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Sexualkunde – Wie geht gute Aufklärung?

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Vor fünfzig Jahren wurde die Sexualkunde Pflichtfach an deutschen Schulen. Damals ging es vor allem um Verhütung und Schwangerschaft. Heute sind die Ansprüche an den Unterricht gestiegen.

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Jugendliche sollen heute mehr lernen, über sexuelle Orientierung beispielsweise und sexuelle Identität, aber auch über klugen Umgang mit Internet-Pornos und Nackt-Selfies.

Viele Eltern sind froh, dass die Schulen das heikle Thema übernehmen. Doch Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich überfordert. Und viele Jugendliche finden Sexualkunde vor allem peinlich. Immer mehr Schulen holen sich daher Hilfe von außerhalb.

Sexualpädagogen oder ehrenamtliche Aufklärer etwa von der Initiative "Jugend gegen Aids" oder die Medizinstudenten von "Mit Sicherheit verliebt" geben Sexualkunde in Form von Workshops oder Projekttagen. Der Vorteil: Jugendliche können oft ungehemmter mit einer fremden Person über sexuelle Themen sprechen als mit dem eigenen Klassenlehrer. 

Die Sexualpädagogin Elisabeth Tuider von der Universität Kassel begrüßt die Idee, externe Aufklärer in die Schulen zu holen.

Aufklärungsmaterial: Holzpenis und Kondom (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Aufklärungsmaterial: Holzpenis und Kondom picture-alliance / dpa -

Sexualerziehung ist zwar Pflichtfach in deutschen Lehrplänen. Benoten darf der Lehrer die Schüler dafür aber nicht. Das auseinanderzuhalten sei nicht leicht, sagt Tuider:

Das fällt manchmal schwieriger zu differenzieren, wenn es sich eben um eine Deutschlehrerin oder einen Philosophielehrer handelt, der dann doch auch eine Arbeit schreiben lässt und die Schülerinnen und Schüler auch in diesem bewertenden, benotenden Setting zu beurteilen hat.

Interdisziplinär und vielfältig

Wenn es um Sexualität geht, sind immer auch Fragen der Politik, Moral oder Identität mit im Spiel –  gute Vorlagen für andere Fächer. Auch Fach-Lehrer könnten also Themen rund um Sexualität aufgreifen. In Goethes Faust etwa spielen Lust und Leidenschaft eine große Rolle, ebenso wie Gretchens Schwangerschaft.

Der sogenannte Schwulen-Paragraf stellte in Deutschland bis zu seiner Aufhebung 1994 Sex zwischen homosexuellen Männern unter Strafe. Neue Methoden der künstlichen Befruchtung oder neue Formen der Lust im Internet sind spannende Diskussionsthemen. All das könnte Unterrichtsstoff sein in Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik oder Ethik. Aber in der Praxis kommt das selten vor. 

Sexuelle Vielfalt im Unterricht

Die Deutschlehrerin Judith Ulmer ist daher etwas Besonderes. Sie ist Gender-Beauftragte am Hölderlin Gymnasium in Heidelberg, eine bislang vermutlich einzigartige Funktion an deutschen Schulen. Ulmer spricht mit den Schülerinnen und Schülern offen über ihre Homosexualität und über das Thema sexuelle Vielfalt allgemein. Das ist für die Lehrerin Teil moderner Sexualkunde:

Man muss sich klar machen, dass jeder Zehnte betroffen ist und dass das in keinster Weise eine ganz kleine Minorität ist, die da eine Rolle spielt, sondern dass das alltägliches Leben ist.

Zu ihr kämen Schüler, die Angst hätten, sich selbst zu outen, erzählt Ulmer. Oder Eltern, die nicht wüssten, wie sie mit ihrer lesbischen Tochter umgehen sollten. Und auch Kollegen, die fragten, wie sie ein Transgender-Kind im Unterricht am besten ansprechen sollten.

Vergangenes Jahr hatte die Gender-Beauftragte einer Schülerin geholfen, sich vor ihren Eltern zu outen. Die meisten Jugendlichen verbringen heute mehr Zeit in der Schule als zu Hause. Auch deshalb kann eine Deutschlehrerin schnell zur Vertrauensperson werden. 

Sexualkunde ist das umstrittenste Schulfach

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung werden fast hundert Prozent der Jugendlichen in Deutschland an den Schulen aufgeklärt. Einigen Eltern passt die schulische Aufklärung allerdings gar nicht.

