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Speed Reading - Wie nützlich ist Lesen auf Tempo? Lesen bis der Arzt kommt

Das Wissen hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfältigt. Nicht nur Studenten und Wissenschaftler haben täglich gewaltige Textmengen zu bewältigen. Wer zum Beispiel an der Börse arbeitet und Informationen schneller erfasst als andere, ist deutlich im Vorteil. Inzwischen gibt es breit gefächerte Seminarangebote, die schnelleres und effizienteres Lesen versprechen: “Improved Reading“, „Scan reading“, „Speed-reading“, „Business-Reading“, usw. Denn das Lesen, wie einst in der Schule gelernt, reicht im Berufsleben oft nicht mehr aus.

Nahaufnahme von einem Tacho in einem Auto

Kommt man beim Speed Reading ins Schwitzen?

Die Gewalt der Masse zwingt zu Tempo

180 - 240 Wörter liest ein Mensch durchschnittlich pro Minute, das sind Zahlen der "Stiftung Lesen". Trainierte Schnellleser schaffen auch die 3-fache Menge und mehr. Und sie verstehen trotzdem, was sie lesen. Wichtig ist schließlich nicht nur die Lesegeschwindigkeit, sondern die Leseeffizienz: wie viel von dem, was ich gelesen habe, behalte ich im Gedächtnis?

Drei schnelle Wege zum Inhalt

Viele Schnell-Lesetrainingsprogramme greifen auf 3 Hauptstrategien zurück. Die erste beschäftigt sich mit der Erweiterung der Blickspanne. Die 2. Strategie ist das Vermeiden von Rücksprüngen, von sog. Regressionen.

Buchstaben des Spiels "Scrabble"

Auf die Plätze - fertig - los

Es hat sich erwiesen, dass viele der Rücksprünge nicht unbedingt notwendig sind und das Lesetempo verlangsamen und oft der Kontext oder der weitere Verlauf des Wissensaufbaus klärt, was unklar war. Die 3. Strategie ist die Subvokalisation, also das leise innere Nachsprechen, zu unterbinden.

Leises Lesen ist neu für das Gehirn

Lesen lernt jeder Mensch auf individuelle Weise. Erst vor einigen tausend Jahren begann man, Laute in Zeichen umzusetzen. Da diese Laute begrenzt sind, reicht eine relativ kleine Zahl von Zeichen aus, um Gesprochenes in Schrift umzusetzen. Nicht das Ohr, sondern das Auge ist nun der Empfänger. Und auch das ist immer noch neu für das menschliche Gehirn, nicht nur das Lesen selbst, sondern das leise Lesen.

1. Welcher Lesetyp bin ich? Konzentriere ich mich auf die Informationen, die ich brauche? Halte ich zwischendurch inne, um darüber nachzudenken, was ich gelesen habe? Strenge ich mich an, um die Fakten zu behalten?
2. Welche Lesestrategien nutze ich? Lese ich einen Text Wort für Wort? Spreche ich die Wörter innerlich leise mit? Finde ich es notwendig, einzelne Textpassagen mehr als einmal zu lesen? Variiere ich mein Lesetempo häufig?
3. Wie schnell lese ich? Messen Sie selbst ihr Lesetempo mit Hilfe einer Stoppuhr. Lesen Sie drei Minuten, zählen Sie die Anzahl der Wörter in den ersten drei Zeilen, dividieren Sie das Ergebnis durch drei, so erhalten Sie die durchschnittliche Anzahl der Wörter pro Zeile. Multiplizieren Sie diese Zahl mit der Anzahl der gelesenen Zeilen. Dividieren Sie das Ergebnis durch 3, die Anzahl der gelesenen Minuten. So erhalten Sie Ihr Lesetempo WpM, Wörter pro Minute.

