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Überwachung und Datenschutz

Byung-Chul Han über Psychopolitik Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht

Wir wollen gesund, fit, schön und leistungsstark sein, wir wollen im Job weiter kommen und im Privatleben glücklich sein. Die Losung heißt nicht mehr: Sei Du selbst, akzeptiere Deine Grenzen und Schwächen, sondern: Werde immer besser! Die moderne konsumistisch-kapitalistische Gesellschaft basiert auf einem endlosen Perfektionierungsmuster, das psychische Gefahren mit sich bringt. Byung-Chul Han, geboren in Südkorea, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, beschreibt die Mechanismen der Selbstausbeutung in Zeiten des Neoliberalismus.

Die psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout sind der Ausdruck einer tiefen Krise der Freiheit. Sie sind ein pathologisches Zeichen, dass heute die Freiheit vielfach in Zwang umschlägt. Wir wähnen uns heute frei zu sein. Aber in Wirklichkeit beuten wir uns leidenschaftlich aus, bis wir zusammenbrechen.

arbeit

Positiver oder negativer Stress - von der Euphorie in die Depression

Ich überhole mich selbst

Die perfide Leistungslogik zwingt mich, mich selbst zu überholen. Wenn ich etwas erreicht habe, will ich mehr erreichen. Also ich will mich selbst überholen. Aber es ist ja nicht möglich, sich selbst zu überholen. Diese absurde Leistungslogik führt am Ende zum Kollaps. Wir denken, wir verwirklichen uns, wir optimieren uns, aber in Wirklichkeit beuten wir uns aus. Wogegen könnten wir protestieren? Es gibt ja niemanden, der mich zur Arbeit zwingt. Ich beute mich ja aus freien Stücken aus. Das Leistungssubjekt, das sich frei wähnt, ist in Wirklichkeit ein Knecht. Es ist insofern ein absoluter Knecht, als es ohne den Herrn sich freiwillig ausbeutet.

Ausgebeutet wird nun alles, was zu Praktiken und Ausdrucksformen der Freiheit gehört wie Emotion, Spiel und Kommunikation. Es ist nicht effizient, jemanden gegen seinen Willen auszubeuten. Bei der Fremdausbeutung fällt die Ausbeute sehr gering aus. Erst die Selbstausbeutung als Ausbeutung der Freiheit erzeugt die größte Ausbeute. Die erste Stufe des Burnout-Syndroms ist paradoxerweise Euphorie. Mit Euphorie stürze ich mich in die Arbeit. Am Ende breche ich zusammen und gleite in die Depression.

Emotionen müssen kompetent sein

In der Disziplinargesellschaft, in der man vor allem zu funktionieren hat, stellen Emotionen eher Störungen dar. So gilt es, sie auszumerzen. In der Disziplinargesellschaft hat man wie eine gefühllose Maschine zu funktionieren. Die Maschinen funktionieren ja am besten, wenn Emotionen oder Gefühle ganz ausgeschaltet sind.

Auf der Karteikarte eines Patienten einer Arztpraxis in Berlin klebt ein Zettel «Neu/Ohne Termin Depression!

Positive Emotionen werden kommunikative Ressourcen - was wird aus den übrig bleibenden Emotionen?

Die heutige Konjunktur der Emotion wird durch die neue immaterielle Produktionsweise bedingt, in der der kommunikativen Interaktion immer mehr Bedeutung zukommt. Gefragt ist nun nicht mehr nur kognitive, sondern auch emotionale Kompetenz. Aufgrund dieser Entwicklung wird die ganze Person in den Produktionsprozess verbaut. Nun wird das Soziale, die Kommunikation, ja die Person selbst ausgebeutet. Emotionen werden als "Rohstoff" eingesetzt, um die Kommunikation zu optimieren.

Effizienz der Psychopolitik

Um mehr Produktivität zu generieren, eignet sich der Kapitalismus der Emotion auch das Spiel an, das eigentlich das Andere der Arbeit wäre. Er gamifiziert die Lebens- und Arbeitswelt. Das Spiel emotionalisiert, ja dramatisiert die Arbeit, bringt dadurch mehr Motivation hervor. Mit schnellem Erfolgserlebnis und Belohnungssystem generiert es mehr Leistung und Ausbeute. Der Spieler mit seinen Emotionen ist viel engagierter als ein rational handelnder oder bloß funktionierender Arbeiter.

Ineffizient ist jene disziplinarische Macht, die mit einem großen Kraftaufwand Menschen gewaltsam zur Arbeit zwingt. Wesentlich effizienter ist die Machttechnik, die dafür sorgt, dass sich Menschen von sich aus dem Herrschaftszusammenhang unterordnen. Sie will aktivieren, motivieren, optimieren und nicht hemmen oder unterdrücken. Ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt. Statt Menschen gefügig zu machen, versucht sie, sie abhängig zu machen.

