SWR2 Wissen | Klimahelden (1/4)

Solarstrom für Afrikas Dörfer

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Ein deutsch-malisches Start-up liefert afrikanischen Dorfbewohnern Solarstrom – konkurrenzlos günstig und klimaneutral. Das verbessert das Leben und kurbelt die Wirtschaft an.

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In Afrika werden Kraftwerke fast nur mit Kohle und Öl betrieben – mit klimaschädlichen, fossilen Energieträgern also. Gekocht wird oft mit Holz oder Holzkohle. Seit Kurzem aber wird das gewaltige Sonnenenergie-Potenzial Afrikas erschlossen. Lokale Stromnetze, gespeist von kleinen Solarkraftwerken und Hochleistungs-Akkus, sind so preisgünstig geworden, dass sich damit großflächig saubere Energie produzieren und Geld verdienen lässt.

Das malisch-deutsche Ehepaar Aida und Torsten Schreiber hat in Dörfern Nigers und Malis bereits zwei Dutzend mobile Kraftwerke errichtet – ohne öffentliche Förderung. Die Projekte haben das Leben in den Dörfern grundlegend verändert.

Die Africa Greentec-Eigentümer Aida und Torsten Schreiber (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Die Africa Greentec-Eigentümer Aida und Torsten Schreiber wollen Mali und andere afrikanische Länder mit Strom aus Solarenergie und Biogas versorgen. Thomas Kruchem -

Saubere Energie für Afrika

60 Prozent der Menschen in Afrika haben keinen Strom, in den Dörfern Malis sind es sogar 90 Prozent. Doch es gibt auch Hoffnung – auf klimaneutrale Stromproduktion aus Wasserkraft und Bioabfällen, aus Wind- und Sonnenenergie.

Die meisten Menschen in Afrika können Nahrungsmittel und Medikamente nicht kühlen; Schulkinder machen ihre Hausaufgaben im Qualm von Kerosinlampen; sie kennen weder Fernseher noch Computer. Da und dort dröhnen zwar Dieselgeneratoren; deren Betrieb ist aber teuer und setzt klimaschädliches Kohlendioxid frei. Millionen afrikanische Frauen kochen zudem mit Holz und Holzkohle. Sie ruinieren so, neben ihrer Gesundheit, die letzten Wälder Afrikas und schüren gleichfalls den Klimawandel.

Zum Straßenbild Kais gehören auch zwischen Vorratsspeichern flatternde Wäsche und allerlei Verkaufsstände. (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Zum Straßenbild Kais gehören auch zwischen Vorratsspeichern flatternde Wäsche und allerlei Verkaufsstände. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Das Stampfen von Mais ist Handarbeit. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Das Kochen mit offenen Feuerstellen ist in Mali immer noch Standard. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Das Mahlen von Sheanüssen und das Stampfen von Mais wird – noch per Dieselgenerator bzw. mit der Hand erledigt. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Frauen haben wenig zu melden in der konservativ muslimischen Gesellschaft Kais. Trotz ihrer vielen Arbeit fahren sie auch Motorrad. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Bürgermeister Drissa Dembela posiert vor dem Solartainer. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Die Africa Greentec-Eigentümer Aida und Torsten Schreiber haben bei ihren großen Plänen mit viel Widerstand zu kämpfen. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Auch die skeptischen Dorfältesten müssen von der Sinnhaftigkeit des Projektes überzeugt werden. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Schweißen ist jetzt möglich in Kai. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen
Töchterchen Naomi Schreiber will das Sozialunternehmen später übernehmen. Thomas Kruchem - Bild in Detailansicht öffnen

Deutsch-malisches Start-Up bringt Strom in entlegene Dörfer

Doch im Jahr 2016 wurde bereits ein Viertel des Stroms weltweit mit erneuerbaren Ressourcen produziert. Und am schnellsten wächst die Nutzung von Sonnenenergie. Die ist in Afrika besonders reich verfügbar, und die Preise für Solaranlagen sind drastisch gesunken. Africa Greentec, das Startup des Deutschen Torsten Schreiber und seiner malischen Frau Aida, bringt seit kurzem Solarstrom in entlegene Dörfer Malis.

