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Sportwetten – Milliardengeschäft mit Suchtpotenzial

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Über neun Milliarden Euro haben Spieler im Jahr 2019 auf Sportereignisse gewettet. Viele glauben, dank ihres Fachwissens Ergebnisse vorhersagen zu können. Und werden süchtig.

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Es gibt über 180.000 krankhafte Glücksspieler und Glücksspielerinnen in Deutschland. So die Zahl einer repräsentativen Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2017.

Markt für Sportwetten ist gigantisch

Wie viele Menschen darunter konkret süchtig nach Sportwetten sind, wurde nicht erhoben. Immerhin sieben Prozent der Befragten gaben an, schon einmal in ihrem Leben an Sportwetten teilgenommen zu haben. Dies entspricht rund vier Millionen Deutschen.

Der Einstieg erfolgt meist über das Interesse am Sport. Pferdenarren setzen auf Pferderennen. Fußball-Fans auf ihren Lieblingsclub. Der Markt für Sportwetten ist gigantisch. 40 Milliarden Euro haben Spieler im Jahr 2018 weltweit allein auf die Deutsche Bundesliga gewettet, so die offiziellen Zahlen der Deutschen Fußballliga. Der Umsatz von Sportwetten in Deutschland steigt seit Jahren. Im Jahr 2013 lag er bei knapp vier Milliarden Euro, im Jahr 2017 hatte er sich schon verdoppelt auf fast acht Milliarden. 2019 schließlich haben Spieler in Deutschland etwas mehr als 9,3 Milliarden Euro bei Sportwetten gesetzt. Diese Zahlen basieren auf den Werten des Bundesfinanzministeriums. 

Online-Sportwetten und Internet-Casinos ab März 2021 unter Auflagen erlaubt

Das Internet-Geschäft ist besonders tückisch: Es befriedigt das Bedürfnis der Süchtigen, ihre Erregung aufrechtzuerhalten, indem sie schnell und immer wieder wetten. Innerhalb von Sekunden können sie auf Ereignisse eines laufenden Spiels setzen: auf die nächste Ecke, die nächste gelbe Karte, das nächste Tor.

Online-Spielsucht (Foto: SWR)
Gewinner sind immer die Online-Anbieter von Sportwetten

Lange waren in Deutschland Internet-Glücksspiele verboten. Deshalb erwarben die Anbieter ihre Lizenz eben im Ausland und zahlten dort Steuern – beliebt sind Konzessionen in Malta oder Gibraltar. Im Herbst März 2020 haben sich die Bundesländer nach jahrelangem zähen Ringen auf den „dritten Glücksspieländerungsstaatsvertrag“ geeinigt. Er soll Online-Sportwetten und Casinos im Internet unter Auflagen erlauben. Außerdem erlaubt er mehr als die bisher zugelassenen 20 Glücksspiel-Anbieter. Der neue Vertrag soll Mitte 2021 in Kraft treten.

Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag wird Werbung für Sportwetten mit aktiven Sportlern und Funktionären unzulässig sein. So steht es im Ersten Abschnitt des Vertragswerkes unter Paragraph 5, Artikel 3.

Die wesentlichen Punkte des neuen Glücksspielstaatsvertrags

  • Online-live-Wetten sollen beschränkt werden.
  • Sportwetten-Anbieter müssen sicherstellen, dass Minderjährige sich nicht anmelden und wetten können.
  • Das Einzahlungslimit eines Spielers soll auf 1.000 Euro pro Monat beschränkt werden – und zwar übergreifend für alle Anbieter.
  • Dafür soll eine zentrale Anbieter übergreifende Sperrdatei eingerichtet werden.
  • Eine Glücksspielbehörde mit Sitz in Sachsen-Anhalt soll diese neuen Regeln überwachen.

Bundesländer verdienen mit

Bestimmte Sportwetten-Angebote sind in Deutschland legal: Produkte des Deutschen Lotto- und Totoblocks, Oddset.

