Bitte warten...

Stadt, Macht & Geld Wem gehören Deutschlands Städte?

In deutschen Städten wird viel gebaut. Doch es sind vor allem repräsentative Geschäftsgebäude und ebenso großzügige wie teure Eigentumswohnungen, die hochgezogen werden. Bezahlbarer Wohnraum für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen wird immer knapper.

Die Skyline der Stadt Frankfurt

Die Skyline der Stadt Frankfurt

In vielen deutschen Städten fürchten Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen, sich die Miete und damit das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten zu können. München gilt mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von fast zehn Euro als teuerste Stadt Deutschlands, gefolgt von Stuttgart, Köln und Frankfurt am Main. Während Großstädte früher Einwohner ans Umland verloren und Stadtflucht ein Problem war, lässt sich seit einiger Zeit der gegenteilige Trend beobachten: immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Und dieser Trend hält trotz steigender Mieten an, sagen Stadtsoziologen.

Moderne Landflucht

Eine wichtige Kraft in dieser Entwicklung sind oftmals die Frauen, weil diese ihre Berufstätigkeit in der Stadt viel besser organisieren können. Die Wege sind kürzer, die Kinderbetreuung vielseitiger und dementsprechend führt das sich ändernde Geschlechterverhältnis auch dazu, dass es wieder eine Zurückbewegung in die Städte gibt.

Die Mieten steigen, aber die Renten nicht

Die Mieten steigen, aber die Renten nicht

Aber auch für ältere Menschen sind Städte wieder attraktiv geworden. Sie bieten dicht getakteten öffentlichen Nahverkehr und eine gute Anbindung an öffentlichen Fernverkehr, bessere Gesundheitsversorgung, ein breites Angebot an Dienstleistungen und ein reiches Kulturleben.

Unbezahlbare Mieten

Die Forderung alle Lebensbereiche zu privatisieren, wie sie Befürworter einer neoliberalen Wirtschaftsordnung vertreten, hat Folgen für Städte und ihre Bewohnerstruktur.

Gentrifizierung verschärft finanzielle Unterschiede

Gentrifizierung verschärft finanzielle Unterschiede von Familien

Wenn öffentliche Flächen an Investoren verkauft werden, wenn auf ehemals städtischen Grundstücken kommerzielle Prestigeprojekte entstehen, haben Stadtparlamente kaum noch Spielraum, gestaltend eingreifen zu können. Gerade in Städten wie Frankfurt, Stuttgart, München aber beklagen angestammte Bewohner bereits den Prozess dieser Verdrängung. Sie sehen sich konfrontiert mit den negativen Folgen der Aufwertung, der Gentrifizierung. Sie ist für viele Städter zu einem Reizwort geworden. Gentry bedeutet im Englischen „niederer Adel“.

Schlechte Aufwertung

Am Anfang wird Aufwertung von vielen gern gesehen. Deshalb sei es auch so schwierig, etwas dagegen zu tun. Wenn heruntergekommene Straßenzüge saniert werden, wird ein Viertel schließlich attraktiver und zieht neue Bewohner an. Ein erwünschter Effekt.

Blick vom Messeturm auf den Stadtteil Westend von Frankfurt am Main

Blick vom Messeturm auf den Stadtteil Westend von Frankfurt am Main

Doch ab wann also wird Aufwertung zum Problem? Wenn sich die Bewohnerstruktur verändert, wenn Mietwohnungen in großem Stil in Eigentumswohnungen umgewandelt werden und plötzlich eine soziale Schicht dominiert und die Vielfalt verloren geht, droht auch der Reiz der Stadt verloren zu gehen. Denn Stadt ist immer auch eine Verheißung gewesen: von individueller Freiheit und anderen, neuen Lebensformen.

Idee der Stadt

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte die „Charta von Athen“ maßgeblich den Städtebau. Die 1933 unter Federführung des Architekten Le Corbusier formulierten Richtlinien empfahlen die räumliche Trennung von u.a. Wohnen, Arbeiten und Erholen.