Torsten und Aida Schreiber verabschieden sich gerade von den Dorfältesten. Sie haben einen Deal mit ihnen abgeschlossen: Africa Greentec wird eins seiner gelb-grün-rot lackierten Ungetüme in Fanidiama aufstellen – einen sogenannten Solartainer.

Eine gut ausgerichtete Satellitenantenne auf dem Container sichert die Internetverbindung nach Deutschland (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Eine gut ausgerichtete Satellitenantenne auf dem Container sichert die Internetverbindung nach Deutschland. Der Solartainer steht mitten im Dorf. Thomas Kruchem -

Dürren, Überschwemmungen und Terror

Torsten – im khakifarbenen Firmenhemd, mit Rauschebart und schulterlangem Haar,– erzählt von Mali, einem der ärmsten Länder der Welt: 20 Millionen Einwohner auf fast der vierfachen Fläche Deutschlands; überwiegend Halbwüste und Wüste. Der Klimawandel bedroht die Bauern hier mit extremen Dürren, Starkregen und Überschwemmungen zur Unzeit. Und islamistische Terrornetzwerke treiben ihr Unwesen – bekämpft auch von Bundeswehr-Soldaten.

Reisen mit Militäreskorte

Die wenigen Deutschen in Mali sind denn auch bevorzugtes Ziel von Anschlägen. Deshalb bewegen sich die Schreibers mit gepanzerten SUVs und Militäreskorten. Strom sei in den 11.000 Dörfern Malis unbekannt gewesen, erzählt Schreiber – bis die Weltbank um die Jahrtausendwende ein Programm auflegte. Sie wollte einigen hundert Dörfern Strom verschaffen – mit Dieselgeneratoren. Doch als das Projekt dann realisiert wurde, die Netze gebaut hat und der Dieselgenerator angeliefert war, die Gebäude, das Gerätehaus fertig waren, war zwischenzeitlich der Dieselpreis auf das Doppelte angestiegen. Niemand konnte sich den Betrieb der Anlage mehr leisten.

Ein gescheitertes Energieprojekt – eins von vielen in Afrika. Für das Solarunternehmen Africa Greentec indes birgt das Scheitern der Weltbank Chancen: Sonne hat Mali im Überfluss; und in mehreren hundert Dörfern gibt es bereits im Laufe der Weltbank-Projekte verlegte Stromnetze. Malis Regierung bat Africa Greentec, sich auch in solchen Dörfern zu engagieren.

Ohne militärischen Geleitschutz geht nichts in Mali. Zudem sind die Straßen miserabel, und Platten gehören zum Alltag. (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Ohne militärischen Geleitschutz geht nichts in Mali. Zudem sind die Straßen miserabel und geplatzte Reifen gehören zum Alltag. Thomas Kruchem -

Solartainer müssen bewacht werden

22 Solartainer hat das Unternehmen bis März 2019 gebaut. 15 wurden bereits aufgestellt – 14 davon in Mali, einer im Nachbarland Niger. Pro Monat kommen derzeit ein bis zwei Anlagen dazu. Für jeden Solartainer stellt Africa Greentec einen Wachmann ein und zwei Techniker.

Um die Kosten von bis zu 300.000 Euro pro Solartainer zu decken, verlangt das Unternehmen etwa 20 Eurocent pro Kilowattstunde tagsüber und 40 Cent abends. Das ist viel Geld im Verhältnis zur Kaufkraft in Mali, aber nur halb so teuer wie Dieselstrom. Und es kostet Privathaushalte übers Jahr weniger, als sie früher für Kerosin und Kerzen ausgaben – ohne die Möglichkeit, Fernseher, Handys und komfortable LED-Leuchten zu betreiben. Damit möglichst viele Nutzer an der begrenzten Menge Solarstrom teilhaben können, sei der Verbrauch pro Nutzer gedeckelt. Handwerksbetriebe bekämen tagsüber mehr Strom als Privatabnehmer, abends dafür aber gar keinen.