Für jede Sportwette im Inland müssen die Anbieter fünf Prozent Wettsteuer abführen. Diese Einnahmen werden auf die Länder aufgeteilt. Baden-Württemberg hat im Jahr 2018 gut 56 Millionen Euro eingenommen, fünf Jahre zuvor waren es nur 32 Millionen. Auch Rheinland-Pfalz konnte seine Einnahmen aus den Sportwetten innerhalb von fünf Jahren fast verdoppeln. 2013 waren es 19 Millionen Euro, 2018 schon 33 Millionen.

Die Bundesländer gehen nicht gegen Sportwetten-Anbieter vor. Sie verdienen mit.

Wettanbieter – Sponsoren für deutsche Spitzenteams

Zahllose Vereine haben heute Wettanbieter als Sponsoren und folglich dessen Logo auf dem Trikot. Einige Beispiele: Sponsor des VFB Stuttgart ist Betano Sportwetten, "bwin" unterstützt den BVB Dortmund, tipico die Bayern, betway ist Top-Sponsor des SV Werder Bremen.

Der ehemalige Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Oliver Kahn wirbt für den Wettanbieter tipico seit 2012. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag wird Werbung für Sportwetten mit aktiven Sportlern und Funktionären unzulässig sein.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der ehemalige Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Oliver Kahn wirbt für den Wettanbieter tipico seit 2012. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag wird Werbung für Sportwetten mit aktiven Sportlern und Funktionären unzulässig sein. Picture Alliance

Die Anbieter von Sportwetten wissen, wie sie Neukunden den Einstieg ins Glücksspiel versüßen. Sie ködern sie mit Geschenken. 100 Euro Bonus bieten fast alle, einige locken mit bis zu 500 Euro. Das Prinzip ist einfach: Wer 100 Euro setzt, erhält 100 Euro obendrauf.

Außerdem suggerieren die Sportwetten-Anbieter, dass "echte Experten" mit Wetten sogar Geld verdienen könnten. Doch zahlreiche Studien haben gezeigt, dass es keinen Unterschied macht, ob Laien oder Experten tippen. Es bleibt Glückssache.

Der Irrglaube, das Spiel unter Kontrolle zu haben

Dennoch versprechen Wettanbieter, dass Spielerinnen und Spieler mit gutem Fachwissen beim Wetten auf Sportergebnisse Geld verdienen können. Diesem Irrglauben unterliegen einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zufolge besonders aktive Sportlerinnen und Sportler.

Nach jahrelangen Verhandlungen scheinen sich die Bundesländer auf einen Glücksspielstaatsvertrag mit verbindlichen Vorgaben geeinigt zu haben. Er soll 2020 in Kraft treten. Daneben ist Aufklärung wichtig – gerade in Sportvereinen.

Spielsüchtige fallen nicht auf

Glücksspieler riechen nicht nach Alkohol, haben keine leeren Bierflaschen im Spind und keine Nadelstiche in den Armen. Sie haben in der Regel einen Schulabschluss und sind in Arbeit. Sie können ihre Sucht lange vor Angehörigen und Freunden verbergen. Und im Schnitt 25.000 Euro Schulden anhäufen, wie Dr. Wolfgang Kursawe von der Fachstelle Glücksspielsucht berichtet.

Aufklärung ist wichtig

Gerade in Sportvereinen ist Aufklärung wichtig. Dort findet oft der Einstieg in die Sucht statt, wenn nach dem Sport in geselliger Runde Tipps und Prognosen über das Abschneiden der Lieblingsvereine ausgetauscht werden. Denn wenn regelmäßig gewettet wird, kann sich daraus ein pathologisches Verhalten entwickeln.

Bisher bietet lediglich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Broschüren zum Thema an: auf Deutsch, Russisch, Türkisch und einigen weiteren Sprachen. Mit einem Fragebogen im Netz kann jeder selbst feststellen, ob sein Wettverhalten bereits problematisch ist.

SWR 2019/2020

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