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Ein Arzt mit Stethoskop

Medizinische Innovation Herztöne messen per Radar?

Weißer Kittel und Stethoskop um den Hals – das sind die Markenzeichen von Ärztinnen und Ärzten. Der weiße Kittel wird wohl noch lange die typische Berufskleidung bleiben, doch das Stethoskop könnte in einigen Jahren aus dem klinischen Alltag verschwinden. Herztöne messen, ohne den Patienten zu berühren – die Methode haben Forscher aus Erlangen und Cottbus entwickelt. Gut für die Überwachung von schwerkranken Patienten, schlecht für den Arzt-Patientenkontakt.

Wissenschaftler aus Erlangen und Cottbus haben eine alternative Methode zur Kontrolle der Herztöne entwickelt: mit Radartechnik. Das neue Verfahren könnte in Praxen und Kliniken vieles verändern, so die Bilanz eines aktuellen Artikels in "Scientific Reports".

Das Stethoskop bekommt also Konkurrenz: und zwar von einem neuartigen Radarsystem. Das funktioniert grundlegend anders als ein Stethoskop: Die Herztöne werden nicht akustisch erfasst, sondern als Vibrationen der Haut.

Radarmessung am Herzen

Schon winzigste Bewegungsänderungen kann das mobile Radargerät registrieren. Im Prinzip ist es die gleiche Methode wie bei Tempokontrollen im Straßenverkehr: Auch hier werden Radarwellen auf ein Objekt gerichtet und reflektiert.

FAU-Wissenschaftler des Lehrstuhls für Technische Elektronik haben ein Radarsystem entwickelt, das Herztöne berührungslos messen kann. (Bild: FAU/Kilin Shi)

Mit dem Radar können die Vitalfunktionen schwerkranker Patienten überwacht werden – und zwar anders als beim EKG ganz ohne störende Kabel

Statt auf ein Auto haben die Wissenschaftler ihr speziell konstruiertes Messgerät auf den Brustkorb von Patienten gerichtet. Stärke und Frequenz der Radarwellen geben Auskunft über die Herzfunktion. So kann die neue Methode selbst kleinste Abweichungen feststellen: Herzschwäche, verengte Gefäße oder undichte Herzklappen fielen in der jetzt veröffentlichten Studie zuverlässig auf.

Elektrotechniker und Palliativmediziner der Universität Erlangen haben den neuen Ansatz zusammen mit Kollegen der TU Cottbus entwickelt. Die Wissenschaftler sehen vor allem zwei entscheidende Vorteile gegenüber dem klassischen Abhören mit dem Stethoskop: Das funktioniert zwar schon lange einwandfrei, aber wie gut die Ergebnisse sind, hängt allein von der Erfahrung des abhörenden Arztes ab.

Keine Kabel mehr

Die Herzkontrolle per Radar dagegen liefert digitale und damit objektive Werte – der Mensch als Fehlerquelle scheidet aus. Außerdem lassen sich die Geräte nutzen, um die Vitalfunktionen schwerkranker Patienten zu überwachen – und zwar anders als beim EKG ganz ohne störende Kabel.

Auch die möglicherweise belastende Berührung durch Mess-Elektroden entfällt. Palliativmediziner hoffen, dass sie so Angehörige deutlich schneller informieren können, wenn der Tod eines Patienten bevorsteht.

Wahrscheinlich kann die Radarmessung auch Vorsorge-Untersuchungen zum Beispiel in Hausarztpraxen vereinfachen: Die Forscher halten automatisierte Herz-Checks schon im Wartezimmer für möglich. Auch im Büro oder zu Hause könnten Patienten den Herzradar eigenständig nutzen.

Ein Arzt prüft mit einem Stethoskop Atemgeräusche eines liegenden Patienten.

Wie gut die Ergebnisse mit einem Stethoskop sind, hängt allein von der Erfahrung des abhörenden Arztes ab

Auswertung aus der Ferne

Das ist allerdings eine Vision, die auch ihre Schattenseiten hat: der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient geht dabei immer mehr verloren. Der Arzt bleibt zwar entscheidend bei der Auswertung der Daten – aber er oder sie entscheidet dann häufig nur noch aus der Ferne.

Dabei gehen unter Umständen wichtige Informationen verloren: Wie ist der Gesamtzustand des Patienten, ist er blass, schweißgebadet oder verwirrt? Beim Abhören mit dem Stethoskop fallen all diese Dinge auf – die altmodische Lösung hat also immer noch viele Vorteile.

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