Kinder sitzen an Rechnern (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Spielend lernen PC-Games im Unterricht

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SWR2 Wissen. Von Franziska Glatt

In Deutschland leisten Lehrer Pionierarbeit, wenn sie Computerspiele als Unterrichtsmedium einsetzen. Die Überzeugungstäter benutzen die "Freizeitgestalter" als spielerischen Lernmotor, ziehen mit ihnen weniger beliebte Themen neu auf oder programmieren mit den Schülern gleich eigene Spiele. Inwieweit kann der Einsatz von Computerspielen den Schulalltag bereichern?

Dauer

Rund Dreiviertel aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren spielt laut JIM Studie 2015 täglich oder mehrmals wöchentlich PC-Spiele. Als kulturelles Medium stehen diese gleichberechtigt neben Werbung, Film oder Literatur. In der Schule finden sie immer noch kaum statt.

Die erste Vollversion von 'Minecraft' erschien 2011 in Schweden und wurde ursprünglich als Ein-Mann-Arbeit entwickelt. Mittlerweile spielen rund 20 Millionen Menschen weltweit mit den Computerklötzchen. Ein Unikat in der kommerziellen Spielelandschaft, das international bereits in der Entwicklungsphase von engagierten Lehrern entdeckt wurde.

Markus „Notch“ Persson, MojangMicrosoft: Minecraft, 2009 (Foto: SWR, ZKM Karlsruhe - Mojang/Microsoft)
In Minecraft baut man sich eine Welt aus Quadern auf. ZKM Karlsruhe - Mojang/Microsoft

An der Uni Hildesheim beschäftigte sich Klaus-Tycho Förster als einer der ersten wissenschaftlich mit 'Minecraft'. Er sieht das Spiel als sinnvolle Ergänzung zum Matheunterricht, gerade in der Sekundarstufe eins.

Unterrichtsvorbereitung zum Download

Wie das konkret aussehen kann - planen, absprechen, aufzeichnen, virtuell umsetzen, mit dem Entwurf vergleichen - hat Förster im Netz veröffentlicht. Dort finden sich auch die Unterrichtsvorbereitungen, Erfahrungen und Schriften von Tobias Hübner frei zugänglich - wenn man weiß, wo man suchen muss.

Seine Internetplattform war die Abschlussarbeit des Zusatzstudienganges "Medien, Informationstechnologien in Erziehung, Bildung und Unterricht" mit heute täglich durchschnittlich 50 Besuchern.

Diese Pionierarbeit erleichtert interessierten Kollegen den Anfang, wenn sie die zeitintensiven Vorbereitungen nicht scheuen. Hübner ist seit Jahren mit der Materie vertraut. Trotzdem rechnet er pro Computerspiel-Deutschstunde etwa eine Stunde Planung für zuhause.

Spielend lernen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Unterricht mit neuen Medien picture-alliance / dpa -

Kritik und Ignoranz

Regelmäßig tauscht sich der Düsseldorfer Lehrer bundesweit mit rund 30 Gleichgesinnten aus oder trifft sie bei entsprechenden Veranstaltungen.

Für sein medienpädagogisches Engagement wurde Hübner mittlerweile mehrfach ausgezeichnet, die Bilanz in der Praxis aber ernüchtert. Der Zusatzstudiengang beispielsweise wurde gerade kommentarlos eingestellt.

Gerade in puncto Computerspiel paart sich Kritik meist mit Ignoranz. Trotzdem benutzen auch die jüngsten Lehrergenerationen wie ihre Schüler die neuen Medien erst einmal als Konsumenten. Und orientieren sich im Beruf an der klassischen Pädagogik.

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Der Großteil des Unterrichts findet ohne neue Medien statt. picture-alliance / dpa -

Spielen versus Lernen

Lebenslang Lernen wollen - darin sieht das New Yorker 'Institute of Play' die Möglichkeit den zukünftigen Bildungsanforderungen gerecht zu werden. 'Quest to learn' nennt sich die Schule, die aus dieser Idee entstanden ist.

Hier steht jegliche Art von Spiel im Zentrum des Lehrplans - Stimulus für Neugierde, Kreativität und Experimentierfreude bei Schülern und Lehrern. Prüfungen als Endgegner. Mit Blick auf unsere spaß- und jugendorientierte Gesellschaft ein nachvollziehbares Szenario. 

Köln, August 2015. Wie jedes Jahr drücken sich die Leiber dicht an dicht und schwitzend durch die Flure der Messehallen. Musikschwaden aus abgehenden, grell erleuchteten Hallen kriechen in die Gehörgänge.

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Computerspielemesse "Gamescom" in Köln, 2015 picture-alliance / dpa -

Messe für Spiele

Auf der Gamescom treffen sich Spieleentwickler und Gamer, Produzenten, verkleidete Rollenspieler und Medienpädagogen zu Spielepremieren, Updates oder Neuentwicklungen.

Der zur Gamescom angereiste Gymnasiallehrer aus dem Allgäu, Daniel Jurgeleit, praktiziert das Prinzip Computerspiele im Unterricht in Klassenstärke. Der Mitdreißiger hat seine Englisch- und Deutschstunden der Sekundarstufe 1 in Absprache mit den Schülern gleich ganz in ein Computerspiel gehüllt.

Er erzählt von Classcraft, einem Spiel, das auf Rollenspielen basiert und das Geschehen im Klassenzimmer in ein Rollenspiel verwandelt. Die Schüler werden zu Kriegern, Magiern oder Heilern, und in Gruppen eingeteilt. Sie bekommen bestimmte Fähigkeiten zugewiesen, wie man sie aus den klassischen Rollenspielen kennt und damit bestreiten sie den Schulalltag.

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Digitales Lernen in der Schule picture-alliance / dpa -

Gamifizierung der Regeln

Diese 'Gamifizierung' stammt aus Kanada und wurde von einem Kollegen gegen die Motivationslosigkeit seiner Schüler entwickelt und mittlerweile weltweit gespielt. Die Verpackung soll anregen, das soziale Gefüge in den Gruppen zu mindestens fünf Schülern zu stärken und die eigene Leistung nachvollziehbar werden lassen.

Jurgeleit ist Überzeugungstäter, er hat selbst früher Rollenspiele gespielt. Und die Jagd nach Punkten kommt an, auch bei den noch so schüchternen Schülerinnen und Schülern. Und die Regeln im Unterricht werden als Spielregeln viel besser von allen akzeptiert.

Richtig verstanden bieten Computerspiele einen schülerfreundlichen Einstieg in die digitale Medienerziehung, eine Kernkompetenz der Zukunft, die im Unterricht leider kaum vermittelt wird.

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Tablets im Unterricht sind immer noch selten. picture-alliance / dpa -

Doch es wird Zeit für eine kritische Auseinandersetzung in der Schule, noch bevor die medienpädagogische Grundlagenforschung endlich belastbare Erkenntnisse liefern kann. Computerspiele können hilfreich sein. Am Ende kommt es aber - wie immer und ganz banal - auf das eigentliche Lehrmedium an – die Lehrerinnen und Lehrer.

Surftipps:

Tobias Hübner: www.medienistik.wordpress.com

Andre Spang (explore.create.share): www.andre-spang.de

Daniel Jurgeleit benutzt in seiner Klasse das Spiel: www.classcraft.com/de

Ein Einsteigerspiel für den Unterricht bzw. eine AG ist minecraft-de.gamepedia.com/Lernen_mit_Minecraft

Die Gaming-Schule in NY heißt 'Quest to learn': www.q2l.org

Das dazugehörige, maßgebliche Institut ist: www.instituteofplay.org

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