Energiewende

Statt Gas aus Russland eher Wasserstoff aus Marokko?

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Dunja Sadaqi

Weniger Gas, mehr grüner Wasserstoff. Das ist eins der Ziele Deutschlands bei der Energiewende. Ein Lieferant könnte Marokko sein. Das Land gilt als Vorreiter bei grüner Energie. Aber für Wasserstoff braucht es Wasser. Und das ist in Marokko knapp.

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Marokko – Vorreiter in Sachen grüner Energie

Im bergigen Norden Marokkos drehen sich Windräder, im Süden glänzen die Photovoltaikzellen eines der größten Solarfelder der Welt in der heißen Wüstensonne. Marokko gilt nicht nur in Afrika als Vorreiter in Sachen grüner Energie. Im Klimaschutz-Index 2022 belegt das Königreich Platz 8 – einen Spitzenplatz dicht hinter Ländern wie Schweden und Norwegen. Grüne Energie aus Wasser, Wind und Sonne – damit deckt Marokko heute schon 20 Prozent seines Energiebedarfs. Und das Land habe noch ambitionierte Pläne, sagt der marokkanische Energieexperte Rahal Lagnaoui:

“Es gibt mehr als 10 Stunden Sonnenschein pro Tag, manchmal 12 Stunden. Deshalb ist es auch Marokkos Ziel, den Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bis 2030 auf 52 Prozent zu erhöhen, im besten Fall sogar 86 Prozent zu erreichen. Gleichzeitig wächst der Energiebedarf in Marokko jährlich um 6 Prozent. Aber die Erneuerbaren Quellen reichen aus, um sowohl die lokale, als auch die Export-Nachfrage zu befriedigen, insbesondere die Nachfrage aus Europa mit den Verbindungen, die wir bereits jetzt beispielsweise auf der Ebene zwischen Marokko und Spanien haben, bald vielleicht mit Portugal und Großbritannien.”

Produktion von grünem Wasserstoff: Marokko will Weltmarktführer werden

Marokkos jüngste Ambitionen: zu einem Weltmarktführer bei der Produktion von grünem Wasserstoff zu werden – und der soll auch Deutschland bei der Energiewende helfen. So die Idee des deutsch-marokkanischen Wasserstoff-Abkommens. Im Königreich ist man mehr als willig – vor allem nachdem die diplomatische Krise zwischen Berlin und Rabat Anfang des Jahres offiziell beigelegt wurde. Das gemeinsame Projekt liege auch im Interesse marokkanischer Energiepolitik, sagt Badr Ikken vom staatlichen Forschungsinstitut für Solarenergie und neue Energien (IRESEN):

“Mit der Produktion von grünem Wasserstoff wollen wir vor allem die nationale Nachfrage befriedigen, einen Beitrag zur Dekarbonisierung unserer Wirtschaft leisten und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und den Import fossiler Energie verringern - und gleichzeitig  wollen wir einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wirtschaft von Partnerländern wie Deutschland leisten. Ein Export von grünem Wasserstoff kann auch unsere Energiewende mitfinanzieren.”

Trockenes Land: Meerwasserentsaltzung erfordert zusätzlichen Strom

Sebastian Vagt von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in der Hauptstadt Rabat sieht die Wasserstoff-Pläne allerdings kritisch. Immerhin sei Marokko ein wasserarmes Land: 

„Eine der Komponenten bei der Herstellung von Wasserstoff ist Wasser“. Und dieses Wasser muss Marokko durch Meerwasserentsalzung gewinnen. Dazu braucht man wieder zusätzlich erneuerbaren Strom. Das heißt für ein trockenes Land wie Marokko: Um eine Einheit grünen Wasserstoff zu produzieren, braucht man überproportional viel Energie. Das heißt für Marokko ist es sehr aufwendig und teuer diesen grünen Wasserstoff zu produzieren.”

Gefahr: von der rechten in die linke Tasche wirtschaften

Auch dafür baut Marokko neue Meerwasserentsalzungsanlagen im ganzen Land. An solchen Projekten beteiligen sich die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die deutsche Entwicklungsbank KfW.

Doch Marokko investiert weiterhin in fossile Brennstoffe: 2018 wurde ein neues Kohlekraftwerk in der südwestlichen Küstenstadt Safi in Betrieb genommen, zurzeit laufen außerdem Bauarbeiten mit dem Öl- und Gasriesen Nigeria für eine Erdgaspipeline an der westafrikanischen Küste entlang. Das trübe Marokkos Bild als Klima-Champion, sagt Sebastian Vagt von der Friedrich-Naumann-Stiftung – und das mache die Wasserstoff-Partnerschaft mit Deutschland zu einem zweischneidigen Schwert:

“Heute wird ein Fünftel des marokkanischen Strombedarfs mit Erneuerbaren gedeckt, bis 2030 möchte Marokko die Hälfte seines Strombedarfs damit decken. Allerdings nur die Hälfte. Das müssen wir im Kopf behalten, wenn wir erneuerbaren Strom aus Marokko importieren wollen – das heißt nämlich auch, dass dieser Strom Marokko dann fehlt und dieser Strom dort mit fossilen Energien ersetzt werden muss. Das heißt, da besteht das Risiko, dass wir zwar grünen Wasserstoff aus Marokko kriegen und klimaneutral werden, Marokko dafür aber umso mehr Kohle und Gas verfeuert. Klimapolitisch insgesamt wirtschaften wir da von der rechten in die linke Tasche.”

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