Auf den Satzzeichen ruht sich das hüpfende Auge aus

Bücherstapel

Es gibt verschiedene Leserichtungen

Die Blickspanne - so konnten Wissenschaftler messen - umfasst 12 bis 15 Buchstaben nach rechts von der Blickposition, aber nur vier Buchstaben nach links, wenn die Aufmerksamkeit - wie in Europa und den USA üblich - beim Lesen nach rechts gerichtet ist. Im Hebräischen - wo die Aufmerksamkeit nach links gerichtet ist, findet man genau das Gegenteil. Und noch etwas wurde in Studien deutlich: die Augen bewegen sich nie kontinuierlich fließend über einen Text, sondern in „Sakkaden“, in Blicksprüngen. Das letzte Wort vor einem Komma, Punkt oder Semikolon wird länger angeschaut, weil das Gehirn den Inhalt verarbeitet. Kurze Wörter, die in der Sprache häufig vorkommen, werden dagegen schneller gelesen.

Read on Speed

Viele Lesetrainer setzen einen Lese-Beschleuniger ein, der Regressionen unmöglich macht, den „Reading rate controller“: Dieses Gerät besteht aus einer durchsichtigen Kunststoffscheibe in einem Rahmen von der Größe einer DIN A4 Seite und einem kleinen Motor.

Computer-Mouse, deren Kabel in einem Buch enden.

Kein Zurück beim Lesebeschleunigen

Über die Scheibe bewegt sich ein etwa 5 cm breiter undurchsichtiger Schieber von oben nach unten, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die der Leser an einem Rädchen selbst einstellen kann, um sich zu beschleunigen. Die Aufgabe ist, den Text unterhalb des Schiebers zu lesen, also möglichst schnell und kontinuierlich. Der Blick kann nicht zurückspringen, weil der gerade gelesene Text bereits vom Schieber verdeckt wird. Lesen mit dem Geschwindigkeitsregulator ist eine Art Fitnesstraining für die Augen.

Keine Rücksicht auf die Lücke

Der Geschwindigkeitsregulator treibt den Leser an, egal wie komplex ein Text ist. Auch für inneres Mitsprechen, das Subvokalisieren, bleibt keine Sekunde Zeit. Dieses innere Mitsprechen ist dann sinnvoll, wenn Kinder Lesen lernen, wenn sich ihr junges Gehirn neben dem Sprechen auf geschriebene Zeichen einstellen muss. Für Erwachsene empfehlen Lesetrainer als Strategie Nr. 3, das innere Mitsprechen einzustellen.

Begreifen und Behalten

Denn man weiß aus der Gedächtnispsychologie: wenn Informationen an der Lautoberfläche verarbeitet werden, dann ist die Behaltensleistung schlecht. Ist unser Aufmerksamkeitsfokus jedoch auf den Inhalt bezogen, dann steigt die Behaltensleistung ungeheuer an. Lesetrainer behaupten außerdem, dass die Gedanken beim schnelleren Lesen weniger abschweifen würden und der Leser schon deshalb mehr vom Text behalten würde. Schnelles Lesen eignet sich auf jeden Fall dann, wenn bei großem Vorwissen z. B. in einer Fachzeitschrift nur nach bestimmten Informationen gesucht wird. Insider sprechen dann von Scanning, Scimming und Paragraphing.

Lesen ohne zu lesen

Es gibt noch eine weitere Methode, die in den Kursen gelehrt wird: die Teilnehmer werden gebeten - als Einstimmung - einen mehrseitigen Text Seite für Seite durchzublättern und jeweils nur einen weit gespannten Blick auf die einzelnen Blätter zu werfen. Und dieser dauert nur ein paar Sekunden.

lesende Frau neben Labtop

Ein Anstieg des Lesetempos soll helfen, Ablenkungen zu vermeiden

Doch das führt dennoch zu einer Aktivierung des vorhandenen Wissens. Denn in Gedanken stellt man bereits Hypothesen über das Thema und den Inhalt des Textes auf. So wird das eigene Vorwissen aktiviert und die Gedächtnisleistung verbessert.

Lesen lernen für Erwachsene

Lesetrainer sind davon überzeugt, dass jeder Mensch zwei Mal lesen lernen sollte, einmal als Kind, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, innerlich flüsternd oder laut lesend. Und dann noch einmal als Jugendlicher oder Erwachsener. Vielleicht sogar im normalen Schulunterricht der Oberstufe. Dann wären Schüler besser aufs Studium vorbereitet und hätten trotzdem noch immer die Wahlmöglichkeit, wie sie welchen Text lesen möchten. Denn eines steigert Speed Reading nicht: den Genuss an kunstvoller Sprache.

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