäume von Anfang an bei jeder Baumaßname mit ein: Die Baumgruben relativ groß gestalten. Mittlerweile bringen wir pro Baumgrube bei Neupflanzung 12 qm³ Pflanzsubstrat ein. Das ist richtig viel im Verhältnis zu früheren Jahren. Da hat man für eine Baumgrube einen Meter mal einen Meter mal einen Meter ausgehoben und da den Baum reingesetzt. So was ist heute irreparabel.

Erhöhen kann man die Standsicherheit von Bäumen, die eine kleine Wurzel-Platte haben, indem man zum Beispiel die Blätter-Krone einkürzt. Die Zugversuche am Hansaring geben Rückschlüsse darauf, ob die Platanen beschnitten werden müssen und wenn ja, um wie viel.

Dehnungsübungen

Zugversuch

Zugversuch

In 500 Kilo-Schritten zieht Knud Dunkhorst mit dem Kettenzug an einer der Platanen. Gleichzeitig notiert seine Kollegin, Cecilia Sabatini, jeden einzelnen Mess-Wert der sieben Sensoren, die am Stamm montiert sind. Damit der Baum nicht verletzt wird, achtet sie genauestens darauf, dass keiner der Grenzwerte an den Winkel-Mess-Sensoren oder den Dehnungs-Mess-Sensoren überschritten wird.

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