Dem Energiewirt, Techniker und Logistiker Jesse Pielke macht es Spaß, die Software des Solartainers auf den neuesten Stand zu bringen und malische Techniker auszubilden (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Dem Energiewirt, Techniker und Logistiker Jesse Pielke macht es Spaß, die Software des Solartainers auf den neuesten Stand zu bringen und malische Techniker auszubilden Thomas Kruchem -

Auch Biogas bringt umweltfreundliche Energie

Zusätzlich hat Africa Greentec begonnen, kleine Biogasanlagen zu bauen, die vor allem den reichlich vorhandenen Dung des malischen Viehs vergären. Eine Anlage für tausend Euro füllt pro Tag vier große Plastikrucksäcke mit Biogas. Das ersetzt 28 Kilo Holz und ist zudem billiger. Die Schreibers verkaufen ihre leicht zu wartenden Biogasanlagen lokalen Betreibern. Die zahlen sie zwei, drei Jahre lang ab, haben ein dauerhaft solides Einkommen und helfen den Frauen im Dorf sowie dem Klimaschutz.

Frauen haben in Mali einen schweren Stand

Aida Schreiber trägt Khakihosen, das khakifarbene Firmenhemd und kein Kopftuch – ein ungewohnter Anblick in malischen Dörfern, wo erzkonservative religiöse Autoritäten den Ton angeben und Frauen oft keinerlei Zugang zu Entscheidungsgremien haben. Da müsse sie durch, sagt die Unternehmerin und lächelt zum ersten Mal. Immer häufiger erlebe sie inzwischen, sagt Aida Schreiber, dass bei Versammlungen auch Frauen aus den Dörfern das Wort ergriffen; dass sie ihre Wünsche und Sorgen artikulierten.

Frauen und Mädchen haben wenig zu melden in der konservativ muslimischen Gesellschaft Kais. (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Frauen und Mädchen haben wenig zu melden in der konservativ muslimischen Gesellschaft Kais. Trotz ihrer vielen Arbeit legen sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Thomas Kruchem -

Hohes Risiko für Investionen in Mali

In der Abenddämmerung, auf Baumstämmen sitzend, lassen die Schreibers und ihre Mitarbeiter einen langen Tag Revue passieren. Sie wollen einen positiven Fußabdruck hinterlassen – in Form von Solartainern und Biogasanlagen für, wenn möglich, Millionen Menschen. Mit Crowdfunding, Schwarmfinanzierung übers Internet, haben sie begonnen, haben zusätzlich eigenes Vermögen eingesetzt und schließlich eine Anleihe über zehn Millionen Euro aufgelegt – mit der grünen GLS-Bank als führendem Kreditgeber. Auch diese Bank will allerdings 6,5 Prozent Zinsen angesichts des hohen Risikos in Mali.

Die Schreibers stehen also unter finanziellem Druck. Und sie müssen nicht nur technische Herausforderungen bewältigen, die den Bau so manches Solartainers wochenlang verzögern. Sie kämpfen in Mali auch gegen Korruption und politische Willkür, mit sozialen und kulturellen Empfindlichkeiten. Das Konzept des Sozialunternehmertums sei den meisten Afrikanern fremd, sagt Torsten Schreiber. Doch das junge Sozialunternehmen erfüllt, so scheint es, ein Grundbedürfnis in Mali. Und das, sagt Torsten Schreiber, merkten auch die Dorfbewohner sehr schnell.

Produktion 2019

Der Africa Greentec-Eigentümer Torsten Schreiber tauscht sich mit Geschäftsführer Oumar Maiga aus (Foto: SWR, Thomas Kruchem -)
Der Africa Greentec-Eigentümer Torsten Schreiber tauscht sich mit Geschäftsführer Oumar Maiga aus Thomas Kruchem -

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