Ein Mädchen hält sich beim Sehtest ein Auge zu (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Kurzsichtigkeit und Bildungskarriere Dicke Brille und hoher IQ

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Sind Intelligente häufiger kurzsichtig?

Eine Studie der Uniklinik Mainz hat ergeben, dass kurzsichtige Menschen nicht unbedingt intelligenter sind, aber sie weisen eine höhere Anzahl von Bildungsjahren auf. Je länger man zur Schule gegangen ist, desto höher das Risiko für Kurzsichtigkeit.

Prof. Norbert Pfeiffer ist Direktor der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz und hat die Studie mit geleitet.

Herr Pfeiffer, können Sie das mal für uns aufdröseln: Was beeinflusst hier was?

Man kann die Ergebnisse auf wenige Punkte reduzieren: Wir haben uns dafür interessiert, dass die Deutschen immer kurzsichtiger werden. Inzwischen sind nämlich 5 Prozent aller 20- bis 30-Jährigen kurzsichtig. Und dann haben wir in einer großen Studie mit 15.000 Menschen in Mainz und Umgebung untersucht, wie kurzsichtig die Bevölkerung ist und wer kurzsichtig ist. Wir fanden heraus: Man ist umso kurzsichtiger, je länger man zur Schule gegangen ist; pro Schuljahr werde ich ein bisschen kurzsichtiger. Das war das Überraschende. Man dachte, das würde irgendwann mal aufhören, aber auch der Beruf hat einen Einfluss: Je höher der Berufsabschluss ist, desto kurzsichtiger sind wir. Und dann haben wir gefragt: Sind wir kurzsichtiger, weil wir intelligent sind?

Ich bin knapp über 30, ich bin nicht kurzsichtig, habe einen Uniabschluss. Wie lange habe ich noch?

Wenn Sie über 30 sind, ist der Prozess des Kurzsichtigwerdens abgeschlossen, das geht so bis zum 30. Lebensjahr. Unser Auge ist so gebaut, dass wir in der Ferne scharf sehen. Das ist das evolutionsbiologische Erbe: Wir lebten in der Savanne und mussten aus der Ferne eine Gefahr erkennen. Heute ist das völlig anders. Heute schauen wir immer mehr in die Nähe. Das Auge richtet sich darauf ein, das Auge muss sich anstrengen. Wenn ich den ganzen Tag in die Nähe schaue, dann wird das Auge länger - dadurch sehe ich schärfer in der Nähe. Dieser Vorgang hält an bis zum 25. oder 30. Lebensjahr. Also: Das Auge wächst und muss sich so nicht mehr so anstrengen.

Junger Mann mit Brille hört mit einem grünen Handy und Kopfhörer Radio (Foto: SWR, SWR -)
Stundenlanges Starren auf winzige Bildschirme schadet den Augen. SWR -

Wenn ich also lange zur Uni gehe, deshalb viel lesen und schreiben muss, oder wenn ich lange zur Schule gehe, dann macht das kurzsichtig. Was ist denn, wenn ich einen Realschulabschluss habe und Feinmechanikerin werde. Werde ich dann auch kurzsichtig?

Genau, als Feinmechanikerin haben Sie ein erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit. Sie arbeiten ja viel in der Nähe mit kleinen Gegenständen.

Hat Kurzsichtigkeit in jungen Jahren auch mit Kurzsichtigkeit im Alter zu tun?

Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Kurzsichtigkeit im Alter hat andere Ursachen, etwa den grauen Star. Aber zurück zur Ihrer Frage: Sind wir Kurzsichtigen - ich gehöre dazu - wirklich automatisch klüger als alle anderen? Wir haben uns gefragt, ist es wirklich die Naharbeit, die kurzsichtig macht, oder ist es einfach so, dass Kluge kurzsichtig sind und automatisch länger zur Schule gehen? Wir haben also die Intelligenz der Studienteilnehmer untersucht. Da haben wir zunächst herausgefunden: Menschen, die intelligent sind, sind auch automatisch kurzsichtiger. Aber wenn man dieses Ergebnis statistisch bearbeitet und bereinigt, stellt man fest: Es ist nicht die Klugheit, sondern es ist die Anzahl der Bildungsjahre, die in einem direkten und starken Zusammenhang mit der Kurzsichtigkeit steht. Mit anderen Worten: Das Bildungsniveau eines Menschen und nicht seine Intelligenz ist entscheidend für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit.

Frau vor Bücherwand schaut durch Brille (Foto: © Colourbox.de -)
Kurzsichtige Menschen sind nicht unbedingt intelligenter. © Colourbox.de -

Was kann man nun tun, um nicht kurzsichtig zu werden?

Auf keinen Fall sollte man seinen Kindern das Lesen verbieten. Es gibt ein gutes Mittel: Man sollte dem Auge immer wieder die Möglichkeit geben, in die Ferne zu schauen. Das natürliche Tageslicht spielt auch eine große Rolle: Kinder sollten einmal am Tag für zwei Stunden ans Tageslicht, das hat einen positiven Effekt. Man hat deutlich zeigen können, dass der negative Effekt des Lesens dann kleiner wird.

Bücher sind die eine Sache, aber unsere Kinder gucken noch mehr auf Smartphones und Bildschirme. Die sind noch kleiner als ein Buch, da hat die Nahsicht nochmal zugenommen. Die Nutzung des Smartphones wird in Zukunft wahrscheinlich dazu führen, das wir noch kurzsichtiger werden.

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