AlterStich: Marktplatz von Bremen

Ein historischer Stich: Marktplatz mit Rathaus im historischen Bremen

Zum wohlfahrtsstaatlichen Modell der Nachkriegsjahre gehörte es aber auch, eine Stadt zu schaffen, in der Menschen mit kleinem Einkommen leben konnten. Wie Menschen in verschiedenen historischen Epochen städtische Räume gestaltet haben, gibt Aufschluss über das Selbstverständnis einer Gesellschaft und ihre Fähigkeit zur Toleranz. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, orientiere sich Raum- und Stadtplanung in erster Linie an den Bedürfnissen einkommensstarker Gruppen.

Deutschland, ein Mieterland

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, Frankreich oder Großbritannien zum Beispiel, ist Deutschland ein Mieterland: etwa zwei Drittel der Stadtbewohner wohnen hierzulande zu Miete.

Die Stadt ist ein wichtiger Lebensraum für Soziales und Kultur

Die Stadt ist ein wichtiger Lebensraum für Soziales und Kultur

Heute führt jedoch die Finanznot der Kommunen dazu, dass auch die letzten innerstädtischen Grundstücke verkauft werden. Die Städte sind bis auf wenige Ausnahmen kaum noch in der Lage, ihre eigenen Aufgaben einigermaßen zu erfüllen und haben so gut wie keinen Spielraum, um etwas selbst zu gestalten. Es gibt andere europäische Länder, in denen die Kommunen im Rahmen einer dritten Kammer unmittelbar Einfluss nehmen können auf die Gesetzgebung. In Deutschland gibt es zwar den deutschen Städtetag, den Städte- und Gemeindebund und den Landkreistag. Verglichen mit dem sonstigen Politikbetrieb sind diese jedoch an vielen entscheidenden Punkten zu schwach aufgestellt.

Auch reichen Vierteln fehlt es an Lebendigkeit

Es gibt eine Phase, in der ein Quartier sehr unterentwickelt ist. Nach dieser ersten Phase beginnt eine langsame Durchmischung und kippt in dem Moment, wenn man plötzlich wieder ein homogenes, in diesem Fall reiches, Quartier hat.

Ein Viertel im Fokus

Ein Viertel im Fokus

In beiden Fällen ist somit die Homogenität das eigentlich Problematische, wenn sich nur noch Reiche den Standort leisten können oder nur noch Investoren aus dem Ausland in einem Viertel präsent sind. Das ist für die gesamte Stadt eine schwierige Entwicklung, weil nicht mehr das, was Stadt ausmacht, nämlich die Vielfalt der Lebensformen und der Lebenssituationen, zusammenkommt

Wiedervermietungsmieten steigen dramatisch

Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist überall in der Stadt spürbar. Der Ballungsraum Rhein-Main erfährt eine ähnliche Entwicklung wie viele andere wirtschaftsstarke Ballungsräume.

Keine Namen, sondern Nummern

Keine Namen, sondern Nummern

Die Menschen spüren das, sie spüren es bei den Bestandsmieten und den Mieterhöhungen. Viel stärker ist die dramatische Entwicklung aber zu sehen bei Wiedervermietungsmieten. Wenn eine Wohnung leer wird und ein neuer Mieter einzieht, ist es in vielen Fällen üblich, dass 30 Prozent mehr gefordert wird an Miete als der vorhergehende Mieter gezahlt hat. Zum Teil gehen solche Mieterhöhungen sogar bis zu 50 Prozent. Das ist für die meisten Menschen überhaupt nicht mehr bezahlbar.

Das Erbe der Stadt

An die eigentliche Aufgabe von Stadtplanung, an die Verpflichtung nämlich künftigen Generationen die Stadt als Erbe zu übergeben, erinnert der französische Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Derrida in seinem Aufsatz „Generationen einer Stadt“:
„Katastrophal wird eine Stadtplanung immer dann, wenn sie alle Probleme in der Zeit einer Generation meint lösen zu können und den künftigen Generationen nicht als ihr Erbe die Zeit und den Raum geben will, und dies eben deshalb, weil die, die Bescheid wissen, die Architekten und Stadtplaner, im Voraus zu wissen glauben, wie es morgen aussehen muss und so die ethisch-politische Verantwortlichkeit durch ihre technisch-wissenschaftliche Programmierung ersetzen.“

Weitere Themen in SWR2