Jugendliche machen ein Selfie

Das Selbst und das Selfie

Bei Freunden sein

Das neoliberale Subjekt als Unternehmer seiner selbst ist nicht fähig zu Beziehungen zu anderen, die frei vom Zweck wären. Zwischen Unternehmern entsteht auch keine zweckfreie Freundschaft. Frei-sein bedeutet aber ursprünglich bei Freunden sein. Freiheit und Freund haben im Indogermanischen dieselbe Wurzel. Die Freiheit ist im Grunde ein Beziehungswort.

Man fühlt sich wirklich frei erst in einer gelingenden Beziehung, in einem beglückenden Zusammensein mit den anderen. Die totale Vereinzelung, zu der das neoliberale Regime führt, macht uns nicht wirklich frei. So stellt sich heute die Frage, ob wir die Freiheit nicht neu definieren, neu erfinden müssen, um der verhängnisvollen Dialektik der Freiheit, die diese in Zwang umschlagen lässt, zu entkommen.

Das Geschlechtsteil des Kapitals

Die individuelle Freiheit stellt für Marx eine List, eine Tücke des Kapitals dar. Das Kapital vermehrt sich mit Hilfe der individuellen Freiheit. Während man miteinander frei konkurriert, pflanzt sich das Kapital fort. Die individuelle Freiheit ist insofern eine Knechtschaft, als sie vom Kapital zu seiner eigenen Vermehrung vereinnahmt wird. Das Kapital beutet also die Freiheit des Individuums aus, um sich fortzupflanzen. Somit wird das freie Individuum zum Geschlechtsteil des Kapitals degradiert. Die individuelle Freiheit, die heute eine exzessive Form annimmt, ist letzten Endes nichts anderes als der Exzess des Kapitals selbst.

Facebooks Chronik-Ansicht

Aus heutiger Sicht wirken die notwendigen Angaben wie Beruf, Schulabschluss oder Entfernung zum Arbeitsplatz fast lächerlich

Die Logik der Ausbeutung der Freiheit gilt heute auch für die Überwachung. In den 80er-Jahren hat man heftigst gegen die Volkszählung protestiert. Sogar die Schüler gingen auf die Barrikaden. Aus heutiger Sicht wirken die notwendigen Angaben wie Beruf, Schulabschluss oder Entfernung zum Arbeitsplatz fast lächerlich. Es war eine Zeit, in der man glaubte, dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüberzustehen, der den Bürgern gegen deren Willen Informationen entreißt. Diese Zeit ist längst vorbei.

Heute entblößen wir uns aus freien Stücken

Orwells Überwachungsstaat mit Teleschirmen und Folterkammern unterscheidet sich grundsätzlich vom digitalen Panoptikum mit Internet, Smartphone und Google Glass, das vom Schein grenzenloser Freiheit und Kommunikation beherrscht ist. Hier wird nicht gefoltert, sondern gepostet und getwittert. Die Überwachung, die mit der Freiheit zusammenfällt, ist wesentlich effizienter als jene Überwachung, die gegen die Freiheit gerichtet ist.

Die heutige Kontrollgesellschaft weist eine besondere panoptische Struktur auf. Nicht die Einsamkeit durch Isolierung, sondern die Hyperkommunikation garantiert die Transparenz. Die Besonderheit des digitalen Panoptikums ist vor allem, dass seine Bewohner selbst an seinem Bau und an seiner Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich selbst zur Schau stellen und sich entblößen. Die pornografische Zurschaustellung und die panoptische Kontrolle fallen in eins.

Allen Bauten des "Panopticon"-Prinzips ist gemeinsam, dass von einem zentralen Ort aus alle Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können (Skizze von Jeremy Bentham (1791))

Allen Bauten des "Panopticon"-Prinzips ist gemeinsam, dass von einem zentralen Ort aus alle Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können (Skizze von Jeremy Bentham (1791))

Digitales Panoptikum

Google und soziale Netzwerke, die sich als Räume der Freiheit präsentieren, sind gleichzeitig digitale Panoptiken. Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Man liefert sich vielmehr freiwillig dem panoptischen Blick aus. Man baut geflissentlich mit am digitalen Panoptikum, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse des digitalen Panoptikums ist also Opfer und Täter zugleich. Darin besteht die Dialektik der Freiheit.

Die Freiheit erweist sich als Kontrolle. Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Ihm bleibt der Herrschaftszusammenhang ganz verborgen. So wähnt er sich in Freiheit.

Die freundliche Macht

Die smarte Macht liest und wertet unsere bewussten und unbewussten Gedanken aus. Sie setzt auf freiwillige Selbstorganisation und Selbstoptimierung. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. So braucht sie keinen Widerstand zu brechen.

Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden

Die freundliche Macht ist mächtiger als die repressive Macht

Diese freundliche Macht ist mächtiger als die repressive Macht. Die heutige Krise der Freiheit besteht darin, dass wir es mit einer Machtform zu tun haben, die die Freiheit nicht negiert oder unterdrückt, sondern sie ausbeutet. Der "Like"-Button ist ihr Signum. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man konsumiert und kommuniziert, ja während man "Like"-Button klickt.

