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Skandal! Das Geschäft mit der Empörung

Steuerhinterziehung, Pferdefleisch, außereheliche Liebschaften oder abgeschriebene Doktorarbeiten – täglich werden neue Normverstöße aufgedeckt und angeprangert. Meist sind es Politiker und Prominente, die in den Fokus geraten, doch in Zeiten digitaler Medien kann es jeden und alles treffen. Mit der Empörung vergewissert sich die moderne Gesellschaft ihrer Werte: Was sie will, weiß sie kaum noch, aber was sie nicht will, zeigt sich im Skandal. Doch im Publikum macht sich Müdigkeit breit.

Den Pranger gab es schon im Mittelalter

Den Pranger gab es schon im Mittelalter

"Skandalon" bezeichnete im Alten Griechenland ursprünglich den Mechanismus einer Tierfalle. Hat sich die Schlinge erst einmal zugezogen, ist das gefangene Wesen dem Publikum ausgeliefert. Das Alte Testament nutzte den Begriff dann für alles Böse, das von Gott wegführt, skandalös waren also die Ungläubigen. So fand die frühchristliche Gemeinschaft ihren moralischen Zusammenhalt im gemeinsamen Abscheu.

Abscheu in Gesellschaft

Reporter auf der Jagd nach Skandal

Jagd nach Skandalen

Heute ist das nicht viel anders – Lügen, Selbstbereicherung, Betrug – Prominente, die dabei erwischt werden, landen sofort am Pranger der Medien, auch dann, wenn Journalisten und ihr Publikum den gleichen moralischen Ansprüchen ebenso wenig gerecht würden. Der Skandal ist für jeden sofort verständlich, denn er trennt klar zwischen Gut und Böse und schafft so Orientierung in einer immer komplexeren Welt.

Dirndl mit Shitstorm

Die Dirndl-Affäre um Rainer Brüderle war vielleicht ein banaler Anlass. Doch das Thema Sexismus im Alltag bewegt ganz offensichtlich viele. Über 100.000 Twitter-Nachrichten gingen dazu unter dem Betreff "Aufschrei" innerhalb eines Monats online. Am 25. Januar 2013 allein waren es 28.683, mehr als jemals zuvor zu einem Skandal.
Die Welle der Wut, die über Rainer Brüderle zusammenbrach, kam aus dem Internet. Shitstorm heißt so etwas im Netzjargon. 2011 wurde der Begriff zum Anglizismus des Jahres gekürt.

Shitstorm als öffentlicher Pranger

Shitstorm als öffentlicher Pranger

Hinter fast jedem Shitstorm – und so war es auch in diesem Fall – steht ein journalistischer Text, meist wurde er sogar ganz altmodisch auf Papier gedruckt.
Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Zeitungen und Nachrichtenmagazine bestimmen noch immer die öffentliche Agenda. Von allen Medien genießen sie mit Abstand das höchste Vertrauen und entfalten die größte Wirkung. Den Aufschrei hatte die betroffene Journalistin selber mit einem Brüderle-Portrait im Magazin "Stern" ausgelöst.

Die neue Ängstlichkeit

Im Internet lässt sich (fast) nichts verheimlichen

Im Internet lässt sich (fast) nichts verheimlichen

Wer sich heute äußert – egal ob öffentlich oder hinter verschlossenen Türen – muss damit rechnen, dass ein Mitschnitt irgendwann auf YouTube landet. Und ist erst einmal etwas im Netz erschienen, lässt es sich unmöglich wieder entfernen. Selbst Gerichtsurteile helfen nichts. Das hat Folgen für die Betroffenen, die Medien – und damit für die gesamte politische Kultur.
Die einen halten sich zurück, die anderen nutzen die neuen Möglichkeiten ganz gezielt, um ihren Konkurrenten zu schaden oder sich selber Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Medien spielen gerne mit, denn jeder Skandal bringt Auflage oder Quote.

Je stärker Skandale die öffentliche Debatte bestimmen, desto weniger Aufmerksamkeit bleibt für komplizierte strukturelle Probleme und Kontroversen. Der Armutsbericht der Bundesregierung schafft es nicht mit seinem erschütternden Inhalt auf die Titelseite der Zeitungen, sondern nur dann, wenn der Bericht mit einem Manipulationsverdacht und einer Charakterstudie der zuständigen Ministerin gewürzt werden kann. Nicht nur Medienwissenschaftler kritisieren das. Auch viele Journalisten sind unglücklich über die Personalisierung von Politik und dem Ersatz von Information durch Infotainment.

Armutsbericht des Journalismus?

Bild-Schlagzeile: "Wir sind Ente"

Bild-Schlagzeile: "Wir sind Ente"

Hans Leyendecker ist Ressortleiter bei der Süddeutschen Zeitung und der Grandseigneur unter den investigativen Journalisten in Deutschland. Im Rahmen der Tübinger Mediendozentur hat er den Mechanismus der Skandalisierung beschrieben – und dabei auch nicht mit Kritik an der eigenen Zunft gespart. Er beschreibt den skrupellosen Zugriff auf die Aufmerksamkeit des Publikums als Angriff auf die Freiheit der Presse. Doch stärkster Verbündeter des Larifari in den Medien ist ein Publikum, das sein Geld für Larifari-Medien ausgibt. Seriöser investigativer Journalismus ist teuer – und sein Ergebnis ist oft keine leichte Kost. Denn wenn er wirklich etwas Neues herausgefunden hat, geraten alte Sichtweisen in Gefahr.