Gerade über den Umgang mit sexueller Vielfalt an Schulen gibt es immer wieder Streit. In Baden-Württemberg gingen 2014 Tausende Eltern auf die Straße. Unter dem Titel "Demo für Alle" protestierten sie gegen das, was sie Gender-Ideologie in deutschen Lehrplänen nennen.

Sie warfen dem Kultusministerium außerdem vor, Kinder zu früh zu sexualisieren.

Anatomie (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Anatomie picture-alliance / dpa -

Ein Vorwurf, der bis heute im Raum steht, auch wenn er wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Auch in Kitas und Kindergärten wird das Personal mittlerweile sexualpädagogisch geschult. Dabei geht es aber nicht um sexuelle Aufklärung. Kinder müssen erst lernen, ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Erzieherinnen und Erzieher tragen Verantwortung dafür, dass die Kinder dabei ihre eigenen, aber auch die Grenzen der anderen Kinder respektieren. 

Das erste Entdecken und Fragen im Kindergarten bilde eine wichtige Grundlage für später, meint die Mainzer Dozentin und Therapeutin Herta Wiprich. Bereits im Kindergarten beginne, was in der Schule und für die persönliche Entwicklung ganz wichtig sei, sagt auch die Sexualpädagogin Elisabeth Tuider: offen über Sexualität, über den Körper und Geschlechtsteile sprechen zu lernen. Geschlechtsteile werden klar benannt, Fragen ehrlich beantwortet. Das könne Kindern helfen, später zu merken und anzusprechen, wenn etwas für sie unangenehm sei, sagt Tuider:

Wenn etwas grenzüberschreitend ist, wenn Gewalterfahrungen vorliegen. Die Basis ist hier ein Sprechen-Können und Jugendliche auch zum Sprechen zu ermächtigen, ganz im Sinne dessen, was zentraler Bestandteil von Sexualerziehung ist, nämlich Selbstbestimmung.

Aufklärung im Netz

Im Internet finden sich Porno und Aufklärung, Bedrohung und Chance zugleich. Eine Chance bietet die Dr. Sommer-Redaktion der Jugendzeitschrift BRAVO. Sie betreibt das derzeit größte Informationsportal zu Themen rund um Pubertät und Sexualität im Netz. Das Dr. Sommer-Prinzip wurde 1969 von dem Arzt und Psychotherapeuten Martin Goldstein erfunden.

Martin Goldstein (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Martin Goldstein, der Erfinder des Dr. Jochen Sommer picture-alliance / dpa -

Unter dem Pseudonym Dr. Jochen Sommer beantwortete er bis 1984 alle Fragen von Jugendlichen zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Online funktioniert das Dr. Sommer-Prinzip genau so, nur dass die Fragen nicht auf Briefpapier, sondern per Mail kommen. Und der Bedarf der Jugendlichen, so berichten die Redakteurinnen, ist groß. 

Heutige Jugendliche sind konservativer

Auch die Sexualpädagogin Elisabeth Tuider würde sich mehr sexualpädagogische Websites für Jugendliche wünschen, damit die mit der Bilder- und Informationsflut im Netz besser zurecht kämen. Es gehe dabei um Sexualerziehung und Medienkompetenz gleichermaßen, so Tuider. Denn Jugendliche wüssten heute keineswegs besser Bescheid als frühere Generationen.

Was Sex angeht, sind heutige Jugendliche sogar konservativer als ihre Elterngeneration.

BRAVO (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Die Jugendzeitschrift BRAVO picture-alliance / dpa -

Das ist das Ergebnis verschiedener Jugendstudien, wie etwa der Shell-Studie. Das berühmte erste Mal erleben die meisten derzeit mit etwa 17 Jahren, also tendenziell wieder etwas später als vorherige Generationen. Verglichen mit den Jugendlichen vor fünfzig Jahren, sind die Fragen der Schülerinnen und Schüler aber gleichgeblieben. Einerseits. Andererseits kommen ständig neue Fragen dazu.

Viele Lehrpläne haben darauf reagiert. Sexualkunde ist interdisziplinär und vielfältig geworden, oftmals leider nur auf dem Papier. Denn in der Lehrer-Ausbildung spielt Sexualpädagogik praktisch keine Rolle.

Und im Schul-Alltag braucht es schon besonderes Engagement, um sich den heiklen, aber spannenden Fragen der Schülerinnen und Schüler zu stellen. Für eine selbstbestimmte Entwicklung der Jugendlichen würde sich dieses Engagement allemal lohnen.

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