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Sprechende Medizin Wie Ärzte mit Patienten reden sollten

"Sie haben eine Zeitbombe in Ihrer Brust." "Es geht rasch mit ihnen bergab." "Der Todesengel schwebt über Ihnen." - Wenn Mediziner Diagnosen oder Behandlungsschritte so unbedacht formulieren, kann das Patienten in helle Aufruhr versetzen. Doch mehr und mehr setzt sich die Einsicht durch, dass unsensible Äußerungen und mangelnde Kommunikation zwischen Arzt und Patient die Heilung erschweren.

Ärzte in OP-Kitteln mit Spritzen beugen sich über Patienten

Willkommen in der Praxis

Der berühmte amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown zeigt in seinem Buch "Die verlorene Kunst des Heilens" wie verheerend ein unnahbarer Umgang und ein gedankenlos dahingeworfenes Wort auf kranke Menschen wirken können. Und wie wichtig es ist, dass und wie Ärzte mit ihren Patienten – und mit ihren Kollegen – sprechen. Weil der Verlauf einer Krankheit und die Gesundung stark davon abhängen, wie Ärzte und Patienten miteinander umgehen, stehen in der Medizinerausbildung mittlerweile auch "kommunikative und soziale Kompetenzen" auf dem Programm.

Das Wort verwundet leichter, als es heilt.

Spiele mit Sprache

Sorgfältige Sprache hilft kranken Menschen

Eigentlich wissen Ärzte, wie wahr dieser Satz von Johann Wolfgang von Goethe ist. Kranke wollen nicht bloß in eine Röhre geschoben und auf Entzündungswerte oder Gerinnungsfaktoren reduziert werden. Sie möchten als Mensch ernst genommen und gehört werden. Gerade weil sie in einem seelischen und emotionalen Ausnahmezustand und dadurch besonders dünnhäutig sind, treffen manche Worte sie mit voller Wucht. Oft lösen unbedachte Äußerungen eines Arztes tiefgreifende Irritationen bei Patienten aus. Manche wirken fast zynisch, andere sind einfach unsensibel.

Im Laufe seines Berufslebens führt ein Arzt etwa 200.000 Gespräche, in denen er sich mit unterschiedlichsten Menschen und deren körperlichen Beschwerden beschäftigen muss.

Kassenpatienten warten

Arztgespräch beeinflusst Heilungserfolg

Häufig aber verdienen die Begegnungen im Sprechzimmer und am Krankenbett nicht wirklich die Bezeichnung "Gespräch". Statistiken zufolge werden Patienten durchschnittlich schon nach etwa 15 Sekunden unterbrochen. Viele Ärzte widmen sich während des Gesprächs gleichzeitig noch irgendwelchen Karteikarten oder dem Computer. Und viel zu oft stellen sie sogenannte geschlossene Fragen, die der Patient möglichst mit Ja oder Nein, zumindest aber schnell in ein paar Worten, beantworten soll.

Wie fühlen Sie sich?

Eigentlich ist bekannt, dass offene Fragen wie "Wie fühlen Sie sich?" oder "Wie kommen Sie mit dem Medikament zurecht?" mehr Informationen und mehr Wünsche eines Menschen zutage fördern. Der Psychosomatiker Stephan Zipfel betont, wie wichtig es ist, dass ein Arzt zuhört – und nicht verhört. Im schlimmsten Fall nämlich drohen Fehldiagnosen, die den Therapieerfolg gefährden.

Tabletten

Viele Patienten nehmen aus Verunsicherung ihre Medikamente nicht ein

Allerdings schneiden die meisten Ärzte ihren Patienten nicht aus Desinteresse das Wort ab. Sie handeln unter Zeitdruck und Überlastung – weil das Wartezimmer bis auf den letzten Platz besetzt ist oder am Krankenbett schon wieder der Piepser ruft. Für Medizinethiker liegt es letztlich an unserem Gesundheitssystem, dass kranke Menschen oft nicht ausreichend betreut werden. Alleine dadurch, dass viele Patienten aus Verunsicherung ihre Medikamente nicht einnehmen, gehen die Schäden für das System in die Milliarden. Eine weitere Tatsache nämlich ist: Nur etwa die Hälfte von dem, was Ärzte über Diagnose und Therapie erzählen, verstehen die Patienten medizinisch richtig. Und von dem, was überhaupt ankommt, haben sie nach 30 Minuten ebenfalls wiederum die Hälfte vergessen.

Das habe ich nicht verstanden

Es ist nachgewiesen, dass zwar die sprachlichen Äußerungen der Patienten regelmäßig in die medizinische Fachsprache übersetzt werden, die medizinischen Termini hingegen viel seltener in die Sprache des Patienten. Viele Patienten müssen das Fachchinesisch der Ärzte oft erst übersetzen lassen.

Arzt mit Stethoskop und Schriftzug "http://www."

Wer erklärt mir, was ich habe?

