Sprachtherapie nach Schlaganfall Auch spätes Training hilft

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SWR2 Campus

Viele Schlaganfall-Patienten leiden unter einer chronischen Sprachstörung - einer sogenannten Aphasie. Eine Studie beweist jetzt: Ein intensives Sprachtraining kann helfen - auch noch Jahre später. Ein Gespräch dazu mit der Medizinredakteurin Ulrike Till.

Was ist das Besondere an dieser Studie?

Diese neuen Daten sind deshalb so wichtig, weil Neurologen und Neurologinnen schon lange beobachten, dass auch ein spätes intensives Sprachtraining Schlaganfallbetroffenen hilft. In den Leitlinien zur Behandlung wird dies deshalb auch ausdrücklich empfohlen.

Die Krankenkassen weigern sich aber bisher meist, so ein aufwendiges Programm zu bezahlen – und berufen sich darauf, dass es keine wissenschaftlichen Belege für den Nutzen gibt. Genau diesen wissenschaftlichen Beweis haben nun neurologische Studien an 19 Zentren in Deutschland erbracht.
Unter Federführung der Uni Münster wurden 156 Patienten mit Aphasie, also eingeschränkter Sprachfunktion, behandelt. Bei allen lag der Schlaganfall mindestens ein halbes Jahr zurück.

Zeichnung Kopf mit Gehirn, gesunde und verstopfte Arterien (Foto: © Colourbox.de -)
Zeichnung eines Kopfes mit gesunden und verstopften Arterien © Colourbox.de -

Eine Gruppe davon bekam drei Wochen lang ein intensives Sprachtraining mit zehn Übungsstunden pro Woche; die andere Gruppe blieb unbehandelt. Die Probandinnen und Probanden mit dem Spezialtraining konnten anschließend wieder deutlich besser kommunizieren, bei den anderen gab es keinen Fortschritt.

Mit welchen Übungen haben die Wissenschaftler das erreicht – was genau heißt "intensives Sprachtraining"?

Das sind ganz unterschiedliche Übungen, die zudem individuell an die einzelnen Patientinnen und Patienten angepasst werden. Weil viele Betroffene auch simple Alltagsgegenstände nicht mehr benennen können, bekommen sie zum Beispiel Bilder von Objekten gezeigt, und üben dann das dazu passende Wort: Stuhl, Zeitung, Radio, Kühlschrank.

Oder sie müssen in einem Lückentext fehlende Worte ergänzen. Neben solchen linguistischen Übungen gibt es auch ein "kommunikativ pragmatisches" Training: Die Patientinnen und Patienten lernen, einer anderen Person zentrale Informationen über sich selbst zu vermitteln, ihren Namen, ihr Alter, ihre Adresse – im Alltag eine ganz wichtige Fähigkeit, wenn Menschen nach einem Schlaganfall alleine unterwegs sind.
Am Ende stehen komplexe Rollenspiele, zum Beispiel einen reservierten Sitzplatz in der Bahn einzufordern oder nach dem Weg zu fragen.

Wie viel haben die Übungen denn tatsächlich gebracht, ist da ein Sprung von sprachlos auf flüssig redend möglich?

Nein, Wunder darf man sich von so einem dreiwöchigen Intensivtraining nicht erwarten, aber der Fortschritt war auf jeden Fall so deutlich, denn die Betroffenen kamen hinterher im Alltag spürbar besser zurecht. Es haben auch nur Patienten und Patientinnen teilgenommen, die zumindest auf einer ganz einfachen Ebene noch Sprache verwenden konnten.

Bei den Rollenspielen in verschiedenen Situationen gab es eine Verbesserung von durchschnittlich 30 Prozent. Dass das nicht nur Laborwerte sind, zeigen die positiven Rückmeldungen der Probandinnen und Probanden selbst und ihrer Angehörigen.

Es ist auch denkbar, dass ein längeres Training noch mehr bringt, oder dass man es immer mal wiederholen muss – das müssten weitere Studien zeigen.
Bei manchen der Behandelten war der Schlaganfall sogar bereits Jahre her. Dass sich auch bei ihnen deutliche Effekte zeigen, liegt daran, dass sich beim Training im Gehirn neue Verschaltungen bilden: Andere Teile des Gehirns übernehmen die Aufgaben des Bereichs, der beim Schlaganfall geschädigt wurde.
Diese Fortschritte bleiben langfristig erhalten – ein halbes Jahr nach dem Ende des Programms waren die Erfolge jedenfalls noch erkennbar.

Wie weit ist das denn vom klinischen Alltag entfernt – viele Schlaganfallpatientinnen und –patienten bekommen doch auch jetzt schon Sprachtraining verordnet?

Ja, aber viel zu wenig. In den Leitlinien werden mindestens fünf Stunden pro Woche empfohlen. Das ist Studien zufolge die absolute Untergrenze, erst dann bringen die Übungen etwas. In der Realität bekommen die meisten Betroffenen nach einem Schlaganfall aber nur rund eine Stunde pro Woche.

Jetzt könnte man sagen, das ist besser als nichts, aber die Leiterin der aktuellen Lancet-Studie Dr. Caterina Breitenstein hält so ein Minimaltraining für komplett nutzlos, dann könne man es auch gleich ganz sein lassen, so ihre Aussage. Höchstens als Auffrischung und zum Erhalt des Erfolgs nach einer Intensivtherapie könnte gelegentliches Üben sinnvoll sein, aber dazu gibt es bisher keine Untersuchungen.

Die aktuelle Studie hat ja ein Sprachtraining ab sechs Monaten nach einem Schlaganfall untersucht – was weiß man denn über den Nutzen von frühzeitigem Training, vielleicht sogar gleich in den ersten Wochen?

Da fehlen im Moment noch aussagekräftige Studien. Aus Tierexperimenten weiß man jedoch, dass in den ersten vier Wochen nach dem Schlaganfall noch viele neurotoxische Prozesse im Gehirn ablaufen. Während dieser Schädigung von Nervenzellen scheint es sinnvoll, das Gehirn nicht zu vielen Reizen auszusetzen.

Häufig kommt es in den ersten Wochen auch zu einer Spontanerholung. Trotzdem empfehlen Sprachtherapeuten, schon in der Akutphase mit dem Training zu beginnen – aber wann genau der ideale Zeitpunkt ist, ist umstritten.

Und es ist sehr aufwendig, eine Antwort zu finden: Man müsste zum Beispiel eine Gruppe von Patientinnen und Patienten gleich von Anfang an behandeln, eine andere nach einem Monat und eine weitere zum Beispiel nach drei Monaten – und dann die Ergebnisse vergleichen.

Mindestens genauso wichtig wie die Frage nach dem Wann ist die nach dem Wer – ein hochintensives Sprachtraining nach einem Schlaganfall bieten im Moment nämlich nur einige der Schlaganfallzentren und ein paar ausgewählte Reha-Einrichtungen an; bei niedergelassenen Logopädie-Praxen finden Patientinnen und Patienten bisher kaum geeignete Angebote.

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