Der Neoliberalimus ist der Kapitalismus des "Gefällt-mir"

Wir steuern heute dem Zeitalter digitaler Psychopolitik zu. Sie schreitet von passiver Überwachung zu aktiver Steuerung fort. So stürzt sie uns in eine weitere Krise der Freiheit. Betroffen ist der freie Wille selbst. Big Data ist ein sehr effizientes psychopolitisches Instrument, das es erlaubt, ein umfassendes Wissen über das individuelle und kollektive Verhalten zu erlangen. Dieses Wissen ist ein Herrschaftswissen, das es möglich macht, in die Psyche einzugreifen und sie auf einer unbewussten Ebene zu beeinflussen. Big Data kündigt das Ende der Person und des freien Willens an.

"Like" ist digitales Amen

Entscheidungen, die wir im Gefühl, frei zu sein, treffen, werden bald ganz manipuliert sein. Die digitale Kontrolle verlagert sich heute von bloßer Überwachung zu aktiver Steuerung der Masse. Diese digitale Psychopolitik ist heute im vollen Gange. Big Data macht womöglich unsere Wünsche lesbar, deren wir uns nicht eigens bewusst sind.

Ein Handy hängt am Strom und wird aufgeladen

"Sharing is Caring" versus "Sharing is Killing"

Die Herrschaft steigert ihre Effizienz, indem sie die Überwachung an jeden einzelnen delegiert. "Like" ist digitales Amen. Während wir "Like" klicken, unterwerfen wir uns dem Herrschaftszusammenhang. Das Smartphone ist nicht nur ein effektiver Überwachungsapparat, sondern auch ein mobiler Beichtstuhl. Beichten war eine sehr effektive Herrschaftstechnik. Wir offenbaren unsere Seele bis in den verborgensten Winkel hinein. Wir leben heute in einem digitalisierten Mittelalter. Wir beichten weiter und zwar freiwillig. Dabei bitten wir nicht um Vergebung, sondern um Aufmerksamkeit. Es ist nun nicht die Kirche, sondern Geheimdienst und Markt, die uns Gehör schenken.

Totale Ökonomisierung

Wir leben in einer digitalen Leibeigenschaft. Die neuen Lehnherren heißen Facebook oder Google. Sie geben uns kostenlos Land zur Verfügung und sagen uns: Beackert es fleißig. Wir beackern es wie verrückt, indem wir kommunizieren, teilen, unser Leben erzählen, die Timeline füllen. Danach kommen die Lehnherren und holen die Ernte. Und wir merken nicht einmal, dass wir ausgebeutet werden.

Warum ist das neoliberale System so stabil? Warum gibt es so wenig Widerstände dagegen? Warum werden sie alle so schnell ins Leere geführt? Warum ist heute keine Revolution mehr möglich trotz immer größer werdender Schere zwischen Reichen und Armen?

Wasserwerfer der Polizei gehen am 30.09.2010 in Stuttgart im Schlossgarten gegen Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 vor.

Dennoch, die Figur des Jahres 2011 sind die Protestierenden - vor allem über das Internet organisieren sich Demonstrationen

Freiheit als Feind

Früher standen Unternehmen miteinander in Konkurrenz. Innerhalb eines Unternehmens war dagegen eine Solidarität möglich. Heute konkurriert jeder mit jedem, auch innerhalb eines Unternehmens. Diese absolute Konkurrenz erhöht zwar die Produktivität, aber sie zerstört die Solidarität, indem sie jeden von uns vereinzelt. Diese Vereinzelung lässt keine Protest- und Revolutionsmasse aufkommen. Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen.

Wie steht es heute mit dem Kommunismus? Überall wird heute Sharing und Community beschworen. Die Ökonomie der Sharing soll die Ökonomie des Eigentums und des Besitzes ablösen. "Sharing is Caring", "Teilen ist Heilen", so heißt eine Maxime der "Circler" im neuen Roman von Dave Eggers "The Circle". Die Pflastersteine, die den Fußweg zur Firmenzentrale von Circle bilden, sind durchsetzt mit Sprüchen wie "Sucht Gemeinschaft" oder "Bringt euch ein". Caring is Killing, so sollte es aber eigentlich heißen.

Teilen ist Töten

Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten. Auch mitten in der kollaborativen Ökonomie herrscht die harte Logik des Kapitalismus. Bei diesem schönen "Teilen" gibt paradoxerweise niemand etwas freiwillig ab. Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft.




Byung-Chul Han, Autor von "Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machttechniken"

Byung-Chul Han, Autor von "Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machttechniken"

Byung-Chul Han studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg und München. 1994 Promotion in Freiburg, 2000 Habilitation an der Universität Basel. Bis 2010 Privatdozent an der Universität Basel, danach Wechsel an die Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2012 ist Byung-Chul Han Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin.

Bücher (Auswahl):
- Psychopolitik – Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer-Verlag. 2014.
- Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns. Gedanken zur Krise der Demokratie. Verlag Matthes & Seitz. 2013.
- Transparenzgesellschaft. Verlag Matthes & Seitz. 2012.

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