Das können sie zum Beispiel im Internet, auf der Webseite "Washabich.de", oder auch bei Menschen wie Ulla Kaspar-Kroymann von der Unabhängigen Patientenberatung in Tübingen. Sie weiß, wie wichtig eine gemeinsame sprachliche Basis ist.

Ärzte müssen Patienten über mögliche Nebenwirkungen und andere Risiken unterrichten, damit diese eine informierte Entscheidung treffen können. Aber viele Patienten sind überfordert von Aufklärungsbögen, Fallzahlen und Beipackzetteln. Statt Klarheit herrscht dann Verstörung. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass bei Patienten Krankheitssymptome auftreten oder sich verschlimmern können, nur weil sie wegen der Äußerungen von Ärzten etwas Negatives erwarten. Auch gut gemeinte Informationen können auf den Magen schlagen. So ist vielen Krebspatienten schon vor einer Chemotherapie übel – aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen. 2012 berichtete eine Gruppe um den Saarbrücker Internisten Winfried Häuser im Deutschen Ärzteblatt über Nocebophänomene. Nocebo ist das Gegenstück zum Placebo und bedeutet wörtlich: Ich schädige.

Das wird jetzt weh tun

Baby mit EEG-Messinstrumenten am Kopf

Medizinische Prozeduren brauchen das Vertrauen des Patienten

Eine Studie bei radiologischen Punktionen zeigte, dass Angst und Schmerz der Patienten verstärkt wurden, wenn in der Ankündigung der Maßnahme oder mitfühlenden Äußerung negative Worte wie "stechen", "brennen", "wehtun", "schlimm" oder "Schmerz" enthalten waren. Interessanterweise schädigten bei diesen Beispielen nicht so sehr fachliche Erklärungen, sondern Worte, die gerade durch ihre Anschaulichkeit unter die Haut gehen.
Die Autoren empfehlen deshalb eine Wortwahl, die das Lindernde, Heilsame, Unterstützende betont. Ärzte sollten zum Beispiel bei der Besprechung von Medikamenten sagen: "Die meisten Patienten vertragen die Maßnahme sehr gut" - und nicht die fünf Prozent zum Thema machen, bei denen Nebenwirkungen auftreten.

Kommunikationstraining mit Schauspieler-Patienten oder Rollenspiele im Medizinstudium und Curricula der psychosomatischen Grundversorgung vermitteln die Fähigkeit, die "Macht" der Worte des Arztes gezielt und hilfreich für den Patienten zu nutzen.

Studenten im Hörsaal

Medizinstudenten lernen jetzt auch sprechen

Die Fähigkeit, positive Suggestionen zu geben und negative zu vermeiden, sollte auch in der Pflegeausbildung vermehrt berücksichtigt werden. Seit 2002 sind "kommunikative und soziale Kompetenzen" in die Zulassungsordnung für Ärzte aufgenommen. Mittlerweile sind sie an den meisten deutschen Universitäten Teil der Ausbildung, in Heidelberg und Ulm genauso wie in Berlin und Göttingen. Schließlich muss ein Notfallgespräch, eine Krankheitserhebung oder eine Impfberatung genauso professionell ablaufen wie das manuelle medizinische Handwerk.

Ich bin mein eigener Internet-Arzt

Das Selbstbestimmungsrecht der Patienten ist heute das entscheidende Kriterium für ärztliche So steht es im Patientenrechtegesetz – und hat somit Einfluss auf die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Vor allem, weil sich die Einstellung und das Selbstbewusstsein der Patienten in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben.

Frau sitzt am PC und hält sich die Hände an den Rücken

Bei Schmerzen im Internet nachschlagen

Ein Phänomen aber ändert die Arzt-Patienten-Beziehung und ihre Kommunikation von Grund auf: Immer mehr Patienten nämlich informieren sich mittlerweile im Internet und bringen massenweise Ausdrucke von "Dr. Google" mit. Erste Studien weisen zwar darauf hin, dass gut informierte Patienten weniger Kosten verursachen, weil sie sich oft für weniger riskante und damit meist kostengünstigere Therapien entscheiden. Aber das Internet kann die persönliche Beziehung und das klärende Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen – und auch nicht den Arzt.

Augenhöhe kann und muss sich auf den Respekt, auf die menschliche Kommunikationsebene zwischen Arzt und Patient beziehen. Und da hat sich schon ein großer Wandel vollzogen, auf Seiten der Patienten ebenso wie auf Seiten der Ärzte.

Doktor mit Aktenblatt

Auf Augenhöhe mit den Göttern und Göttinnen in Weiß

Im 20. Jahrhundert – und in manchen Praxen ist es heute noch so – entschied allein der autoritäre, unantastbare "Herr oder Frau Doktor", der "Halbgott oder die Halbgöttin in Weiß", welche Therapie die richtige ist. Die Kranken nahmen eine passive Rolle ein. Dieser Typus des Mediziners wird jetzt abgelöst vom Teamplayer mit medizinischen und kommunikativen Kompetenzen. Dass hier endlich alle ins Blickfeld rücken, die an der Behandlung eines Kranken beteiligt sind, ist bitter nötig.

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