Sensation bringt Geld

Ort des Skandals: Canisius-Kolleg in Berlin

Ort des Skandals: Canisius-Kolleg in Berlin

Ab und zu gibt es aber auch einen Fall, in dem das Ergebnis journalistischer Recherche nicht nur neu und relevant ist, sondern auch im Publikum auf großes Interesse stößt. Die Paarung aus Missstand und Skandalfähigkeit, davon träumen seriöse Journalisten. Joachim Fahrun hat es erlebt. Er ist Chefreporter der Berliner Morgenpost und deckte den Skandal über den Missbrauch an dem katholischen Canisius-Gymnasium in Berlin auf.
Nicht etwa auf Twitter, Facebook oder einer Website wurde der Skandal zuerst gemeldet, sondern mit einer Schlagzeile in der gedruckten Zeitung. Medienunternehmen denken nicht nur an die Nachricht und ihre Verbreitung, sondern immer auch daran, wie sie die öffentliche Aufmerksamkeit zur Umsatzsteigerung nutzen können.

Inhaltlose Konkurrenz

Jagd um den "nächsten Dreh" im Skandal

Jagd um den "nächsten Dreh" im Skandal

Der Missbrauch in der katholischen Kirche hielt die Öffentlichkeit über Wochen im Bann. Die Medien versuchten immer neue Fälle zu finden, manchmal mit wenig Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt oder die Auswirkungen einer Veröffentlichung auf die Opfer. Und wer mit Recherche nichts Neues mehr beizutragen hatte, beteiligte sich zumindest an der Kommentierung – gerne auch mit Spekulationen. Ähnliches wiederholt sich bei jedem neuen Skandal. Fernsehen, Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien stürzen sich auf den Fall und konkurrieren darum, der Geschichte den nächsten Dreh zu geben – auch wenn sie gar nichts Neues mehr beisteuern können.

Den Herdentrieb gibt es nicht nur im Journalismus. Auch das Publikum ist mit dem Internet zum Akteur der Skandalisierung geworden. Durch das Internet ist es viel einfacher geworden, auf eine Vielzahl unterschiedlicher Medienberichte und ihre Originalquellen zuzugreifen. Journalisten haben die Alleinherrschaft über den Zugang zur Aktualität verloren. Für das Publikum wächst damit die Selbstverantwortung.

Geschichten ausmelken

Welches Thema sich für einen Skandal eignet – und welches nicht, das ist auch eine kulturelle Frage. In den USA, in Südafrika oder in Pakistan reagiert die Öffentlichkeit besonders empfindlich auf die Verletzung religiöser Gefühle. In Skandinavien, Frankreich oder Deutschland wird Gotteslästerung oder Papstbeschimpfung dagegen eher mit einem Achselzucken quittiert. Selbst zwischen Nachbarländern gibt es große Unterschiede. Während in Skandinavien Gesundheitsdaten oder Steuerbescheide keinem besonderen Schutz unterliegen, würde ihre Veröffentlichung in Deutschland als außerordentlich skandalös empfunden. Und in Frankreich herrscht großes Unverständnis über den moralischen Rigorismus in Deutschland.

Francois Hollande auf seinem berühmt-berüchtigten Motorroller

Francois Hollande auf seinem berühmt-berüchtigten Motorroller

Ein Präsident mit dem Motorroller auf dem Weg zum Seitensprung, in flagranti vom Fotografen erwischt – ein Skandal ganz nach Wunsch der Medien, aber ohne anschließenden Rücktritt: typisch französisch, könnte man sagen. Davon ist Angela Ulrich überzeugt. Sie hat fünf Jahre als Hörfunk-Korrespondentin in Paris gelebt und arbeitet jetzt im Berliner Hauptstadtstudio der ARD. Und wenn es doch einmal zum Rücktritt kommt, muss das keineswegs das Ende einer öffentlichen Person bedeuten. In Frankreich kann man sich von einem Skandal auch wieder erholen.

Überdruss am Skandal

Empörung ist eine Währung, mit der Medien Umsatz machen. Allerdings stößt längst nicht mehr jedes Empörungsangebot auf Resonanz. Im Publikum zeigen sich Abnutzungserscheinungen. Der Überdruss am Skandal ist eine verständliche Gegenreaktion zur vorherrschenden Empörungskultur. Doch wenn den Journalisten am Ende die Lust am Skandal und am Skandalisieren vergeht, ist das auch eine Gefahr. Joachim Fahrun, der als Chefreporter der Berliner Morgenpost den Missbrauch in der katholischen Kirche mit aufgedeckt hat, befürchtet einen Stimmungsumschwung mit unerwünschten Folgen.

Denn unter Nachwuchsjournalisten, beobachtet Joachim Fahrun, kommt das Aufdecken aus der Mode. Lieber werden gesellschaftliche Phänomene mit einer Recherche in den sozialen Netzwerken ergründet als sich auf das Risiko einzulassen, das mit der mühsamen Suche nach einem skandalträchtigen Missstand verbunden ist.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht sich bereits dazu aufgerufen, den Skandal zu verteidigen. Denn das Geschäft mit der Empörung hat zwar unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen, erfüllt gleichzeitig aber eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Er sieht den Skandal als ein notwendiges Reinigungsinstrument für eine Gesellschaft. Denn nur so könnten wichtige Debatten angestoßen werden.

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